Libanon-Tagebuch II – Tag 01 (Tiger, Pinguine und Zebras)

Der erste Tag war ein Wechselbad der Gefühle und schon prall gefüllt mit Ereignissen – also die ideale Vorbereitung auf die kommende Woche.

Mit viel Gepäck aber wenig Mitreisenden haben wir uns gestern Abend auf den Weg gemacht. Die Maschine war so leer, dass man sich schon fast wie auf einem Charterflug fühlen konnte (Lilith und ich hatten 2 Sechserreihen für uns alleine). Wir waren die einzigen Europäer an Bord, mit uns reisten nur einige wenige Libanesen, die seit Jahren in Deutschland leben und ihre Familien  besuchen wollen. Die kleine Runde und ein schreiendes Baby sorgte dafür,  dass niemand schlief und wir uns angeregt unterhielten  – über die chaotische Zukunft oder den Niedergang des Abendlandes (wir waren ambivalent).

Nach der Landung um halb vier Uhr morgens zeigte der Libanon sich gleich wieder von seinen 2 gegensätzlichen Seiten: weil in Beirut nichts so gut funktioniert wie der Buschfunk, hat Hamad von unserer Ankunft erfahren und uns am Flughafen überrascht, was besonders Lilith sehr freute. Wir wurden auch sehr schnell wieder zu seinem Fulltime-Job, denn während ich 2 Stunden mit dem Zoll diskutierte, fütterte er Lilith mit ihrem geliebten Shawarma ab. Zwischenzeitlich zeigte der Libanon nämlich seine unerfreulichste Seite: alle Passagiere wurden kontrolliert und einige Koffer geöffnet. In unseren haben sie 18 der 40 Laptops gefunden und beschlagnahmt. Nach ewigen Diskussionen und nachdem klar war, dass in der Nacht keine Entscheidung mehr getroffen wird, habe ich darauf bestanden, dass die 2 Koffer versiegelt werden (sonst wäre heute nichts mehr zu diskutieren da gewesen). Nach viel hin und her geschah das dann und wir fuhren ins Hotel. Während Lilith ein paar Stunden schlief haben Ranim und ich noch in der Nacht Zollpapiere angefertigt, die mich als Mitarbeiterin von ALPHABET ausweisen und mich bevollmächtigen, Spenden zu importieren. Am nächsten Morgen fuhr Hamad Lilith und mich wieder zum Zoll, wo unsere Papiere sehr wohlwollend aufgenommen worden wären – wenn wir sie zusammen mit 4000 $ vorgelegt hätten. Nachdem ich mich weigerte begann ein langer Schikanenmarathon. Es wurden immer neue Papiere verlangt, manche davon gar nicht beschaffbar. Sie wollten z.b. eine Bestätigung von Germania, dass ich die Laptops über sie eingeführt habe (Ticket und Anhänger an den beschlagnahmten Koffern reichten da wohl nicht), Germania hat aber gar kein Büro und keine Mitarbeiter am Beiruter Flughafen. Nach einem mehrstündigen Lauf von Pontius zu Pilatus (immer geduldig begleitet von Hamad und Lilith) führte ich schließlich ein längeres  Gespräch mit einem Mitarbeiter der Middle Eastern Airlines, der sehr nett war und mir kurzerhand zertifizierte, dass ich die Laptops mit seiner Airline eingeführt hatte. Der Zoll war glücklich (dass wir vorher 3 Stunden über eine andere Airline gesprochen hatten, störte niemanden). Damit waren wir zurück beim Thema Geld und meiner Weigerung, 4000 $ zu bezahlen. Da die Koffer versiegelt (für die Zollmitarbeiter also wertlos) waren, einigten wir uns schließlich auf 1400$. Diese Einigung erzielten wir um 14.10 Uhr – das Zolllager schließt um 14 Uhr!!! Da ich morgen aber unbedingt schon früh in die Bekaa-Ebene muss, wenn wir eine Chance haben wollen, die Schulen rechtzeitig fertig zu bekommen, kann ich nicht noch einen Tag beim Zoll verbringen und wir einigten uns darauf, dass Hamad sich morgen damit herumplagt,  bewaffnet mit 1400 $ und meinem Pass. Es sieht sehr gut aus, dass es morgen klappt, aber trotzdem bitte noch Daumen drücken!

Für eine Fahrt zur Zeltschule war es da leider schon zu spät, aber da man nach so endlosen, sinnlosen Stunden das dringende Bedürfnis hat, noch etwas sinnvolles  zu tun, sind wir nach Shatila gefahren und haben die Schule von Basmeh & Zeitooneh im Syrer-Palästinenservietel in Beirut besucht, die wir schon länger unterstützen. Wir haben wieder viele schöne Sachen eingekauft bei den Mädchen, die dort zu  Näherinnen und Stickerinnen ausgebildet werden, die Ihr bald online bei uns kaufen könnt. Einige der Mädchen und Frauen, mit denen ich gesprochen habe, werde ich euch auch noch genauer vorstellen, wenn mir dafür die Zeit bleibt. Morgen fangen wir aber erstmal an zu bauen und lassen uns überraschen, ob das ebenso viele Herausforderungen birgt wie der heutige Tag……

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