Libanon-Tagebuch II – Tag 03

Auch heute waren wir natürlich wieder fleißig. Abgesehen davon, dass wir an der Tigerschule weitergebaut haben, waren wir heute auch bei den Zebras, der Schule, die wir von Alphabet adoptieren, weil sie sonst schließen müsste. Wer die Abendschau-Doku im August gesehen hat, der hat auch diese Schule schon gesehen, denn ich hatte sie im August schon besucht, heute möchte ich euch aber alles etwas genauer vorstellen.

Die Schule hat 3 Klassenzimmer und 160 Schüler. Auch hier sind sie eingeteilt in 3 Altersgruppen und innerhalb dieser Altersgruppen je in eine Vormittags- und eine Nachmittagsschicht. Unterrichtet werden sie von Housyn Bilal, der in seinem „Leben vor dem Krieg“ (das ist ein Ausdruck, den ich hier sehr oft höre) Ingenieur in Homs war und bei uns in der Schule die 2 Gruppen der Ältesten unterrichtet.

Die Mittleren werden von Housyns Frau Fiddah unterrichtet, die vor dem Krieg Mathematikerin war. Als sie das so formulierte, fragte ich, warum sie denn die Vergangenheitsform benutze, sie sei doch immer noch Mathematikerin, seufzte sie: „Madame, hier sind wir nicht mehr wir selbst, hier sind wir alle nur noch Flüchtlinge und nichts als das.“

Housyns und Fiddahs eigene Söhne sind 19, 15 und 13. Die beiden Großen haben die Schule bereits beendet uns arbeiten auf den Feldern, obwohl Fiddah mir erzählt, dass ihr Ältester eine große Begabung für Mathematik habe. Vielleicht, wenn der Krieg einmal vorbei ist, vielleicht kann er dann zuhause studieren…… Doch sie bricht mitten im Satz ab, zu surreal scheint der Gedanke an ein Kriegsende, ein intaktes Zuhause, eine glückliche Zukunft.

Die Gruppe der Kleinen wird von Naheya Amer unterrichtet, die in Damaskus Grundschullehrerin war. Sie macht mit den Kleinen gerade etwas, was ich aus Linus‘ Matheunterricht kenne: > und <. Und um sicher zu sein, was > und was < ist, wird sicherheitshalber immer von einem Kind an der Tafel mit den Fingern nachgezählt . ☺

Eigentlich hatten wir für unsere adoptierten Zebras 160 Rucksäcke und 160 Spielsachen eingeplant, doch da wir nun ganz plötzlich und ungeplant auch eine Pinguinschule bauen, haben wir heute den Zebras „nur“ Spielsachen mitgebracht (die Rucksäcke bekommen die Pinguine bei der Eröffnung am Wochenende), und das war selbst nach Schulschluss, beim Verlassen der Schule, immer noch eine Riesenfreude.

Aber ich schulde euch ja seit gestern noch die Erklärung für die Pinguine: schon vor 14 Monaten sollte es in diesem Camp eine Alphabetschule geben und der Bau wurde sogar schon begonnen, als Dou’a, damals 7, mit ihrer Familie über die Berge floh und hier strandete. Dou’a hat Krebs und sie und ihre Familie haben eine, selbst für syrische Verhältnisse, unsagbar schreckliche Geschichte hinter sich, die ich euch morgen erzählen werde. Aber Ranim hatte damals die Wahl entweder Dou‘as Behandlung zu bezahlen oder die Schule für das Camp, beides konnte sie sich nicht leisten. Das unfassbar beeindruckende daran ist, dass das Camp sie GEBETEN hat, sich für Dou’a zu entscheiden, die Campbewohner also freiwillig schon seit über einem Jahr auf die heiß ersehnte Schule verzichten, um Dou’as Behandlung sicherzustellen. Ich habe gestern mit vielen im Camp, auch mit Dou‘a und ihrer Mutter lange gesprochen und danach war mir klar, dass wir diesem Camp eine Schule geben MÜSSEN. – Nur wie bezahlen???

Das Gute an meiner Zoll-Odyssee vorgestern ist (abgesehen davon, dass es mir immer noch ein inneres Nutellabrot ist, dass die Kontrolleure mir beim Beschlagnahmen der Laptops eigenhändig und total desinteressiert die Spiele in die Hand gedrückt haben, in denen 20.000$ in bar versteckt waren) ☺, dass mit mir von Büro zu Büro ein in Amerika lebender Libanese namens Esmael eilte, der 10.000$ aus den Staaten mitgebracht hatte, um sie hier „Save the Children“ (oder wie Ranim es nennt: „ the organization that never saved a child in Lebanon“) zu spenden. Sein Geld wurde gefunden und der Zoll verlangte von ihm eine Bestätigung des Empfängers, dass er es für die Spende ins Land gebracht hatte. Obwohl das wohl vorher mit StC vereinbart war, tauchte in den 6 Stunden, in denen ich beim Zoll war, niemand von der Organisation auf und Esmael tigerte mit mir durch die Gänge und wir schimpften gemeinsam über die chaotische Bürokratie hier. Gegen Mittag traf er dann die Entscheidung, das Geld lieber uns zu spenden. Im Büro des netten „Middle Eastern Airlines“-Mitarbeiters (ihr erinnert euch?) setzten wir in aller Eile eine Bestätigung auf, dass das Geld in der Tat als Spende (an uns) ins Land gebracht wurde (@Sonja: wer hätte ahnen können, dass ich den offiziellen Zeltschule-Stempel hier hätte brauchen können? ☺)

Lange Rede kurzer Sinn: von diesen 10.000$ finanzieren wir die neue Schule. Dafür verschieben wir den Bau der Löwenschule bis die Zelte von Toolport eintreffen, weil ein so großer Bau (das Camp dort hat 250 Kinder) zu teuer wäre.

Zu guter Letzt haben wir dann noch eine ganz besondere Spende eines neuen Vereinsmitglieds in die Giraffenschule gebracht: Musikinstrumente – die natürlich sofort benutzt wurden! Vielen Dank an Cristina Angelini, die Kinder waren begeistert und wer hätte gedacht, dass Yehya so ein begnadeter Dirigent ist? ☺

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2 Kommentare

  • Anton Kaplonski

    Echt bewegend eure tägliche Berichterstattung, bitte macht weiter so. Ich kann mir richtig vorstellen, wie wichtig dieser Hoffnungsschimmer für die armen Leute dort ist!

  • Vroni

    Wow! Einfach nur Wow. Immer wieder aufregend zu lesen, jeden Tag passieren so viele neue Dinge, die ganzen Eindrücke, Spiessrutenläufe, aber auch die Situationskomik dabei, wenn das Geld für eine andere Organisation nun letztlich doch bei Kindern ankommt, die es brauchen, die Tatsache, dass du tatsächlich cash in Spielsachen reingebracht hast, Wahnsinn! Tollllll tolllll tollll

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