Libanon-Tagebuch II – Tag 04 (Tiger, Pinguine und Zebras)

Heute haben wir sehr viel gelacht und das ist doch immer gut, oder?

Es begann morgens damit, dass ich das Hotel (mal wieder) mit Koffern verließ  (gefüllt mit Laptops, die haben wir nämlich heute  in die Bekaa-Ebene gebracht) und eine neue Mitarbeiterin an der Rezeption mich fragte: „Are you checking out?“, worauf der Manager, der neben ihr stand, nur die Augen verdrehte und lachend meinte „Don’t ask“. ☺

Dann sind wir losgefahren, natürlich mit Hamad, der nach wie vor Angst hat, dass Lilith verhungert, wenn er nicht dabei ist und uns stündlich zum Essen zwingt. Sehr amüsant war, dass er und Ranim mich im August immer ausgelacht haben, weil ich einen genauen Plan hatte, wann was fertig sein muss, wann wir was machen müssen usw. Im Libanon ist die Einstellung eher so, dass man grob in die Richtung fährt, in die man will, und dann sieht, was sich ergibt. Heute haben wir sehr gelacht, weil sich unsere Rollen vertauscht zu haben scheinen: sobald ich im Auto sitze sehen Hamad und Ranim mich erwartungsvoll an und fragen mich nach dem geplanten Tagesablauf, und ich bin jetzt plötzlich die, die sagt, lasst uns erstmal zu Yehya fahren, dann sehen wir weiter. – Ich hoffe, das bedeutet, dass wir alle an unseren Aufgaben wachsen. ☺

Der nächste Lacher kam dann im Pinguincamp. Hier haben wir geplant, das gespendete Zelt von ZM-I aufzustellen, als ich allerdings gestern den dafür vorgesehenen Platz gesehen habe, habe ich sofort gesagt, dass er für das Zelt zu klein ist.

4 Männer aus dem Camp, Yehya, Hamad und sogar Ranim (Verräterin) waren der Ansicht, das ginge leicht. Um mich zu „überraschen“ haben die Männer aus dem Camp nun gestern Abend wohl das Zelt aufgebaut – und festgestellt, dass es an dem Platz tatsächlich bis zur Mitte der Straße reicht. ☺ Leider haben sie es nicht fotografiert, ehe sie es wieder abgebaut haben. Ich hatte also heute früh einen kurzen aber schönen Ällabätsch-Moment, bis mir eingefallen ist, dass ich es bin, die sich jetzt eine Lösung einfallen lassen muss. Wir machen es einfach auf libanesische Art: wir improvisieren. Wir werden die Plane und drei Viertel des Gestänges nutzen, aber mit einer aus Holz gebauten Seitenwand das Zelt um ca. einen Meter verschmälern.

35 der 40 Laptops haben wir im Alphabet-Lager weggeschlossen (zur Fahrt in die Bekaa-Ebene haben wir heute sogar extra das Auto von Ranims Mann ausgeliehen, das ein Diplomaten-Kennzeichen hat, um sicherzugehen, dass mir die Laptops nicht nach den zähen Verhandlungen am Flughafen in letzter Minute bei einer Straßenkontrolle auf dem Weg nach Beqaa weggenommen werden), aber 5 sind bereits bei den Giraffen. Und weil die Kleinen heute so schön gerechnet haben, durften sie sie als erste anmachen.

Im wahren Leben werden die Kleinen die Laptops aber nicht so bald wiedersehen, deswegen waren sie sehr konzentriert.

 

Ich habe mit Yehya besprochen, dass ich es für am sinnvollsten hielte, wenn die Großen aller Schulen 2-3 mal die Woche gezielt und zusammen Unterricht mit der Software hätten. Ideal hierfür wäre die Zebraschule, die 3 Klassenräume hat und zu einer festgelegten Zeit einen Raum für den EDV-Unterricht abtreten kann. Wir arbeiten gerade noch an der Logistik des Vorhabens, aber wahrscheinlich wird der Alphabet-Lieferwagen die Kinder einsammeln und nach dem Unterricht wieder in ihre Camps bringen.

Den Giraffenkindern haben Lilith und ich außerdem heute „If you’re happy and you know it“ beigebracht, aber da Ranim und Hamad auch mitgemacht haben, wurde mir von ihnen strikt verboten, das Video, auf dem wir das alle singen, zu veröffentlichen. Obwohl ich fürchte, dass das mein Lehrerinnen-Image nur weiter fördert, seht ihr hier den einzigen Bildbeweis für die Aktion.

 

Außerdem hat Ayoush (viele von euch erinnern sich sicher an sie, sie war im August immer in unserer Nähe und es gab viele Fotos von ihr) große Neuigkeiten erhalten: ihrer Familie wurde Asyl in Kanada gewährt und in wenigen Wochen geht es auf die große Reise.

Ich habe mit ihrer Mutter Radiah (sie ist Yehyas Schwester) heute letzte Formulare ausgefüllt und mit ihr über das bevorstehende Abenteuer gesprochen. Radiah ist 26 und hat 6 Kinder!

Besonders Ayoush und ihre kleine Schwester Aysha waren immer sehr anhänglich und ich werde sie bei meinem nächsten Besuch sehr vermissen.

 

Kanada haben sie sich weder ausgesucht, noch wissen sie besonders viel darüber. Die UN, die hier regelmäßig für Zählungen und Datenerfassung in die Camps kommt, fragt auch immer alle Familien, ob sie sich für Asylanträge im Ausland registrieren lassen wollen. Anscheinend hat Radiahs Mann vor 3 (!!!!) Jahren bei der Einreise in den Libanon dazu ohne viel zu überlegen mal ja gesagt, denn nun kam der positive Bescheid aus dem Nichts. Radiah selbst würde sehr viel lieber bei ihrem Bruder und ihrer Mutter bleiben, doch sie weiß natürlich, dass die Chancen, die ihren Kinder in Kanada geboten werden nicht vergleichbar sind mit den Bedingungen hier, und dass man so eine Gelegenheit nicht vorüberziehen lassen darf.

Ayoush freut sich zwar auf das Abenteuer, hat aber Angst vor dem Flug. Was passiert, wenn das Flugzeug ins Meer stürzt, fragt sie mich? Ich versichere ihr, dass sie schlimmeres überstanden hat als den Flug. Stolz erzählt sie mir, dass sie Bilder von Kanada auf dem Handy ihres Papas gesehen hat, dass sie aber nicht genau nachsehen konnten, weil sie nicht wissen, wohin in Kanada sie geschickt werden. Sie kann aber schon 2 englische Wörter: Apple und Banana. Als wir ihr versichern, dass Lilith auch schon in Kanada war und es ganz toll fand, ist sie beruhigt.

Schließlich ruft mich noch Baschar, der Lehrer des Abdallah-Camps, dem wir am Montag Spielsachen vorbeigebracht haben an und fragt, ob wir auf dem Heimweg noch bei ihnen vorbeikommen, denn als Dankeschön möchten die Kinder uns gerne ein Lied vorsingen, das sie heute geübt haben. Natürlich sehen wir uns das noch an!

 Noch sieht es ganz gut aus, dass wir beide Schulen bis Sonntag fertig bekommen, aber im Libanon geht schnell etwas schief, also bitte weiter Daumen drücken!

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