Libanon-Tagebuch II – Tag 05 (Tiger, Pinguine und Zebras)

Heute war der Tag der Hausbesuche und obwohl wir mit all unseren Bauvorhaben noch gut in der Zeit liegen, war es ein trauriger Tag, weil mir heute viele schreckliche Geschichten erzählt wurden.

Es begann damit, dass vor dem Hotel 2 syrische Jungs gewartet haben, die gehört haben, dass wir in der Stadt sind um Schulen zu bauen und uns besuchen wollten. Die Brüder sind 12 und 13, kommen aus Idlib und arbeiten schon seit einem Jahr als Schuhputzer in Beirut. Das Hotel hat sich geweigert, sie hineinzulassen und in ein Cafe trauten sich die beiden nicht, aus Angst, dass sie dort nach Eltern oder Aufenthaltsgenehmigungen gefragt werden könnten (sie haben weder das eine noch das andere). Ihre „große“ (16-jährige) Schwester ist mit ihrem Mann in den Libanon geflohen und Fadi und Khalif (so heißen die beiden) wurden einfach mitgeschickt. Die Eltern blieben mit den kleineren Geschwistern in Idlib. Während unserem Gespräch bestanden sie darauf, Liliths (Turn!)Schuhe zu putzen, damit es nicht „komisch“ aussieht, wenn sie mit mir auf der Straße stehen. Während einer Schuhe putzt, hält der andere beständig nach der Polizei Ausschau.

Ob sie nicht viel lieber zur Schule gehen würden, frage ich sie, und gehe im Geiste schon durch, in welchem Camp ich sie unterbringen könnte, als sie empört abwinken. Sie wüssten alles, was es zu wissen gibt, informieren sie mich, sie waren zuhause in Idlib die Klassenbesten und führen seit sie hier sind ihre eigenen Bücher. 368$ haben sie in einem Jahr mit Schuheputzen verdient, teilen sie mir mit und ich zeige mich entsprechend beeindruckt. Morgen wollen sie uns wieder vor dem Hotel erwarten – aber nur zum Reden und Schuhputzen, nichts weiter.

Als wir bei Yehya ankamen, wartete dort Housyn, der Lehrer aus der Zebraschule auf mich und bat mich um ein Gespräch. Er erzählte mir die Geschichte seines Neffen Mohammad, der dringend Hilfe brauche. Mohammad ist 30 und stammt aus der Rebellen-Hochburg Kusseir. Kusseir wurde von Assads Armee vollkommen zerstört und Mohammad, seine Frau und seine 2 Kinder flohen mit nichts als dem, was sie am Leib hatten, in den Libanon. Doch weil in dem Camp in Aanjar, ganz in unserer Nähe, in dem sie sich zuerst niederließen, bald bekannt wurde, dass hier Flüchtlinge aus Kusseir sind, kam die Hisbollah, zerstörte das Lager und sie folterten Mohammad tagelang, ehe sie ihn wieder gehen ließen. Seitdem sei sein Neffe „krank im Geist“ sagt Housyn, er habe Panikattacken, wache nachts schreiend auf, habe manchmal Halluzinationen…. Seine Frau hat ihn verlassen und ist mit den Kindern zu ihren Eltern nach Damaskus zurückgekehrt. Housyn und seine Frau Fiddah (ihr kennt sie von gestern, sie ist auch Lehrerin in der Zebraschule) haben ihn in einem kuwaitischen Camp untergebracht, in dem ihn die Hisbollah nicht so leicht finden kann, in dem man ihn aber nicht haben will, weil er nachts so oft schreit. Er braucht dringend Medikamente, für die er sogar ein Rezept von dem libanesischen Arzt hat, bei dem er zur Erstversorgung nach den Misshandlungen gewesen ist, die ihnen aber nicht verkauft werden. Ich mache mich also auf in das Camp, das sie mir genannt haben, und Lilith und ich sind erst einmal geplättet von der Größe : 2500 Menschen leben hier, Zelt an Zelt, Container an Container, in endlos erscheinenden Reihen.

Als wir ihn gefunden haben, ist Mohammad zittrig und nervös. Obwohl er wusste, dass ich komme, fühlt er sich offensichtlich nicht wohl mit jemand Fremdem im Zelt, möchte sich aber auch keinesfalls draußen unterhalten, weil er sein Zelt kaum verlässt. Er gibt mir ein Rezept für ein Medikament gegen Angstzustände, das er sich nicht leisten kann und bei dem es fraglich ist, ob es Housyn ausgehändigt würde, selbst wenn er das Geld für seinen Neffen auftreiben könnte.

Ich mache mich auf den Weg zu einer Apotheke und die dritte hat das Medikament schließlich vorrätig. Ich verabrede mich mit Housyn und Fiddah und gemeinsam bringen wir es Mohammad. Schon nach wenigen Minuten ist er ruhiger, lässt sich erklären, wann und wie er die Tabletten nehmen muss.

Wie für die meisten Probleme der syrischen Flüchtlinge gibt es auch für Mohammad nur Lösungen auf Zeit. Was passiert, wenn die Tabletten langfristig nicht anschlagen? Mohammad den Einnahmeplan nicht befolgt? Wenn sie leer sind?  Für ein Übergangsleben kann es nur Übergangslösungen geben.

Zurück im Pinguincamp stellen wir fest, dass eine Teilnutzung des Gestänges für das zu breite Zelt nicht möglich ist. Also bilden wir die Form so gut es geht mit Holz nach (nur schmaler) und werden dann die Plane benutzen. Insgesamt 7 Stunden dauert der Bau und da es schon gegen 17 Uhr dunkel wird, bauen wir auch im Dunkeln weiter.

Auf der Fahrt Nachhause bittet mich schließlich Ranim um noch einen „Hausbesuch“: eine alte Freundin von ihr wolle mich sprechen. Wir halten an einer Reihe baufälliger, leerstehender Häuser keine Viertelstunde vom Camp entfernt. Wie sich herausstellt, sind im ersten Stock eines Hauses 2 Zimmer bewohnt: von Ranims Freundin Loutfieh und deren Tochter. Wir setzen uns auf wacklige Stühle in dem zugigen Raum und Loutfieh erzählt mir, dass zu ihrer Familie einmal 8 Personen gehörten: sie selbst und ihr Mann, 4 Söhne und 2 Töchter. In Damaskus haben sie gelebt, ihr Mann war Taxifahrer und auch die Kinder hatten alle eine gute Arbeit. Sie war immer ein politischer Mensch, hat auch ihre Kinder dazu erzogen, sie beobachtete die Ereignisse im Arabischen Frühling sehr genau und machte sich bei Kriegsausbruch auch nicht wie viele andere vor, dass das sicher schnell vorbei wäre. 3 ihrer 4 Söhne gehen gegen das Regime auf die Straße. Mir fällt plötzlich ein, dass ein Bekannter in Deutschland mir kürzlich einen Artikel zeigte, der die gewagte These aufstellte, es habe in Syrien nie einen Volksaufstand gegeben, das syrische Volk sei vollkommen zufrieden mit der Regierung gewesen, bis Aufwiegler aus dem Ausland das Volk aufstachelten und Proteste inszenierten.

Loutfieh lacht bitter auf. Es hat Proteste gegeben, sagt sie mit Bestimmtheit. Sie wisse es so genau, weil ihre Söhne unter den Protestanten waren. Und sie wisse es so genau, weil sie solche Angst um ihre Kinder hatte, dass sie sie zu den Demonstrationen begleitet hatte. Doch bald war Protestieren nicht mehr genug. 3 ihrer Söhne schlossen sich der Freien Syrischen Armee an. 2012 wurde ihr ältester Sohn Hassan zusammen mit seinem Schwager verhaftet und 4 Monate lang gefoltert. Von seinem Tod erfährt Loutfieh durch den Schwager, der sie aus dem Gefängnis anruft und ihr schluchzend berichtet, was passiert war. Es ist das letzte Mal, dass Loutfieh von ihrem Schwiegersohn hört, das ist inzwischen vier Jahre her. Ob sie hoffen sollen, dass er noch in Haft ist, oder ob sie hoffen sollen, dass er rasch getötet wurde, wissen weder Loutfieh noch ihre Tochter.

Ihr Sohn ibrahim verschwand wenige Wochen später einfach. Wie verrückt habe die ganze Familie nach ihm gesucht, wochenlang, Tag und Nacht. Fast einen Monat nach seinem Verschwinden wurde er an der Quelle eines kleinen Baches gefunden. Identifiziert werden konnte er nur aufgrund eines Tattoos am Oberarm, sein Gesicht war nicht mehr erkennbar, er wurde zu Tode geprügelt. Ibrahim war 26 Jahre alt.

Ihr dritter Sohn Omar wurde 3 Monate später auf dem Weg zum Einkaufen einfach auf offener Straße am helllichten Tag erschossen. Wenige Wochen später nimmt ihr Mann sich das Leben, weil er den Tod der Söhne nicht verkraftet. Loutfieh erzählt mir das alles ohne Träne, aufrecht sitzend, die Hände im Schoß gefaltet. Sie habe ihre Tochter und ihren Sohn gepackt und sei mit ihnen in den Libanon geflohen (die älteste Tochter ist in Damaskus verheiratet und bleibt bei ihrem Mann), ehe man ihr diese Kinder auch nimmt. Ihren Sohn hat sie so weit fort wie möglich geschickt, auf einem überfüllten Boot floh er nach Europa und lebt heute in Deutschland. Ihre Tochter (deren Mann seit 4 Jahren in Haft ist) will in der Nähe bleiben und lebt bei Loutfieh.

Wieso wollte sie mir das erzählen, frage ich sie, wozu das alles noch einmal durchleben? – Wozu ist es geschehen, wenn ich es nicht ausspreche, fragt sie zurück. „Es muss gesagt werden und du musst es weitererzählen. Das ist es, was in Syrien mit Regimegegnern passiert. Alle müssen es wissen.“

Im Libanon muss sie sich vor der Hisbollah verstecken (deswegen mache ich auch kein Foto von ihr), zurück nach Syrien kann sie nicht, weil dort ein Haftbefehl gegen sie erlassen wurde, sie würde noch an der Grenze festgenommen.

Vom Fenster der trostlosen Wohnung (ihre „Küche“ ist eine Kochplatte auf einer alten Kommode) sieht man auf eines der zahlreichen „Jagdgeschäfte“ im Libanon, Läden, in denen offen Waffen und Militärausrüstungen verkauft werden unter dem Vorwand, Jäger auszustatten. Nicht selten sind in den Schaufenstern Großwildjäger abgebildet. Das Geschäft, das man von Loutfiehs Fenster aus sieht, hat sogar einen lebensgroßen Löwen im Fenster. „Sollen sie doch gehen und den Löwen in Syrien jagen“, sagt sie leise und meint damit Baschar al Assad.

Ist es so einfach, frage ich sie. Hält sie ihn als Person verantwortlich für den Tod ihrer Kinder? Oder das System, die Partei, Russland, Iran, die tatenlose Weltöffentlichkeit……?

Sie überlegt lange und erwidert dann schließlich: “Das muss die nächste Generation entscheiden, nicht wir. Geh und bau deine Schulen, damit sie die richtige Entscheidung treffen können.“

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

3 Kommentare

  • Yvonne Lüer

    Das ist so traurig. Da könnte ich nur noch weinen.
    Kommt gesund wieder und passt auf euch auf.

  • Anton Kaplonski

    Da kann man nur heulen, bei all dem Leid! Unfassbar was der Krieg aus den Menschen macht. Wir sollten alle mehr solcher Geschichten hören, daran Anteil nehmen und versuchen zu helfen. Passt bitte auf Euch auf und helft wo ihr könnt! Wir sind sehr stolz auf Euch. Echt traurig was du da geschrieben hast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.