Libanon-Tagebuch II – Tag 06 (Tiger, Pinguine und Zebras)

Heute war (trotz schlechten Wetters morgens) ein guter Tag. Der strömende Regen war unseren beiden Baustellen zwar nicht eben förderlich und verwandelte die Camps vormittags in Schlammgruben, aber dank der Tatsache, dass der Spuk mittags vorbei war und wir diesmal ohnehin vorhatten, erst am Ende zu betonieren (haben wir uns im kuwaitischen Camp, in dem Mohammad lebt, abgeschaut) sind wir noch in der Zeit.

Der Satz des Tages kam heute von Lilith: „Gibt es hier eigentlich keinen Präsidenten oder sowas? Schönen Gruß, dieses Land braucht mal ein paar Gullis!“ ☺

Da ich gestern Abend nochmal in Shatila war und mich sehr beeindruckt hat, dass in einem Armenviertel ohne Adressen, Festnetzleitungen oder Handyverträge die komplette Basmeh & Zeitooneh Organisation über Whats App kommuniziert, habe ich heute eine WhatsApp-Lehrergruppe gegründet, über die unsere 6 und Ranims 8 Lehrer jetzt kommunizieren und sich gegenseitig unterstützen können. (Yehya hat als erste Amtshandlung den Satz des Tages an die anderen Lehrer geschickt). ☺

Und weil das so gut klappte haben wir auch gleich spontan ein erstes Treffen abgehalten. Die Kinder im Tigercamp fanden die geballte Ladung Lehrer (am schulfreien Samstag und noch dazu vor der Eröffnung der Schule) etwas suspekt, aber da wir dort heute den ganzen Tag gebaut haben, mussten wir uns auch dort treffen.

Als erstes wurde natürlich gekocht, dann in großer Runde ein Thema besprochen, das mir schon lange am Herzen liegt und über das wir auch schon in diversen Vereinssitzungen geredet haben: der Unterricht, den wir anbieten, kann nicht über das 14. Lebensjahr hinausgehen. Besonders begabten Kindern können wir also nicht ermöglichen, einmal zu studieren. Wir haben auch in der letzten Vereinssitzung schon darüber gesprochen, dass wir gerne eine Art Stipendienprogramm einführen möchten, um jedes Jahr 3 oder 4 der 14-jährigen pro Schule auf eine weiterführende Privatschule schicken zu können, doch dazu müssten die Kinder dann das Camp verlassen und in einer Art Internat leben, was wiederum kostspielig wäre. Auf meine Frage in die Lehrerrunde, wie viele Kinder an jeder Schule sind, die nach der Beurteilung der Lehrer ihre Ausbildung unbedingt fortsetzen sollten, wurden Notenlisten durchgesehen und heiß diskutiert. Am Ende kamen wir auf 42 Kinder an allen Alphabet-Schulen, die nach Ansicht der Lehrer unbedingt eine höhere Bildung anstreben sollten – also eine Zahl, die wir uns an Privatschulen nie leisten könnten. Nun gibt es ja aber die libanesische Back-to-School-Initiative, auf die ich in Deutschland öfter angesprochen werde, wenn Menschen mir erklären möchten, dass das, was wir hier tun, vollkommen sinnlos ist, denn syrische Kinder können ja (angeblich) in libanesische Schulen gehen. In der Tat ist es so, dass die libanesische Regierung jahrelang sowohl private Gelder von internationalen NGOs wie auch staatliche Entwicklungshilfegelder aus der EU bekommen hat für die Ausbildung der syrischen Flüchtlingskinder. Erst vor etwa sechs Monaten wurde dann erstmals überprüft, wie viele der syrischen Kinder denn tatsächlich an libanesischen Schulen registriert sind: die Zahl lag unter 20%. Nun wurde der Libanon natürlich angehalten, hier aufzuholen und die kassierten Gelder endlich so einzusetzen, wie beabsichtigt, daher die Back-to-School-Initiative – nur ändert die leider gar nichts an den ursprünglichen Problemen: es gibt kaum Transportmöglichkeiten um die Kinder von den Camps zu einer staatlichen Schule zu fahren, die Kosten für Schulmaterialien müssen von den Familien selbst getragen werden, was sich fast niemand leisten kann, und die wenigen syrischen Kinder, die an libanesischen Schulen sind bzw. waren wollen schnellstmöglich die Schule wieder verlassen, weil sie von Schülern und Lehrern gemobbt und nicht selten misshandelt werden. Aber theoretisch müssten sie einen Platz bekommen und wenn wir eine Gruppe von über 40 Kindern in einer Schule anmelden, müsste es dann nicht sogar möglich sein, sie in einer Extraklasse zu unterrichten und sie so vor Mobbing zu schützen?

Ich beschließe, einfach mein Glück zu versuchen und Hamad, Lilith und ich begeben uns auf eine zweistündige Schultour in der näheren Umgebung. 4 Schulen wären noch halbwegs erreichbar von den Camps aus und bei den ersten zweien bekommen wir eiskalt eine Abfuhr. Die Schulen seien „voll“ wird uns an den Schultoren gesagt (sehr unwahrscheinlich, da auch viele Libanesen sich nicht leisten können, ihre Kinder zur Schule zu schicken) und in beiden werden wir noch nicht einmal ins Büro des Direktors gebeten, um unser Anliegen genauer zu besprechen, sondern werden am Eingang abgefertigt. Sehr zu meiner Belustigung ist Hamad empörter darüber als ich, dass die Schulen syrische Kinder ablehnen. Dass es gerade einmal 6 Monate her ist, als wir uns kennenlernten, und er damals lieber den ganzen Tag bei einem Gemüsehändler gegenüber auf mich wartete, als mit mir in die Camps zu kommen, ist für ihn schon nicht mehr war.

Aber als wir bei der dritten Schule ankommen (mit dem Auto ca. 15 Minuten entfernt), spielt das alles keine Rolle mehr. Wir werden sehr höflich empfangen, sogar ins Lehrerzimmer gebeten und sollen 20 Minuten warten, dann sei der Unterricht zu Ende und man könne mit allen 12 Lehrern der Schule sprechen. Gesagt, getan. Das Gespräch dauert ca. 45 Minuten und übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Alle sind sehr freundlich und wollen eine Lösung für unsere 42 Kinder finden. Der Vorschlag der Schule selbst ist es, dass unsere Kinder separat am Nachmittag unterrichtet werden, wenn der Unterricht für die libanesischen beendet ist. Wir müssten nur das Gehalt der beiden Lehrer bezahlen, die diesen Nachmittagsunterricht (zusätzlich zu ihren normalen Stunden) geben und versprechen, das ganze nicht an die große Glocke zu hängen (die Schule will nicht genannt werden  und so möglichst vermeiden, dass die libanesischen Eltern oder am Ende die Schulbehörde davon erfahren). Für uns ist das der Jackpot, denn für ca. 300$ im Monat können nun ab April alle unsere begabten Kinder ihre Bildung über das 14. Lebensjahr hinaus fortsetzen!

Unser erster Weg führt natürlich zu Yehya, der inzwischen längst mehr als „nur“ der Lehrer unserer ersten Schule ist, sein Zelt ist praktisch das Headquarter unserer ganzen Initiative und er unterstützt uns auch maßgeblich beim Bau der anderen Schulen. Er hat Tränen in den Augen, als ich ihm die frohe Botschaft bringe. Genau deshalb gehe er nicht weg, raunt er mir zu, weil immer noch Wunder passieren. Auf meinen fragenden Blick zieht er mich zur Seite und vertraut mir flüsternd an, dass auch er nach Kanada gehen dürfte, Radiahs bewilligtes Asyl schließt ihre ganze Familie (also auch ihn als Bruder mit Frau und Kindern) ein. Als ich gerade anfangen will, ihm zu sagen, dass er sich so eine Chance nicht entgehen lassen darf, schüttelt er schon vehement den Kopf. Er würde seine Schule (auch nach 6 Monaten hat er noch feuchte Augen wenn er „meine Schule“ sagt), nie verlassen, im Camp weiß niemand davon und so soll es auch bleiben.

„Ich bin glücklich mit meinen Aufgaben hier, Madame. Und ist es nicht ein Wunder, dass ich hier wieder glücklich sein kann?“

Ich sage ihm, dass ich glücklich wäre, wenn er endlich aufhören würde, mich Madame zu nennen, und selbst er muss darüber lachen. Seine Frau Emhabu und ich haben schon länger eine Wette laufen, wie viele Schulen wir gemeinsam noch bauen müssen, ehe er mich beim Vornamen nennt, und ich lasse mich überraschen.

Am Nachmittag gehen dann bei strahlendem Sonnenschein die Bauarbeiten weiter. Während die Tigerkinder ihre Schule noch ein paar letzte Minuten als Klettergerüst nutzen, ehe die Planen befestigt werden,

sind wir bei den Pinguinen schon ein ganzes Stück weiter: durch die Verschmälerung des Zeltes ist so viel Plane übrig, dass wir sie unten abschneiden und als Innenverkleidung benutzen können. Und falls schon jemand den Akkuschrauber vermisst hat: hier ist er! ☺

Morgen haben wir nochmal ein straffes Programm: am Vormittag hängen wir in beiden Schulen Dialas Gemälde auf und machen die Inneneinrichtung. Nachmittags feiern wir die beiden Opening Partys und verteilen die Rucksäcke, Bücher und Spielsachen. Bitte denkt daran, dass wir für die Pinguine keine Spielsachen haben, weil der Bau dieser Schule sich ja erst vor ein paar Tagen ergeben hat. Es wäre toll, wenn ihr unseren Kindern über diesen Link von unserer Wunschliste Spielsachen spendet. In wenigen Wochen werde ich wieder hier sein, dann würde ich den Pinguinkindern ihre Spielsachen gerne nachreichen, bitte unterstützt uns dabei!

Morgen werde ich mich wahrscheinlich nur kurz melden, denn nach dem Bau- und Partymarathon geht es gegen Mitternacht schon auf zum Flughafen. Bitte drückt die Daumen, dass wir morgen noch alles schaffen!

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