5 Frauen aus Shatila und ihre Geschichten

Über Shatila haben wir ja schon einmal berichtet. Shatila ist Hisbollah-Gebiet. Draußen sind Fotos verboten, drinnen hat man Angst, die draußen könnten davon erfahren. Als ich deswegen in einem der Stickräume von Basmeh & Zeitooneh (B&Z) fragte, ob eine Frau bereit wäre, mir ein Interview zu geben, hatte ich keine großen Hoffnungen. Etwa 20 dunkel gekleidete Frauen, alle mit Hijab, saßen auf dem Boden, ihre Stoffe auf dem Schoß, und sahen mich misstrauisch an. Umso überraschter war ich, dass 5 sich meldeten und nach jeder Meldung fast schüchtern die Anfrage einer weiteren Frau kam, ob sie denn auch noch mit mir sprechen „dürfe“. Wie auch in den Camps wurde auch in Shatila wieder überdeutlich, dass das Bedürfnis wahrgenommen zu werden, wichtig zu sein, seine Geschichte erzählen zu dürfen, groß ist. Manchmal ist zuhören fast genau so wichtig wie eine Schule zu bauen oder Lebensmittel zu kaufen.

Ihre Gesichter konnten diese 5 Frauen der Kamera aus Angst vor der Hisbollah nicht zeigen, aber ihre Hände. Und hier sind ihre Geschichten:

Als FARIDA mir sagt, dass sie 32 ist, bin ich geschockt. Mir gegenüber sitzt eine alte Frau, ich hätte sie mindestens 15 Jahre älter geschätzt. Auf ihrem Schoß hält sie einen wunderbaren Kissenbezug. 12 Tage hat sie daran gearbeitet und 30$ von B&Z dafür bekommen. Weiter verkauft wird er für 50$ um wenigstens halbwegs die Materialkosten und die Miete der Stickräume wieder zu erwirtschaften, doch schon für diesen Preis, der null Gewinnspanne hat, ist der Kissenbezug schwer zu verkaufen. Um ihre Familie ernähren zu können (Farida hat einen 13jährigen Sohn und 2 kleinere Töchter mit 12 und 8) müsste sie pro Monat 3 oder 4 Bezüge herstellen, doch das darf sie gar nicht, denn mittlerweile wollen in Shatila so viele Frauen bei B&Z arbeiten, brauchen dieses Einkommen so dringend, dass die Organisation die Arbeitszeit der einzelnen Frauen auf 2 Stunden täglich limitieren musste, um niemanden abweisen zu müssen.

Faridas Mann ist Tagelöhner, macht sich jeden Tag aufs Neue auf die Suche nach (illegaler) Arbeit. In der Tat sieht man überall in der Stadt, meist in der Nähe der unzähligen Baustellen, ganze Gruppen von Männern auf dem Boden sitzen und warten. Warten, dass man vielleicht doch gebraucht wird, dass es eine Arbeit gibt, die kein Libanese machen will, oder jedenfalls nicht so billig wie es die illegalen Syrer in ihrer Not tun. Manchmal klappt es, meistens nicht. Deswegen verkauft Faridas 13jähriger Sohn Kleenex auf Libanons lebensgefährlichen Straßen, wo auf jeder vierspurigen Straße sechsspurig gefahren wird und zwischen den laut hupenden Autos schlängeln sich noch Kinder von Fenster zu Fenster und verkaufen Taschentücher, Wasser, Kaugummis. Faridas Mädchen gehen in die Schule von B&Z, die auch wir unterstützen, doch sie weiß nicht, wie lange sie das noch können, ehe auch sie arbeiten müssen.

Nach Farida gehe ich mit KHADIJA in den kleinen Nebenraum neben dem Nähzimmer. Khadija ist 35 und kam vor 3 Jahren mit ihren 7 Kindern (ihr ältester Sohn ist 18, ihre jüngste Tochter 6) aus Hama in den Libanon. Nur 2 der Kinder gehen in die Schule. In Syrien hat sie an großen Teppichen gestickt, die aber keinen Kreuzstich erforderten, wie er in Shatila gefragt ist. Viele Arbeiten kann Khadija daher nicht ausführen und kommt nicht immer auf ihre 2 Stunden täglich. Wenn die Kinder Kleidung brauchen trennt sie nicht selten ein Kleidungsstück von sich selbst auf und näht es kleiner. Gut geht es der Familie hier auch nicht, aber wenigstens fallen keine Bomben. „Wenn meine Kinder früher Flugzeuge am Himmel gesehen haben, haben sie immer gewunken. Jetzt laufen sie schreiend ins Haus.“

SUSAN kommt hoch erhobenen Hauptes zu mir, kerzengerade setzt sie sich mir gegenüber auf den Boden. Einen aufwändigen Schal hat sie bestickt, eines der teuersten Produkte hier, erzählt sie nicht ohne Stolz. 25 Tage dauert es, bis so ein Schal fertig ist. Weil ihr Mann seit 3 Monaten keine Arbeit hat, darf sie jeden Tag 3 Stunden arbeiten, um ihre 6 Töchter ernähren zu können. Alle 6 gehen zur Schule, erzählt sie fast trotzig, sie wolle nicht, dass ihre Töchter auch einmal sticken müssen. Zu acht leben sie in 2 kleinen Räumen. Was denn das Schlimmste sei an Shatila, frage ich sie, und sie antwortet sofort: „Das schmutzige Wasser und der Müll.“ Armut habe es auch in Syrien gegeben, erzählt sie mir, aber so habe dort niemand hausen müssen. Seit 3 Jahren sind sie hier und zählen die Tage. Lieber heute als morgen möchte Susan nachhause zurück, doch sie stammt aus Idlib und hört täglich von ihrer Schwester, die noch dort ist, dass dort im Moment kein Weg hinführt. Idlib werde meiner Meinung nach das neue Aleppo sage ich ihr, sie dürfe nicht dorthin zurückkehren weil es gefährlich ist, und sie nickt ergeben. „Wenn meine Töchter hier nicht zur Schule gehen könnten“, sagt sie dann und senkt zum ersten Mal den stolzen Blick, „wenn ich nicht daran glauben könnte, dass sie einmal weit weg von hier gehen könnten, dann würde ich den Tod in Idlib vorziehen.“

DOHA ist 22 und sieht, anders als die anderen Frauen, viel jünger aus. Sie hat ihre 9 Monate alte Tochter Hanine auf dem Schoß und sieht eher aus wie eine große Schwester als wie eine Mutter. Vor 18 Monaten floh sie mit ihrem Mann aus Damaskus, weil er dort öffentlich gegen das Regime Stellung bezog. Das heißt, wenn der Krieg zu Ende ist, es aber keinen Machtwechsel gibt, können Doha und ihr Mann auch dann nicht nach Hause zurück.

An dem Geldbeutel arbeitete sie 15 Tage weil sie Hanine jeden Tag mit zur Arbeit bringen und stillen muss. Gestickt hat sie vorher noch nie, den Anfängerkurs, der normalerweise 2 Monate dauert, hat sie in 2 Wochen absolviert. Auf meine Frage, wie die Libanesen sie behandeln, zuckt sie schüchtern mit den Schultern. Sie verlasse Shatila nie, um eben das nicht herausfinden zu müssen. Doch obwohl sie Beiruts schmutzigstes Viertel (und das will etwas heißen!!) seit eineinhalb Jahren nicht verlassen hat, ist genau das ihr Wunsch für Hanine: fortkommen von hier, besseres sehen, riechen, hören, erleben. Was müsste passieren, um das möglich zu machen, frage ich sie, und sie zuckt wieder mit den Schultern, sieht mir aber diesmal gerade in die Augen, als sie antwortet: “Die Welt müsste sich ändern.“

Über 2 Stunden hat BOHRA gewartet, bis ich mit ihren Vorgängerinnen gesprochen habe. 2 Stunden, die sie nicht bezahlt bekommen wird, dennoch ist sie immer noch hier. 18 ist sie erst und hat mir gleich eine ganze Sammlung an Stofftaschen mitgebracht, die sie gefertigt hat. Schon als sie 17 war, wollte sie hier nähen – und wurde wieder nach Hause geschickt. Nur Volljährige dürfen bei B&Z arbeiten. Am Tag ihres 18. Geburtstages war sie wieder hier und seither jeden Tag. Ihre Eltern kamen bei einem Bombenangriff in Homs ums Leben, sie und ihr Mann glaubten sich in Damaskus relativ sicher. Doch das Leben dort wurde härter. Jeden Tag stieg das Risiko der Rekrutierung durch das Regime. Auch alltägliche Dinge wurden erschwert, beim Einkaufen musste man plötzlich erklären, warum man bestimmte Dinge wolle, Menschen in wichtigen Positionen wurden plötzlich von Regimefreunden ersetzt, die das Volk bespitzelten. Wenn ich die anderen Frauen fragte, wann sie geflohen seien, mussten sie alle überlegen. Wenn es etwas gibt, das hier keine Rolle spielt, dann ist es Zeit, sie breitet sich in ihrer Unerfülltheit wie eine schwere Decke über alles. Doch Bohra antwortet sofort: “Am 7. Juni 2015!“

Ich frage sie, was an diesem Tag vorgefallen sei, dass sie ihn sich so gut gemerkt habe. „Nichts“, erwidert sie leise, „es war nur der Tag, an dem es genug war.“

Haben sie sich je überlegt, nach Europa zu fliehen? Ja, meint Bohra, ihre Schwiegermutter lebe in Ankara und sie hatten versucht, über die türkische Grenze zu kommen, seien aber gescheitert. Aber das sei egal, fügt sie rasch hinzu, das Leben sei schließlich überall hart, egal wo man sei.

Als sie in Shatila ankamen, kannten sie niemanden, dennoch hörte sie noch in der ersten Woche von B&Z als die einzige Möglichkeit, faire Arbeit und die Chance auf einen Schulplatz für zukünftige Kinder zu bekommen.

Seit 2 Monaten hat sie einen kleinen Sohn, den sie mit zur Arbeit bringt. Dass alle (mittlerweile über 400) Frauen über eine WhatsApp-Gruppe erfahren, wann sie am nächsten Tag ihre 2 Stunden arbeiten können, wirkt in dem vorsintflutlichen, dunklen Raum ohne Fenster oder Stühle, in dem wir unser Interview führen, fast paradox. Ihr Mann arbeitet (als Illegaler natürlich) in einem Hotel und parkt die Autos der Gäste. Bohra lebt in täglicher Angst, dass er erwischt wird. Sie hat schlimme Geschichten über ein „Gefängnis unter der Erde“ gehört, in das Ausländer ohne Arbeitserlaubnis angeblich gebracht werden. Ich bringe es nicht über mich, ihr von Adlieh zu erzählen und ihre Befürchtungen zu bestätigen.

Was sie sich für die Zukunft wünschen würde, frage ich sie, und rechne damit, dass sie mir sagt, sie hoffe auf das Kriegsende, eine Rückkehr, besser bezahlte Arbeit, vielleicht sogar eine Reise, sie ist ja noch so jung…… Doch sie zuckt bescheiden die Schultern. Einige Frauen hätten hier angefangen, Sachen zu stricken, erzählt sie mir dann mit leuchtenden Augen, ganz neue Produkte aus ganz weicher Wolle, darauf hätte sie große Lust.

Eine Schule können wir in Shatila für die mittlerweile über 40.000 (!!!!!) syrischen und palästinensischen Flüchtlinge, die dort auf 1 qkm (!!!!!) leben, nicht bauen, denn im ganzen Viertel gibt es keinen unbebauten Zentimeter mehr. Wir können nur die eine Schule unterstützen, die es dort von B&Z gibt, und durch die täglich 1000 Schüler in 16 Klassenräumen geschleust werden. Das könnt ihr am besten, in dem ihr deren Produkte kauft, die ich mitgebracht habe und die wir bei all unseren Veranstaltungen verkaufen und natürlich durch Spenden an Zeltschule e.V. mit dem Vermerk „Shatila“. Bei jedem Besuch in unseren Zeltschulen werde ich auch Shatila besuchen und das Geld direkt vorbeibringen.

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.