Madonna – Bekenntnisse eines Fußabtreters

Meine Beziehung zu Madonna war immer eine äußerst ambivalente (wie die der meisten Leute vermutlich). Im Klartext heißt das, dass ihre PR-Strategie voll aufgeht: immer wenn wir glauben, uns ein Bild von ihr gemacht zu haben, zerstört sie es und lässt uns wieder bei Null anfangen, uns wieder hinterfragen, ob wir sie zutiefst bewundern oder einfach nur peinlich finden.

Als sie vor einigen Wochen von Billboard zur Frau des Jahres gewählt wurde, zuckte ich gleichgültig mit den Schultern. Als sie auf die Bühne trat und ihre Rede begann mit

“I stand before you as a doormat. Oh, I mean as a female entertainer. Thank you for acknowledging my ability to continue my career for 34 years in the face of blatant sexism and misogyny and constant bullying and relentless abuse.“

hatte sie meine volle Aufmerksamkeit. Wow. Wir alle haben Madonna schon einiges sagen und tun sehen, aber nie wurde sie in ihrem feministischen Bekenntnis so deutlich. Die Bitterkeit ist neu; ist etwas, das sie sich über Jahre versagt hat, das aber in Madonnas Äußerungen seit Hillary Clintons Wahlniederlage mehr und mehr an die Oberfläche kommt.

Hillarys Scheitern hat Madonna verändert, wie es viele amerikanische Frauen verändern wird. Wieder ein Beweis dessen, was alles nicht möglich ist, was selbst den klügsten, stärksten, entschlossensten unter uns verwehrt bleibt. Wieder ein Beweis dafür, wie weit der Weg ist, den wir noch zu gehen haben, dass die Mär von der Glasdecke eben nur das ist, eine Mär, denn in Wirklichkeit sind wir umgeben von Betonwänden.

Madonna hat Hillary schon bei deren erster Kandidatur (vor 8 Jahren als demokratische Kandidatin in den Vorwahlen gegen Obama) unterstützt und damals scherzhaft jedem Mann, der Hillary wählt, einen Blowjob versprochen. Auch in Hillarys Kampagne 2016 war Madonna von Anfang an eine aktive Unterstützerin. Ich muss zugeben, ich  hielt die beiden immer für ein merkwürdiges Paar und erst seit Madonnas Rede wurde mir klar, wie ähnlich sie sich im Grunde sind, die „nasty woman“ Hillary und die „unapologetic bitch“ Madonna.

“People say that I’m so controversial. But I think the most controversial thing I have ever done, is to stick around.“

Dieses immer noch da sein, nachdem jahrzehntelang wirklich alles versucht wurde, sie von ihren hart erarbeiteten Plätzen zu vertreiben, ist wohl das, was die beiden am meisten verbindet. Und die Sehnsucht nach einem Vorbild.

“I remember wishing I had a female peer I could look to for support.”

Doch wenn man selbst mit einer Axt durchs Unterholz geht, um sich einen Weg zu bahnen, gibt es selten jemanden, der ihn schon gegangen ist. Beide Frauen wichen auf männliche Vorbilder aus.

Madonna erklärte in ihrer Rede, wie sie zu Beginn ihrer Karriere David Bowie und Prince bewunderte, weil beide die traditionellen Geschlechterrollen und –grenzen bewusst missachteten, doch sie stellte schnell fest, dass das, was Bowie oder Prince einzigartig und erfolgreich machte, einer Frau zum Verhängnis werden konnte.

„He (Bowie) embodied male and female spirit and that suited me just fine. He made me think there were no rules. But I was wrong. There are no rules – if you’re a boy. There are rules if you’re a girl. Prince was running around with fishnets and high heels and lipstick with his butt hanging out… yes he was. But he was a man. This was the first time I truly understood women do not have the same freedom as men.”

Wie wichtig dein Aussehen für deine Karriere ist wenn du eine Frau bist, haben beide schon früh und auf die harte Tour gelernt. Während der Lewinsky-Affäre war Hillarys Aussehen ein größeres Thema in der Weltpresse (Hat sie sich gehen lassen? Hat Bill sich deswegen einer anderen Frau zugewandt?) als die Moral des damaligen Präsidenten. Auch während ihres Wahlkampfes 2008 sagte Hillary bereits, dass sie jeden Morgen 2 Stunden vor Obama aufstehen muss, weil sie sich die Haare und ihr Makeup machen lassen  und dann strategisch ihre Kleidung für den Tag festlegen muss, während Obama einfach morgens aufsteht und in seinen Anzug steigt. Die Wahl eines zu kurzen Rocks, einer zu engen Hose, eines zu grellen Kostüms würde für Hillary zu einem Twitter-Albtraum; in jeder Sekunde muss sie beweisen, dass sie ein Profi ist, der alles unter Kontrolle hat, auch und vor allem durch ihr Aussehen, während sich Trump auf Twitter wie ein Geisteskranker benehmen kann, der noch nicht einmal sich selbst kontrollieren kann, und gewählt wird. Fair? Nein, aber so sieht die Realität aus.

Madonna hat es auf den Punkt gebracht:

„You’re allowed to be pretty and cute and sexy. But don’t act too smart. Don’t have an opinion that’s out of line with the status quo, at least. You are allowed to be objectified by men and dress like a slut, but don’t own your sluttiness. And do not, I repeat, do not, share your own sexual fantasies with the world. Be what men want you to be, but more importantly, be what women feel comfortable with you being around other men.”

Beide Frauen haben versucht, einer misogynistischen Welt mit einem unbeugsamen Willen und einer und einer fast unmenschlichen Arbeitsmoral entgegenzutreten. 18-Stunden-Tage sind für beide normal. Weder Hillary noch Madonna wurden dazu geboren, das zu tun, was sie tun: Madonna ist keine Whitney Houston, ihr wurde keine einzigartige Stimme in die Wiege gelegt, keine unleugbare Begabung, die früher oder später entdeckt werden und zum Erfolg führen muss. Hillarys Wahlkampf gegen Obama 2008 hat deutlich gezeigt, wie ein großes politisches Talent aussieht – und hat ihr und der Welt zweifelsfrei nachgewiesen, dass sie es nicht hat. Ihre Positionen haben sich beide hart erarbeitet!

Natürlich gelten Männer, die nach Ruhm, Reichtum und Macht streben, als fokussiert, zielstrebig, willensstark, männlich. Frauen, die das tun, sind einfach nur… pathologisch. Denen wurde es wohl noch nie richtig besorgt. Die kennen ihren Platz nicht. Die bräuchten mal einen richtigen Mann. Madonna deutet in ihrer Rede an, welches Maß an verbaler und körperlicher sexueller Gewalt sie hinnehmen musste für das Verbrechen einer Karriere als Frau, die sich nicht an Regeln halten will.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Madonna in Worte fassen konnte, was ihr im Lauf ihrer Karriere alles passiert ist. Erst auf ihrem letzten Album „Rebel Heart“ thematisiert sie, welcher Art von Diskriminierung sie ausgesetzt war und ist, heute mehr denn je, denn heute ist sie nicht nur eine unangepasste Frau (was schlimm genug wäre), heute ist sie eine unangepasste alte Frau!

“And finally, do not age. Because to age is a sin. You will be criticised and vilified, and you will definitely not be played on the radio.“

Was sie tut wird nun nicht mehr nur hinsichtlich ihres Geschlechts hinterfragt, sondern auch hinsichtlich der Tatsache, ob es „für ihr Alter angemessen“ ist – eine Frage, die die Presse Keith Richards beispielsweise noch nie gestellt hat.

Ein Vogue-Cover wie dieses wäre mit einer weiblichen Künstlerin ausgeschlossen.

Betonwände.

Madonna und Hillary sind auf den ersten Blick so unterschiedliche wie zwei Frauen nur sein können, Hillary so kontrolliert und zugeknöpft, Madonna so freizügig und „aufgeknöpft“. Dass beide Frauen dennoch dasselbe erlebt haben, sollte uns zeigen, dass wir Frauen, die behaupten, sie lebten vollkommen gleichberechtigt, sie hätten noch nie mit Diskriminierung zu kämpfen gehabt, daran erinnern müssen, dass man Grenzen erst spürt, wenn man sie zu übertreten versucht, und dass das Bleiben innerhalb einer Grenze nicht mit Freiheit verwechselt werden darf.

Eine Rede wie die von Madonna wird es von Hillary nie geben, so sehr ich es mir auch wünschen würde, doch ich stelle mir gern vor, wie sie Madonnas Rede zuhause hörte, auf dem Sofa sitzend mit ihren Hunden, lächelnd, die Augen geschlossen, aber die Hände zu Fäusten geballt.

„To the doubters and naysayers and everyone who gave me hell and said I could not, that I would not or I must not – your resistance made me stronger, made me push harder, made me the fighter that I am today. It made me the woman that I am today. So thank you.“

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.