Sandräuber und die abgetragene Welt

Wenn es etwas im Überfluss gibt, dann doch wohl Sand, oder? Ist nicht jeder Strand von der Nordsee bis zur Südsee voll davon?

Nicht mehr, denn unser Sandverbrauch ist in den letzten Jahrzehnten explodiert; fast 3 Tonnen(!) verbrauchen wir pro Kopf im Jahr inzwischen.

200 Tonnen Sand bedarf es allein für den Bau eines mittelgroßen Einfamilienhauses. Welche Mengen Sand in den künstlichen Inseln von Dubai, den europäischen Autobahnen, Handys oder Computerchips steckt, wollen wir vermutlich gar nicht wissen. 30 Milliarden Tonnen Sand werden pro Jahr verarbeitet. Sogar für die Jeansproduktion benötigt man Sand. Weltweit sind daher über 80% der Strände auf dem Rückzug.

In nicht wenigen Inselparadiesen ist Sand mittlerweile die Haupt-Einnahmequelle für die arme Bevölkerung.

Auf den Kapverden zum Beispiel. Obwohl der Atlantik hier wirklich gefährlich werden kann, gehen die Sanddiebe jeden Tag ins Wasser, um den einzig greifbaren Rohstoff abzubauen. Wenn das Meer sich zurückzieht und für ein paar Stunden seinen Schatz freigibt, dann kommen sie, mit Schaufeln und Eimern. Nur sechs Stunden lang ist Ebbe und selbst dann ist das, was sie da tun, noch lebensgefährlich: sie müssen tief ins Wasser, die Wellen schwappen über ihre Köpfe, die Strömung zieht an den Beinen, die meisten können nicht schwimmen. Jeder Eimer mit nassem Sand, den die Frauen aus den Wellen schleppen, wiegt 50 kg. Nicht wenige sind bereits in der zweiten Generation Sanddiebe, doch ihre Vorgänger mussten wenigstens nicht ins Wasser, konnten den Sand an Land abtragen – das ist vorbei, an Land ist bereits der blanke Stein freigelegt. 45€ verdient man im Monat mit Sand, also weniger als 2€ am Tag. Auf den Kapverden vermehrt sich die Armut so schnell wie der Sand schwindet.

Viele Strände der Kapverden sind bereits verschwunden, außer Steinen und Erde ist nichts mehr da. Der berühmte Strand von Pedra Badejo mit seinen feinen schwarzen Sandkörnern, wird vom Militär bewacht, um zu verhindern, dass er ebenfalls von den Sandräubern abgetragen wird.

Aber ist Sand nicht ein nachwachsender Rohstoff?
Ähm ja, aber er „wächst“ sehr, sehr langsam! Sand entsteht, indem von Granit- oder Sandsteinfelsen durch Verwitterung kleinste Partikel abgetragen werden. Diese Körner werden durch Flussläufe transportiert und gelangen in hunderten bis tausenden von Jahren(!!!) als Sandkorn ins Meer.

Und selbstverständlich sind die Sandräuber weder ein rein kapverdisches noch ein afrikanisches Problem. Es gibt sie nahezu überall auf der Welt.

Dubai
Bauland zu kaufen ist teuer, da ist es weit billiger, im Meer neuen Baugrund aufzuschütten, denn wenn Dubai etwas im Überfluss hat, dann ja wohl Wüstensand. Oder? Leider ist die Körnung des Dubai’schen Sandes (zu rund) für die Betonherstellung total ungeeignet und der Meersand vor Dubais Küsten längst aufgebraucht. Der Burj Khalifa wurde mit importiertem Sand aus Australien gebaut!

Malediven
Mehrere hundert Inseln der Malediven mussten bereits geschlossen werden, weil die Strandräuber die Strände rund um die Inseln plündern und an große Baufirmen verkaufen. Mittlerweile ist nicht nur die Inselkette an sich sondern auch die Zukunft eines ganzen Volkes bedroht. Malé, die Hauptstadt der Malediven, ist bereits überbevölkert und muss dringend neue Wohnungen bauen. Und womit? Mit Sand natürlich!

Indien
Auch in Indien strömt die arme Landbevölkerung zu Hauf nach Mumbai, in die Finanzhauptstadt des Landes. Auch dort muss natürlich gebaut werden, um Wohnraum für alle zu schaffen. Der Sandbedarf ist so groß, dass inzwischen Sand sogar geschmuggelt wird. Die Sandmafia ist die mächtigste kriminelle Vereinigung Indiens und beherrscht einen großen Teil des Bausektors in Mumbai.

Singapur
29% der Stadt Singapur steht buchstäblich auf Sand. Innerhalb der letzten 30 Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt, wodurch über 130 Quadratkilometer Fläche dazugekommen sind und es ist kein Ende in Sicht….

Weltweit
75% aller großen Metropolen befinden sich in Küstennähe. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt momentan in diesen Metropolen an der Küste, bis 2025 werden sogar 75% aller Menschen nahe der Ozeane leben – Ozeane, deren Gezeiten ungebremst auf die Landflächen stoßen, weil wir den „Puffer“ Sand abgetragen haben.

Was bedeutet das für uns?
Es bedeutet, dass wir dringend eine Alternative zum Baustoff Sand brauchen. Beton wird langfristig ersetzt werden müssen, denn es ist heute durchaus möglich (wenn auch bedeutend teurer) Häuser aus Holz, Stroh oder recycelbarem Stahl zu bauen. Anstelle von Sand besteht auch die Möglichkeit, zerkleinertes Glas als Zuschlagstoff für Beton zu verwenden. Das Potential dieser Möglichkeit ist groß, denn rund ein Viertel des Altglases landet weltweit auf dem Müll.

Das Wichtigste aber ist, dass wir verstehen und uns endlich bewusst wird, dass wir in einer Welt leben, in der die Zeit des Übermaßes und der Sorglosigkeit vorbei ist. Wir tragen Verantwortung, vom Döschen Karibiksand, das wir uns als Urlaubssouvenir mal eben mit nach Hause nehmen bis hin zu unseren Konsumentscheidungen, und unsere Verantwortung hört nicht bei der nächsten Stadtratswahl auf, wir müssen auch anfangen, uns zuständig zu fühlen, was auf den Kapverden passiert, bei der Müllkatastrophe im Libanon, den Abrodungen des Regenwaldes….. All das scheint weit entfernt, doch die Konsequenzen werden an Ländergrenzen nicht halt machen, sondern kommen auch zu uns – oder sind längst da.

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