DIY-(Welten)MACHERIN: Susana Trimarco

Vor genau 15 Jahren, im April 2002, “verschwand” Marita Verón und wurde bis heute nicht gefunden. Hunderttausende Frauen weltweit verschwinden jedes Jahr, werden von einer unfassbaren Realität verschluckt, über die niemand sprechen will, deswegen verstecken wir uns hinter Worten wie “verschwinden”: Sie werden gekidnappt und als Sklaven verkauft im globalen Handel mit Zwangsprostituierten. Zwanzig Millionen Menschen weltweit werden laut Schätzungen der UN in diesem Moment in Sklaverei gehalten.

Marita lebte in Tucúman, einer Provinz im Nordwesten Argentiniens, war 23 Jahre alt, Mutter einer 2jährigen Tochter, Micaela, und auf dem Weg zu einem Arzttermin, bei dem sie nie ankam.

Ich kenne ihren Namen und ihre Geschichte (im Gegensatz zu den unzähligen anderen namenlosen Frauen, die ihr Schicksal teilen) weil Marita das Glück hat, eine Mutter zu haben, die sie sucht, seit 15 Jahren, jeden Tag: Susana Trimarco.

Einige Tage nach der Entführung kam endlich der erste Hinweis: jemand hatte beobachtet, wie Marita von drei Männern in ein Auto gezerrt wurde. Eine Woche später bestätigte die Aussage einer Prostituierten Susanas schlimmste Befürchtungen: Marita war an Mädchenhändler verkauft worden.

2002 gab es in Argentinien noch nicht einmal ein wirksames Gesetz gegen den Menschenhandel, auch Prostitution ist legal, Susana stieß also sehr schnell an die Grenzen der behördlichen Unterstützung für ihre Suche. Doch Aufgeben kam nicht in Frage, sie suchte ihre Tochter auf eigene Faust. Sie zog sich an wie eine Prostituierte und begann, berüchtigte Bars mit Bordellen in den Hinterzimmern in La Rioja auszuspionieren. So kam sie an die Telefonnummern von Männern, die in den Mädchenhandel involviert waren und rief sie, unter dem Vorwand selbst Frauen kaufen zu wollen, an.

Nach drei Monaten hatte sie endlich genügend Hinweise gesammelt, damit die Polizei eine Razzia in einem der Bordelle durchführen konnte, in dem Marita sich aufhalten könnte. Susana geht mit ihnen.

There were about 60 women, all scantily dressed. Marita was not among them. I told these women that whoever was there against their will, they should step forward and come with us. Immediately a young girl rushed into my arms and did not let me go until we left that place.”

Der Name des Mädchens war Anahi. Sie konnte bestätigen, dass Marita zwar in diesem Bordell gewesen war, inzwischen aber weiterverkauft wurde. Anahi blieb mehrere Monate bei Susana, die dafür sorgte, dass sie medizinische und psychologische Hilfe bekam. Anahi war die erste von vielen Frauen, um die Susana sich im Lauf der Jahre kümmern würde.

Bewaffnet mit Anahis Informationen infiltriert Susana erneut einen Menschenhändlerring und gibt vor, am Kauf junger Frauen interessiert zu sein. Nicht einmal ihrem Mann erzählt sie davon, aus Angst, er würde sie davon abhalten wollen. Sie organisiert ein Treffen in einem Bordell in der Provinz, wo der Verkauf stattfindet.

„Each one had a price. There were even underage girls as young as 14. All of them seemed terrified. When you looked at them they would lower their gaze and try to cover their barely dressed bodies with their hands.”

Susana sieht in jedes Gesicht, doch Marita ist nicht unter den Mädchen, Drei weitere Male gibt sie sich als Käuferin aus und besucht die grauenhaften Marktplätze. Ihre Informationen gibt sie an die Polizei weiter und die Frauen können befreit werden, viele von ihnen leben für Wochen oder Monate bei Susana zuhause, aber es fehlt jede Spur von ihrer Tochter.

Im Oktober 2002, als sie zusammen mit 3 Journalisten undercover erneut Kontakt zu einem Mädchenhändlerring aufnahm, wurde zum ersten Mal auf Susana geschossen. Bis heute hat sie zwei weitere Mordversuche überlebt, ihr Haus wurde niedergebrannt und sie bekommt täglich Morddrohungen. Doch das hält sie nicht auf. Sie sucht immer noch nach ihrer Tochter, mittlerweile unterstützt von ihrer Enkelin, Maritas Tochter Micaela.

Susana selbst hat mehr als 150 Mädchen und Frauen aus der Sklaverei befreit und bei sich zuhause aufgenommen. Ihr jüngster Schützling war erst 12 Jahre alt.

2007 gründete sie ihre Stiftung „Fundación Maria de los Angeles“, für die heute über 30 Menschen arbeiten, darunter Anwälte, Psychologen und Sozialarbeiter. Die Stiftung hat hunderten von Frauen und Mädchen geholfen, der Zwangsprostitution zu entkommen und ihnen Wege zurück in die Gesellschaft geebnet.

Susana war eine der ersten Frauen, die 2007 den von Condoleezza Rice initiierten Preis „International Women of Courage“ erhielten.

2008 trug das Medieninteresse um den Fall Marita Verón maßgeblich dazu bei, dass in Argentinien endlich ein Gesetz zum Verbot von Menschenhandel verabschiedet wurde, das bis heute über 5000 Menschen (vorwiegend Frauen und Mädchen) aus der Sklaverei befreit hat.

Doch Susana ist noch lange nicht am Ende, denn obwohl sie hunderten von Frauen das Leben gerettet hat, wird sie nicht ruhen, ehe sie ihre Tochter aufgespürt hat.

Am 23.4.2002 wurde Marita Verón entführt und ist bis heute nicht gefunden worden. Ihre Geschichte steht für die von Millionen Mädchen und Frauen, die in diesem Moment in Sklaverei leben.

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