Die Furcht vor dem furchtlosen Mädchen

Der Bulle in der Wall Street ist seit fast 30 Jahren berühmt und beliebt. Ihn anzufassen, soll angeblich zu Reichtum  führen, und obwohl ich ihn mindestens schon ein Dutzend Mal bei den Hörnern gepackt habe (wobei ich gehört habe, dass das mit dem Reichtum nur funktionieren soll, wenn man ihn an einer anderen Körperstelle anfasst) und sich bisher noch kein Geldsegen bei mir eingestellt hat, hält auch weiterhin jeder Touristenbus hier an und jeder New York-Besucher braucht ein Selfie vor seinem starken Rücken.

Doch seit ein paar Wochen hat der mächtige Gigant einen Counterpart: „Fearless Girl“ der Bildhauerin Kristen Visbal.

Ursprünglich sollte das furchtlose Mädchen, das am Weltfrauentag im März dort platziert worden war, nur für ein paar Wochen als Mahnmal der Wichtigkeit der Frauenbewegung und des andauernden Kampfes um Gleichberechtigung dort stehen, doch wegen der großen Begeisterung der New Yorker und New York-Besucher wird sie nun für ein ganzes Jahr dem Bullen gegenüberstehen.

Weniger begeistert hiervon ist Arturo Di Modica, Bildhauer des Bullen. Das furchtlose Mädchen entwerte den Bullen, so Di Modica, ja, mehr noch:

“She’s there attacking the bull.”

Ähm, ja.

Es ist ja nicht neu, dass sich Männer durch die bloße Anwesenheit eines weiblichen Wesens bedroht fühlen. Gott sei Dank ist es nur ein Mädchen, wäre es eine „furchtlose Frau“, wäre der Bulle vermutlich vor Angst bereits geflohen!

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio hält treffenderweise dagegen:

“Men who don’t like women taking up space are exactly why we need the Fearless Girl.”

Am Weltfrauentag bei der Enthüllung des furchtlosen Mädchens erklärte de Blasio, sie stünde hier als Symbol der Frauen, “standing up to fear, standing up to power, being able to find in yourself the strength to do what’s right.” Besonders so kurz nach dem Women’s March und so früh in der Präsidentschaft Trumps sei sie eine dringend benötigte Inspiration. – Das kann man wohl sagen!

Zunächst jedoch scheint sie das bisher durchaus homogene Volk der Touristen zu spalten: während Frauen und Mädchen begeistert sind von der neuen weiblichen Präsenz……

….bleiben die männlichen New York-Besucher (natürlich) ihrem Bullen treu……

Bleibt nur die Frage, warum, bei aller lobenswerter feministischer Idee, ausgerechnet ein kleines Mädchen dem Bullen gegenüber gestellt wurde, in kurzem Kleidchen und trotziger Pose? Als Symbol für  “the power of women in leadership” und den Wunsch nach  “greater gender diversity on corporate boards” soll sie stehen und man ist fast versucht zu fragen, ob für diesen hohen Anspruch (wieder einmal) absichtlich Schultern gewählt wurden, die zu schmal sind, um ihn zu tragen?

Ich verweigere mich auch der These, dass nur Frauen in Führungspositionen an der Wall Street, in schwarzen Kostümen, Designer-Laptoptaschen und 80-Stunden-Wochen der Inbegriff der furchtlosen Weiblichkeit sind – ich kenne viele Frauen, die ihrem Alltag als alleinerziehende Mütter mit Studiendarlehen und mit 3 Mindestlohn-Jobs jeden Tag sehr viel furchtloser ins Auge sehen.

Dennoch: schön, dass du da bist, furchtloses Mädchen. Angst haben wir alle schon viel zu viel.

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