DIY-(Welten)MACHERIN: Sreemoyee Piu Kundu

In Indien spricht man nicht über Sex.  Gut, das tun wir hier auch nicht, aber vom Land des Kamasutras hätten wir doch etwas anderes erwartet, oder?
Tatsächlich ist das Schreiben über Sex aber noch verpönter als das Sprechen darüber, deswegen ist Sreemoyee Piu Kundu so eine außergewöhnliche Frau: die Journalistin hat nämlich einen feministischen Erotica-Roman geschrieben, der in Indien zum Bestseller wurde.
Und bevor Sie jetzt gleich wieder mit blödsinnigen Vergleichen kommen:
“My book is not an Indian version of 50 shades of Grey. It is not intended to titillate. Feminist erotica is about strong women having dialogues with themselves, discovering who they truly are.”
So. Noch Fragen?
Ihr Buch „Sita’s Curse“ ist die Geschichte von Meera, einem Mädchen vom Land, das mit Mohan verheiratet ist, der mit seiner Mutter und der Familie seines Bruders in Mumbai lebt. Sie führt das typische (global gesehen erstaunlich identische) Leben einer Mittelklasse-Hausfrau, füllt ihre leeren Tage mit nichts anderem als der Sehnsucht nach Liebe, Respekt und sexueller Befriedigung, bis sie eines Tages „ausbricht“ (wie es in der Literatur immer so schön heißt) und sich erlaubt, sich das zu nehmen, was sie will.
Sita ist in der Hindu-Mythologie die Frau von Rama, über den sie vollkommen definiert wird und dem sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt. Sie ist das Sinnbild der keuschen, unterwürfigen, hingebungsvollen Frau ohne eigene Wünsche oder Bedürfnisse, ganz darin aufgehend, ihrem Mann zu dienen; gewissermaßen eine hinduistische Eva. Eben dieses „Idealbild“ und den Fluch, das es über die Frauen bringt, will Sree in ihrem Roman hinterfragen. Sie will die mythologische Sita neu definieren:
Not the Goddess. The woman. The wife. If she were trapped in a stale, lifeless marriage… tarnished because she was wanted by someone else. For a temptation that wasn’t even hers.“
Der Sex an sich scheint einer der Hauptprotagonisten des Buches zu sein, drängt sich in jeden Gedanken, jedes Gespräch mit Mohan oder ihrer Mutter, jede Seite des Buches. Ihr Mann ist ihr fremd, ‘Strangers in every way, confined to age old customs and the suffocation induced by small talk’, weil wir unseren Töchter wie vor hunderten von Jahren immer noch die Bedeutung der Ehe predigen, ihnen aber nichts über Beziehungen beibringen.
Ihre Versuche, über Mohan eine Definition von sich selbst zu finden, mit der sie leben kann, bleiben ergebnislos:
‘What is the difference between being a wife, a whore, and a woman, Mohan? What … what if being a woman is just enough? Just, just once?’
Sree selbst ist in Kalkutta geboren und aufgewachsen, wo sie auch an der Jadvapur University ihr Geschichtsstudium mit Auszeichnung abschloss. Ihr Zuhause war ein Haus mit sonnigem Balkon zum Lesen der unzähligen Bücher, die sie verschlang (am liebsten Tolstoi und Tagore) und mehreren Generationen unter einem Dach, die sich über aufwändig zelebrierten bengalischen Gerichten hitzige Wortgefechte zu politischen Themen lieferten.
Obwohl sie sich Meera ausgedacht hat, existiert sie wirklich. Sree arbeitet als Journalistin für die „Times of India“ und sah ihre „Meera“ jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit, die fremde Frau wurde zu einer Obsession für sie:
The way she seemed trapped, soulless, sad, sabotaged by the simple irony of her own life. Till the floods of July 26th, 2005 of which I was also a victim, taking three days to reach home, battling a serious viral infection I contracted, being hospitalized…
Der Monsunregen im Sommer 2005 tötete mehrere tausend Menschen. Mit bis zu 65cm Niederschlag pro Quadratmeter schwappte eine Flutwelle durch die Hauptstadt, die viele und vieles mit sich riss. Noch Wochen später starben hunderte an Seuchen und Keimen, die sich im Wasser verbreiteten. Sree selbst lag mehrere Wochen mit einer Infektion im Krankenhaus, die sie nur knapp überlebte.
An ihrem ersten Tag zurück bei der Times of India hielt sie auf dem Weg in ihr Büro Ausschau nach der traurigen Frau, die sie in Gedanken Meera getauft hatte – und sah sie nicht. Wochenlang suchte sie nach ihr, wartete vor dem Haus, an dem sie sie immer Wäsche aufhängen oder eine Katze füttern sah. Nichts.
„She was no more. Sita’s Curse is my tribute to that memory. To a life unsung. A woman with the most melancholic eyes – like the color of rain. This is her story. This is her body. Her desires. The premise of the book also being – can desire be drowned? A woman’s desires.“
Sita‘s Curse ist ein Frauenbuch im besten Sinne. Nicht eines, das in der Buchhandlung in den Regalen mit „Chick Lit“ steht. Meera ist keine Rebecca Bloomwood, Bridget Jones oder Anastasia Steele, von diesen weichgespülten, pseudo-feministischen „Heldinnen“ gibt es bereits viel zu viele.
“We’ve had an overload of chick lit, and because Indian publishing is mostly formulaic — there is the same story churned out. Look at chick lit for instance: it’s always the woman finding herself, having body issues, the quintessential obsession with the bad boy, the Darcy prototype, the unassuming knight in shining armor who finally saves the damsel in distress. Romance is generally perceived as a woman’s territory and I think that’s where we have got it wrong. Writing is gender neutral.”
Und das sollte das Lesen auch sein. „Sita’s Curse“ sollte unbedingt gelesen werden, ein Roman mit kraftvoller, tragischer Sprache und einer Frauengestalt, die auf eine ganz natürliche Weise vertraut erscheint, es traurigerweise vielleicht auch ist. Die Flut durch den Monsun bringt in Meeras Leben eine Flut von Sex, er rinnt aus allen Türritzen, tropft aus allen Schränken, drängt sich in jeden ihrer Gedanken und will laut diskutiert werden. Warum?
“Because there is a story behind every desire. A dream of love and loss, kisses and kites… a dream of erotica and erections, of rivers and rescues…a dream of silence and surrender, of marriage and masturbation, a dream of butterflies and breasts, of pleasure and pain.”
Meera ist keine dieser Protagonistinnen, die auf der Suche nach sexueller Befreiung ihren Traumprinzen findet. Es gibt keine Sexszenen unter dem Deckmäntelchen der Romanze, um die Potenz und Gefühlsechtheit des männlichen Helden zu betonen. In Srees Buch ist der Sex selbst der Held der Geschichte, und das ist etwas, das wenige Autorinnen bislang gewagt haben.
“Sex is an emotion that is gender neutral, it unites man and woman. But a woman’s sexual needs are still viewed as unacceptable. Why?”

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