Ariel Levy und die Dinge, die frau nicht haben kann

Nicht erst seit dem Erscheinen ihres ersten Buches „Female Chauvinist Pigs“ 2005 war Ariel Levy eine meiner Lieblingsjournalistinnen der New York Times, bekannt für ihre gut recherchierten, detaillierten, klugen Artikel.
Kurz vor Thanksgiving 2012 wurde sie für eine Reportage in die Mongolei geschickt. Sie war im fünften Monat schwanger. Ein letzter Auftrag, eine letzte große Reise, ehe sie sich ganz auf ihre Familie konzentrieren wollte. Doch schon im Flieger fühlt sie sich unwohl und 48 Stunden nach ihrer Ankunft bekommt sie in einem Restaurant solche Unterleibsschmerzen, dass sie in ihr Hotel zurückkehrt, noch ehe das Essen gebracht wird. Auf dem Boden ihres winzigen Hotelbadezimmers fegte ein „unholy storm“ durch ihren Körper und hinterließ nichts als Zerstörung. In einer Flut von Blut, die sie fast umgebracht hätte, brachte sie auf dem harten Fliesenboden allein einen Jungen zur Welt und nachdem sie sich die Plazenta aus dem Unterleib gezogen hatte, kroch sie zu ihrem Handy, rief einen Arzt und fotografierte ihren sterbenden Sohn.
“I worried that if I didn’t, I would never believe he had existed.”
Ich weiß das, weil sie darüber geschrieben hat. Ein Jahr nach dem Ereignis in einem der fesselndsten und verstörendsten Artikel, die ich je in der New York Times gelesen habe, „Thanksgiving in Mongolia“, für den sie auch ausgezeichnet wurde, und nun, fast fünf Jahre später, in ihrem Buch „The Rules Do Not Apply“, das vor wenigen Wochen erschien.
Vor der Fehlgeburt wäre Ariel die erste gewesen, die zugegeben hätte, dass sie ein gesegnetes Leben führte: erfolgreiche Autorin, Eigentumswohnung in Manhattan, enge Freundin von Celebrity Lena Dunham, bekannte Vertreterin der dritten Feminismus-Welle, offen bisexuell, glücklich verheiratet mit einer Frau und schwanger mit einem Baby, das durch die Samenspende eines wohlhabenden schwulen Freundes gezeugt worden war, der sich sogar schon bereit erklärt hatte, dem Kleinen später das Studium zu finanzieren. Ariels Leben war offiziell ein Ponyhof.
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Umso tiefer war der Fall. Nach der Fehlgeburt geht ihre 8jährige Ehe mit Amy Nordquist in die Brüche und zum ersten Mal in Ariels Leben ist nicht alles möglich, zum ersten Mal hat sie das Gefühl, dass Türen sich schließen.
“I felt like this very fortunate beneficiary of the women’s movement. I got to have all these choices, and the rules — biological, historical — did not apply. So it was a very shocking experience to find myself, childless and alone at 38. I felt like a complete failure, on the deepest level.“
Ariels Umfeld war immer mehr als offen, sie war nie in einer Position, in der sie ihre Lebensumstände oder Entscheidungen verteidigen musste. Als sie ihren links angehauchten Eltern eröffnete, eine Frau heiraten zu wollen, hatten diese keinerlei Bedenken wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung, sondern eher wegen der Tatsache, dass ihre Tochter Wert auf eine derart überholte Institution wie die Ehe legt. “Are you impressed with how cool I am about all this?”, fragte Ariels Vater sie, als sie ihm Amy das erste Mal vorgestellt hatte. Nein, war sie nicht, denn Widerstände waren kein Konzept, mit dem sie viel Erfahrung gemacht hatte.
“Sometimes our parents were dazzled by the sense of possibility they’d bestowed on us. Other times, they were aghast to recognize their own entitlement, staring back at them magnified in the mirror of their offspring.”
Umso mehr fühlte sich ihr Leben nach der Mongoleireise wie eine karmische Kernschmelze an. Und das ist das intellektuelle Rückgrat ihres Buches: der Versuch, ihre Verantwortung an dem, was passiert ist, auszuloten. Als Autorin ist sie daran gewöhnt, die Enden ihrer Geschichten selbst festzulegen, der Handlungsstrang ihrer Texte und ihres Lebens lag bis dato fest in ihrer eigenen Hand, wo und wann hatte sie diese Macht verloren? Oder nie gehabt? Aber hatte man ihr nicht beigebracht, dass Frauen alles haben können?
Das Buch ist eine verzweifelte Suche, jedoch nicht nach Gründen für das, was geschehen ist, sondern nach dessen Bedeutung. Nach einem Ereignis, das Ariel in ihren Grundfesten erschüttert hat, kommt die Journalistin in ihr durch, mit kriegerischem Mut und archäologischer Präzision sichtet sie Fakten und Emotionen – und stößt zum ersten Mal an Grenzen.
“This thinking that you can have every single thing you want in life is not the thinking of a feminist. It’s the thinking of a toddler.”
Die Jahre nach der Fehlgeburt sind Jahre der Analyse und der Neuordnung. Nach „400.000 IVF-Versuchen“ findet sie sich mit der Tatsache ab, niemals Kinder zu haben. Es wird bei ihrer 20-minütigen Mutterschaft bleiben, 20 Minuten, die sie gegen nichts auf der Welt eintauschen würde.
Sie lernt etwas Großartiges, was zu den Stärken der wenigsten Frauen gehört: Loslassen.
„I was like: ‘Girl, it’s done. Let it go. Not everybody gets everything, but you get some stuff. You get other stuff.”
Sie lässt auch ihre Selbstvorwürfe los, ihre „was-wäre-wenn-Fragen“, die Zweifel an ihren Entscheidungen. Zu ersten Mal in ihrem Leben macht sie die Erfahrung, dass es auch befreiend sein kann, nicht immer die Autorin des eigenen Lebens sein zu müssen, nicht jede Wendung selbst zu bestimmen, den Handlungsfaden manchmal locker durch die Finger gleiten zu lassen. Nicht alles liegt in der eigenen Verantwortung.
“It’s not that I have no regrets, but I no longer think, for example, I shouldn’t have gone to Mongolia. It wouldn’t have mattered. People say, ‘Oh, it would have been better to have miscarried in New York.’ I’m not sure about that. There’s no way your baby is going to die in your hands and you’re going to be, like, ‘Well, that worked out well!’” 
Nachdem ihre Ehe endgültig gescheitert ist, entwickelt sich eine E-Mail-Freundschaft zwischen Ariel und dem südafrikanischen Arzt, John Gasson, der sie in der Mongolei behandelt hat. Die Korrespondenz führt zu einem Happy End, das so weit außerhalb ihrer Vorstellungskraft lag, dass sie es nie hätte schreiben können: mittlerweile sind sie verlobt, sobald einer von ihnen die Zeit hat, sich um den Papierkram zu kümmern, werden sie heiraten. John ist mittlerweile als Arzt in Nigeria tätig, und die beiden bringen tausende Flugmeilen hinter sich. Sie ist glücklich – auf diese neue Art, die zu ihrem neuen Leben gehört. Das Glück einer Frau, die weiß, dass sie nicht alles haben kann – und deswegen das, was sie hat, umso mehr zu schätzen weiß.
It will always be sad. It’s never not going to be a sad thing. But I don’t walk around on the verge of crying anymore, and I’m not preoccupied by this. It has become a part of who I am, instead of what it was before, which was this tunnel of a reality that I was living within. It’s now in me, instead of me being in it, if that makes sense.
Ja, macht es.

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