Shondaland und die wütende schwarze Frau

Okay, ich gebe es zu, mit „Grey’s Anatomy“ bin ich nie wirklich warm geworden (meine eigentliche Arztserienliebe, „ER“, hätte ich dafür nie betrogen). McDreamy hat bei mir allergische Reaktionen ausgelöst. Aber dafür haben es mir ihre anderen beiden Serien umso mehr angetan: „Scandal“ und „How to get away with murder“.
Ohne Zweifel gehört Shonda Rhimes zu den mächtigsten Frauen der Fernsehwelt. Auf ABC gehörte Shondaland (ihrer Produktionsfirma) sogar einmal ein gesamter Donnerstagabend, als ihre drei Serien hintereinander im Prime Time liefen.
Obwohl sie selbst schon in einem Krankenhaus in Chicago als sog. „Candy Striper“ (Praktikantin) gearbeitet hat, hatten ihre ersten Drehbücher ganz andere Themen: 1998 ihr Debüt „Blossom & Veils“, vier Jahre später „Plötzlich Prinzessin 2“  und „Not a girl“, das mit Britney Spears verfilmt wurde. Richtig, da konnte noch keiner ahnen, dass das eine Erfolgsgeschichte wird, oder?
ABC beauftragte die ehemalige Klosterschülerin auch nur mit einer „kleinen Überbrückung“ für die Sommerpause zwischen zwei „Boston Legal“-Staffeln (eine der besten Serien EVER!), aus dieser Überbrückung wurden 14 Staffeln (oder 15? 16? – jedenfalls zu viele) Grey’s Anatomy.
Shondas Traum war es ja eigentlich, Schauspielerin zu werden, doch ihr wurde schon von Kindheit an gesagt, dafür sei sie zu dick und nicht hübsch genug. Wenn sie Geschichten nicht auf der Leinwand verkörpern konnte, wollte sie sie wenigstens auf die Leinwand bringen. Tatsächlich dauerte es daher  eine ganze Weile, bis Shonda das Medium Fernsehen für sich entdeckte.
„I found myself with a new baby who never slept so I watched TV. I watched the whole of the first season of 24 in 24 hours, I watched the first five seasons of Buffy in three or four days and I began to think: here on TV this is where the character development is happening.”
Charaktere realistisch, vielschichtig, ambivalent und kontrovers aufzubauen, ist ihre große Stärke. Ihre Serien sind das, was man in Amerika „character-driven“ nennt, sie stehen und fallen mit der Authentizität der Protagonisten. Sie hat auch besonderes Talent dafür, schwierige Themen auf eine Art und Weise in ihre Serien einzubinden, die viele andere Fernsehmacher nicht wagen würden. Es geht um Rassismus, Feminismus, Antisemitismus, Vergewaltigung, Abtreibung, Angst vor dem Alleinsein….. das Leben. Sie musste einiges einstecken, als sie in Staffel 8 von Grey’s Anatomy den Charakter Cristina Yang die unpopuläre Entscheidung treffen ließ, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, einfach nur weil sie keine Kinder haben wollte.
“I just found it strange and draining that American television chose never to portray something that one in four women in America actually does. I wasn’t making a statement about choice. I was simply saying abortion happens and it is legal and it is necessary.”
In all ihren Serien gibt es starke schwarze Frauen, die sie mit starken schwarzen Schauspielerinnen besetzen lässt.
Ihre Produktionsfirma ist mehr eine Monarchie als eine Republik (nicht umsonst heißt sie „Shondaland“), sie hat die Zügel fest im Griff und mittlerweile arbeiten über 500 Mitarbeiter für sie. Man sollte meinen, das und ihre 3 Töchter würden sie voll auslasten, doch sie ist immer noch ein TV-Junkie, ist süchtig nach Game of Thrones und Orange is the New Black. Auch deswegen ist ihr klar, welch machtvolle Position der hat, der Fernsehen macht, und der täglich mehrere Stunden Zeit und Raum hat, Meinungen zu erschaffen, Bilder entstehen zu lassen, Kontroversen heraufzubeschwören.
In ihrer Rede bei der Human Rights Campaign erklärte sie, dass zwei zentrale Themen ihrer Arbeit das Alleinsein und die Unfähigkeit allein zu sein seien.
Is it okay to want to be alone? If you don’t want to be alone, how to not be alone? What does being alone mean? Is being alone „I don’t have a man who loves me“? ALONE IS A DIFFERENT THING TO DIFFERENT PEOPLE. THE IDEA THAT WOMEN DON’T KNOW THAT IS TERRIFYING.“
Sie selbst ist ganz eigene Wege gegen das Alleinsein gegangen: als 2001 ihre langjährige Beziehung zerbrach, beschloss sie kurz nach 9/11, ein Kind zu adoptieren – und zog diese Entscheidung natürlich auch durch, wie alles in ihrem Leben.
“I’d split up with a boyfriend and gone to Vermont to stare at my navel, and then 9/11 happened and I spent days being scared of what was happening in the world so I made a list of all the things I wanted to do and at the top was adopt a baby. Nine months and two days later, I brought my daughter home.”
Dass sie in Interviews oft gefragt wird, wie sie ihre Arbeit im Studio mit ihrer Mutterschaft (mittlerweile hat sie ein weiteres Mädchen adoptiert und ein Kind durch Leihmutterschaft bekommen) vereinbaren kann, findet sie amüsant und erschreckend zugleich.
I find it fascinating that no one ever asks a man, for example Chuck Lorre, if they’re going to find it hard juggling three shows.”
Natürlich hat sie ihre Kritiker. In der New York Times erschien eine Kritik von Alessandra Stanley über „How to get away with murder“, die einen mittleren Shitstorm auslöste und mit den Worten begann:  “When Shonda Rhimes writes her autobiography, it should be called ‘How to Get Away With Being an Angry Black Woman’.”
Shonda nahm es (natürlich) gelassen. Auf Twitter erklärte sie, sie habe die Kritik aus Zeitgründen leider nicht ganz lesen können:
“I’ve been too busy being angry and black. Also a woman. Takes up a lot of time.”
Wir leben mehr und mehr in einer Zeit, in der virtuelle Medien unsere Kinder mehr formen als Schule und Bücher, als Politik und Umfeld.  „Du bist was du isst“ heißt es schon seit den 80er Jahren, aber viel realistischer ist heute „Du bist was du siehst“. Fernsehen ist allgegenwärtig, man muss nicht einmal mehr zu einem bestimmten Sendetermin zuhause sein, man kann jede Sendung immer und überall sogar auf seinem Handy anschauen. Serien begleiten uns manchmal über Jahre hinweg, Staffel für Staffel, wie Jahresringe werden sie fast unmerkbar auch zur Kulisse des eigenen Lebens, die Charaktere zu Bekannten, zu Diskussionsthemen im Leben 1.0, zu Fernsehfreundinnen; ihre Kontinuität zu einem Stück Sicherheit. Shonda ist die Biokost unter den TV-Machern, im besten Sinn: schadstofffrei und politisch, gesund und feministisch, abwechslungsreich und komplex, intelligent und furchtlos. Wenn meine Tochter sich einmal nicht mehr vom Fernsehen fernhalten lässt und eine Fernsehfreundin will, dann bitte eine aus Shondaland.
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