Mindfucks, Pick-Up-Artists und die Eskalation der Liebe

Vor 10 Jahren machte Neil Strauss sich nicht nur einen Namen mit seinem Buch „The Game“, sondern damit den Sport der sog. Pick-Up-Artists auch gleich salonfähig.
Bücher, die Frauen beraten, wie man Männer bekommt, waren zu dem Zeitpunkt schon so alt wie die Pille (über „The Rules“ z.B. haben wir bereits gesprochen). Dass Männer plötzlich Schwierigkeiten haben, Frauen zu finden, schien aber neu. Stürzen sich nicht auf jeden beziehungswilligen Nicht-Bindungs-Phobiker gefühlt 8 Frauen mit rhythmisch tickenden biologischen Uhren?

Das mag sein, doch die Pick-Up-Artists (PuAs) sind nicht auf der Suche nach einer Beziehung, sondern nach (Achtung, jetzt kommt etwas Unvorstellbares!) unverbindlichem Sex. – Und der ist allem Anschein nach deutlich schwieriger zu finden. In nächtlichen Clubs treffen sich also offenbar seit Jahren Frauen, die heiraten wollen und keinen Mann dafür finden mit Männern, die vögeln wollen und keine Frau dafür finden. Das urbane Drama schlechthin – und eine Marktlücke, die Autoren wie Neil Strauss erkannt und gefüllt haben (neben allem anderen, was sie so gefüllt haben, wenn man ihren Büchern Glauben schenkt).

Auf den ersten Blick enthalten die Bücher der PuAs nichts weiter als eine schier endlose Zahl einstudierter Verhaltensmuster und erschreckend einfacher Tricks. Am erfolgversprechendsten bei den Frauen ist nach Einschätzung dieser „Experten“ die sog. „Push- and Pull“-Methode, bei der der Mann erst Nähe herstellt, sich dann wieder zurückzieht, dann wieder Intimität schafft, nur um sich wieder zurückzuziehen. Die Frau hat somit beständig Zweifel an seinem Interesse. Wenn Frauen Sex verweigern, leugnet der Mann jegliches sexuelle Interesse (als Strafe) solange, bis die Frau hinterfragt, was sie falsch gemacht hat, ob er sie nicht begehrt, ob sie sich vielleicht sein Interesse nur eingebildet hat – und dann natürlich mit ihm ins Bett geht. Klingt ein bisschen nach 5. Klasse (da war auch schon ein Zeichen dafür, dass ein Junge was von einem wollte, dass er ständig fies zu einem war), scheint aber auch unter Erwachsenen noch zu gut zu klappen, wie alle Frauen bestätigen können, wenn sie mal tief in sich hineinhören: Das größte Interesse haben wir immer für die Männer, die ganz offenkundig keines für uns haben.

Die PuAs haben auch eine eigene Sprache: Frauen sind „Targets“, positive Signale sind „IOIs“ (Indicator of Interest), Liebe ist ein „Mindfuck“, einzelne Aktionen und Sex-Praktiken sind „Levels“ und sobald man diese Level erreicht hat sind sie „Closed“. Manche schreiben im Anschluss an ihre Eroberungen auch „Lay Reports“ zur Optimierung der eigenen Leistung (da kommt wohl durch, dass sie tagsüber Buchhalter, Banker und Anwälte sind).

Der rationalisierte Sex ist Frauen nicht fremd, seit Jahrtausenden nutzen wir ihn völlig unemotional als Währung, Trumpf bei Verhandlungen, Selbstbewußtseins-Boost oder drohen auch mal mit Sexentzug wenn es nötig erscheint. Tatsächlich ist uns sehr viel fremder, dass das eher simple Gemüt des Mannes (das berechenbarerweise einfach immer und überall Sex wollte) gelernt hat, ihn strategisch einzusetzen. Aber tun die PuAs das überhaupt?

Was wären wir Feministinnen, wenn nicht eine von uns das neue Phänomen gleich wissenschaftlich untersucht hätte: die Amerikanerin Clarisse Thorn schrieb ein Buch über PuAs und begleitete sie über mehrere Monate hinweg. Sie hatte nicht das Gefühl, mit herzlosen Manipulatoren unterwegs zu sein, viel mehr ist sie der Ansicht, dass beide Geschlechter unter einem enormen Druck stehen, ihre archaischen Rollenbilder wieder zu erfüllen – ob sie wollen oder nicht. Clarisse traf keine abgeklärten Aufreißer, sondern verwirrte Männer, die dankbar für eine Art Regelwerk waren, das sie im Frauendschungel nicht die Orientierung verlieren ließen. Männer sind verunsichert: es wird ihnen immer eingetrichtert , dass man Frauen gut behandeln muss (theoretisch, erleben tun sie das nicht wirklich), dass Frauen sensible Frauenversteher wollen, die kochen und weinen können, doch dann kaufen sich Frauen aber 3 Monate vor dem Kinostart Karten für „50 Shades“? Ja!!! Letzteres verstehen übrigens nicht nur Männer nicht.

Haben wir uns die PuAs also selbst zuzuschreiben, haben wir sie mit unseren widersprüchlichen Signalen selbst herangezüchtet? Und ärgert es uns nicht am allermeisten, dass sie mit ihren Taktiken scheinbar erfolgreich sind? Männer unterdrücken, Frauen manipulieren, so war das doch die letzten 5000 Jahre, oder? Und so sollte es auch bleiben, wie sollten wir uns sonst zurechtfinden? Sind wir nicht alle schon orientierungslos genug?

Selbst PuA-König Neil Strauss hat im letzten Jahr ein neues Buch geschrieben, „The Truth“, in dem er einsichtig mit seinen eigenen Äußerungen abrechnet, nachdem er die große Liebe gefunden und wieder verloren hat. Er hat seine Freundin Ingrid (natürlich) betrogen und da muss (natürlich) eine Sexsucht dahinterstecken, also ab in die Reha. Männer tun sich offenbar ebenso schwer, glücklich zu werden, wie wir, wer hätte das gedacht?
Wie sein erstes Buch ist auch dieses überraschend feinsinnig und selbstkritisch geschrieben (und mit „überraschend“ gebe ich natürlich keinesfalls zu, dass Frauen möglicherweise Vorurteile gegenüber Beziehungsratgebern von Männern haben könnten).
Allein mit dem Satz

Women want sex as much as -if not more than- men; they just don’t want to be pressured, lied to, or made to feel like a slut.

lässt Strauss mit seinem Know-How schon 90% seiner Geschlechtsgenossen hinter sich.

Alles soll schnell gehen, unserer immer knapper bemessenen Zeit angemessen. Männer wollen schnellen Sex (warten bis zum dritten Date? Welches dritte Date? Es gibt einen Grund dafür, warum es nicht Three-Nights-Stand heißt), Frauen wollen das schnelle Gefühl (schon 6 Wochen daten und immer noch kein „ich liebe dich“, keine gemeinsame Wohnung, kein Antrag? Auf zum nächsten….).

Einstweilen sind die Geschlechter weiter dabei, sich gegenseitig vorzumachen, kein Interesseam jeweils anderen zu haben, sich rar und „unavailable“ (und damit möglichst interessant) zu machen. Und wer aus dieser Fünftklässler-Phase endlich rauswächst ist mittendrin im Kriegsgebiet der eskalierten Erwartungen: während die Männer nämlich versuchen, die sexuelle Eskalation voranzutreiben, wollen die Frauen die emotionale beschleunigen. Der ultimative Mindfuck.

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