Libanon Tagebuch III – Tag 1 (Phoenix und Fuchs)

Wann immer ich in Beirut bin, treffe ich mich mit meiner Freundin Farah Salka. Auch heute, da wir erst am späten Nachmittag gelandet sind und es viel zu spät war, noch in die Bekaa-Ebene zu fahren, als wir endlich durch den Zoll waren.

Farah ist Executive Director des Anti-Racism-Movement in Beirut und nimmt sich einem (weiteren) riesigen Problem des Libanons an, das es schon lange vor der Flüchtlingswelle aus Syrien gab und das leider wohl auch weiterbestehen wird, wenn einmal alle syrischen Flüchtlinge nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren konnten: den „migrant domestic workers“ oder „maids“.

Im Libanon, einem Land mit 4,5 Millionen Einwohnern und fast 2 Millionen syrischen Flüchtlingen leben derzeit rund eine Viertelmillion „maids“.

„Wir Libanesen sind verrückt nach Autos und Hausangestellten. Die meisten von uns können sich jedoch beides eigentlich nicht leisten. Eine fünfköpfige Familie hat 5 Autos, was oft damit zu erklären ist, dass der Libanon wirklich überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel hat. Vater und Mutter arbeiten, brauchen also Autos. Von den Kindern studiert eines, zwei andere haben ebenfalls Jobs, oder müssen von den Maids in ihre jeweiligen Schulen gebracht werden, also brauchen sie auch Autos. Sie gehören alle der Bank. Bei den Maids ist es noch schlimmer: sie kommen illegal aus einem Dutzend verschiedener Länder, die meisten jedoch aus Äthiopien, Sri Lanka und den Philippinen. Sie werden von den Familien wie Sklaven behandelt und einfach nicht bezahlt.“

Sie müssen in den Haushalten leben, denen sie zugeteilt werden, diese Haushalte müssen aber nicht nachweisen, dass sie ein Zimmer oder wenigstens eine kleine Kammer für eine Hausangestellte haben oder dass sie sich deren Gehalt leisten können, weswegen die meisten Maids auf dem Küchenfußboden, im Keller oder im Hausflur schlafen müssen. Sie werden ausgebeutet, bekommen keine Bezahlung oder freie Tage, werden oft misshandelt und sexuell missbraucht. Sie müssen ihre Pässe bei ihren „Sponsoren“ (so werden die Familien, für die sie arbeiten, genannt) und sind so vollkommen abhängig von ihren Arbeitgebern.

Die Regierungen von Sri Lanka, Äthiopien und den Philippinen sind so besorgt über die Entwicklungen, dass sie inzwischen Ausreiseverbote in den Libanon verhängt haben, doch die Frauen kommen trotzdem täglich , illegal, fliehen vor Armut oder gewalttätigen Männern in ihrer Heimat, hoffen darauf, dass sie trotz allem, was sie gehört haben, die Chance auf bezahlte Arbeit bekommen, die Möglichkeit, Geld an ihre Familien in der Heimat zu schicken.

Wann immer ich am Flughafen in Beirut lande, stehen lange Schlangen dunkelhäutiger Frauen am Immigrationsschalter, die Blicke gesenkt, wartend auf ein Schicksal, das außerhalb ihrer Kontrolle liegen wird.

Statistisch werden 2 dieser Frauen pro Woche sterben – entweder durch Selbstmord oder bei dem Versuch zu fliehen. Im März hat es zuletzt einer dieser Fälle in die Presse geschafft, die meisten werden vertuscht: eine Frau mit einem pinken Tuch um den Kopf geschlungen klettert mitten am Tag aus dem Fenster im vierten Stock eines Wohnhauses im Zentrum Beiruts, klammert sich an den Fenstersims, während Stimmen im Inneren des Hauses sie anschreien, zurückzukommen. Doch stattdessen springt sie. Das Handyvideo eines Passanten wird im libanesischen Fernsehen gezeigt, die Frau war eine äthiopische Maid, die ihre Lebensbedingungen nicht mehr ertrug. Eine von 2 pro Woche.

Die „Abwicklung“ und Zuteilung der Frauen wird von sog. „Agencies“ übernommen, die offenbar aber keinerlei Kontrollen seitens der Regierung unterstehen. Welche Kriterien die Agenturen bei der „kefala“, so heißt das Sponsoren-System im Libanon, anwenden, weiß niemand so genau. Farah selbst hat sich mehrmals um Zuteilung einer Maid beworben, nur um tiefere Einblicke in das System zu bekommen und wenigstens eine der hunderttausenden Frauen sicher bei sich unterzubringen, doch aufgrund ihrer Tätigkeit beim Anti-Racism-Movement wird sie immer wieder abgelehnt, obwohl sie ein Gästezimmer hat und eine Maid bezahlen könnte.

Andererseits werden Familien Maids zugewiesen, auf die beides definitiv nicht zutrifft: Hamads Familie zum Beispiel. Schon bei meinem letzten Besuch hier hat Hamad, unser Fahrer, mich eingeladen, seine Eltern kennenzulernen, die in der Beqaa-Ebene nur 20 Minuten entfernt von unseren Camps leben. Also sind wir eines Abends dort vorbeigefahren. Hamad ist das jüngste von 14 Kindern. Er lebt zwar mittlerweile in Beirut, seine 13 Geschwister leben aber alle immer noch in unmittelbarer Nähe der Eltern in Beqaa. Die Wohnung der Eltern besteht aus zwei Zimmern im Erdgeschoß eines heruntergekommenen Hauses. In beiden Zimmern steht je ein großes Bett, die Räume getrennt durch einen schmalen Flur. Im rechten Raum liegt die Mutter, im linken der Vater, beide sind Pflegefälle. Mobiliar gibt es keines. Wir sitzen auf dem Boden im Zimmer des Vaters, das frühere Wohnzimmer, in dem ein uralter, schwarzer Ölofen steht. Hamad hat Lammfleisch mitgebracht und legt es auf einer oft benutzten Alufolie auf den verrußten Ofen neben dem schrägen Bett des Vaters, dem ein Bettpfosten fehlt, an dessen Stelle ein großer Stein gerollt wurde, der mit der Höhe der anderen Bettpfosten nicht ganz harmoniert. Das Zimmer füllt sich fast sofort mit dunklem Rauch, als Hamad den Ofen anmacht. Es ist offensichtlich, dass hier bettelarme Menschen leben. Dennoch ist Hamad empört, als eine junge Frau uns Tee bringt und ich ihn frage, ob das eine seiner Schwestern ist. „Natürlich nicht“, erwidert er, „das ist unsere Maid“.

Ich frage ihn, wie sie bezahlt wird, und er zuckt die Schultern. „Sie hat kein Geld verdient. Siehst du, wie schmutzig es hier ist?“ fragt er und deutet auf den Boden, auf dem wir sitzen. Es ist ein Sandboden, von dem mir nicht klar ist, wie sie ihn sauber halten sollte. Ich versuche, mit ihr zu sprechen, doch sie spricht weder Englisch noch Arabisch, wie sie sich mit der Familie verständigt ist mir schleierhaft. Mit Händen und Füßen kann sie mir mitteilen, dass ihr Name Denayt ist, sie aus Äthiopien kommt und seit 18 Monaten bei der Familie ist. Ich lasse mir zeigen, wo sie schläft: auf einer Wolldecke unter dem kleinen 11Waschbecken im Flur, das gleichzeitig Badezimmer und Küche ist.

Hamads Familie möchte nicht, dass ich Fotos mache, sie schämen sich für ihre Armut, nicht für die Behandlung ihrer Maid. Hamads Vater ruft uns zum Essen, das Fleisch auf der schmutzigen Alufolie ist durch. Wir setzen uns wieder in das verrauchte Zimmer und Alles-Esserin Lilith probiert tapfer das Lammfleisch, aber selbst sie kapituliert vor dem verkohlten Fleisch, das mach Heizöl schmeckt. Die Reste bekommt die Maid.

Auf dem Heimweg versuche ich Hamad klar zu machen, auf wie vielen Ebenen das eben gesehene falsch ist, aber zum ersten Mal in meiner Zeit im Libanon habe ich wirklich das Gefühl, an unüberwindliche kulturelle Grenzen zu stoßen. Meine Frage, ob es unter 14 Kindern denn wirklich nicht möglich ist, dass eines seiner Geschwister sich um die pflegebedürftigen Eltern kümmert (oder die Geschwister sich abwechseln) reagiert er mit Unverständnis. Solche Arbeiten übernahmen im Libanon schon immer die Maids.

Tatsächlich bestätigt auch Farah mir, dass die libanesische Wirtschaft abhängig ist von den migrant domestic workers, sie wären aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Ziel muss es also sein, ihre rechtliche Situation zu verbessern.

„Es gibt keine Gesetze für die ausländischen Arbeiterinnen. Es ist nicht so, dass sie kaum Rechte haben, sie haben gar keine Rechte“, sagt Farah.

Seit 2014 haben sie zwar eine Gewerkschaft, aber geändert hat sich seitdem kaum etwas. Wenn Farah eine Demonstration organisiert, können die Frauen, die unter dem Kefala-System noch bei ihren Sponsoren arbeiten nicht kommen, an den Protesten teilnehmen könnten also nur Frauen, denen es gelungen ist, vor ihren Sponsoren-Familien zu fliehen und die jetzt ohne Papiere illegal im Land sind, also Angst vor Verhaftungen haben.

Trotz allem kommen jeden Tag mehr Frauen ins Land. Es gibt Einzelfälle, in denen das gut geht. Ranim erzählt mir, dass sie eine Maid hatten, als die Kinder noch kleiner waren, als sie ihre Tage in den Camps verbracht hat und sie jemanden brauchte, der den Kindern nach der Schule Essen macht. Ihre Maid kam aus Eritrea, sie bezahlten ihr Arabisch-Unterricht, sie war drei Jahre Teil der Familie, ehe sie in ihre Heimat zurückkehrte, sie haben immer noch engen freundschaftlichen Kontakt, Ranim und die Kinder schicken ihr jedes Jahr zu Weihnachten ein Paket. Auf so etwas hoffen die Frauen wenn ich sie am Flughafen in den langen Schlangen stehen sehe. Dass sie die Ausnahme von der Regel sind. Dass es gut geht. Doch das tut es bei den wenigsten.

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