Libanon Tagebuch III – Tag 2 (Phoenix und Fuchs)

Unser erster Tag in den Camps heute war (wie so oft) ein Tag des „Pläne umschmeißens“. Er begann mit der traurigen Nachricht, dass in der Nacht eine von Ranims Schulen ausgeraubt und zerstört worden war. Die Zeltwände waren aufgeschlitzt und alle Bücher und anderen Schulmaterialien gestohlen worden. Wir fuhren sofort hin und Lehrer, Kinder, Schüler und Ranim waren gleichermaßen geschockt. Die Angst, die Schule jetzt schließen zu müssen, stand allen ins Gesicht geschrieben.

Wer der Schule das angetan hat steht nicht fest, doch im Camp lebte über längere Zeit eine Familie, die aus der Rebellenhochburg Kusseir geflohen war und die der Hisbollah bekanntermaßen ein Dorn im Auge war. Die Familie ist mittlerweile weg, doch alle haben Angst, dass nicht genug Geld für eine Instandsetzung der Schule da ist. Es erscheint mir zu grausam, die Kinder und Familien für den Vandalismus der Hisbollah zu bestrafen und so beschließen wir, dass wir auf den Bau der geplanten Fuchsschule vorerst verzichten und stattdessen die zerstörte Schule neu verkleiden und ausstatten, so dass diese dann unsere Fuchsschule wird und die Kinder nicht auf die Fortsetzung ihrer Bildung verzichten müssen. Die neue große Phoenix-Schule wollten wir eigentlich ins Camp direkt daneben bauen, ein Camp mit über sechshundert Kindern das dringend eine Schule braucht, in dem aber ebenfalls mehrere Familien aus Kusseir leben. Wir beraten lange, doch das Risiko ist uns schließlich zu groß, dass die wertvollen Toolportzelte, auf die wir so lange gewartet haben zerstört werden und entscheiden, eine andere Location zu suchen. Danach sind wir erst einmal in unsere Homebase, also das Giraffencamp, unterwegs, in dem nicht nur eine Menge Papierkram auf Yehya und mich wartet, sondern laut ihm auch eine Schlange Menschen, die ein Anliegen an mich haben. In der Tat vergehen die nächsten Stunden wie im Flug und ich freue mich, dass wir mittlerweile als feste Anlaufstelle für Sorgen und Anliegen aller Art wahrgenommen werden.

Da ist die Lehrerin aus dem Pinguincamp, die einen Jungen in der Schule hat, der vor ein paar Wochen ein kaputtes Kinderrad im Müll gefunden und es selbst repariert hat. Obwohl sein Zelt nur fünfundzwanzig Meter von der Schule entfernt ist, kommt er jeden Tag mit dem Rad zur Schule und parkt es neben seiner Bank, obwohl Platz ohnehin Mangelware ist. Sie hat ihn mehrmals darauf angesprochen, doch er kommt jeden Tag wieder mit dem Rad und sie bittet mich, mit ihm zu reden. Als ich genau das tue fällt er mir weinend um den Hals und gesteht, dass sich das in die Schule radeln so anfühlt als wäre noch alles normal, als hätte er noch ein Zuhause, einen Schulweg, sein altes Leben. Als ich der Lehrerin davon erzähle weint auch sie. Sie wird ihn nie wieder wegen des Fahrrads schimpfen.

Da ist Husseins (einem Lehrer im Zebracamp) Neffe Muhamad, dem wir schon bei unserem letzten Aufenthalt seine Psychopharmaka besorgt haben und der mittlerweile aus dem kuwaitischen Camp geworfen wurde, weil er wieder anfing nachts zu schreien als seine Medikamente aus waren. Ich besorge ihm neue, doch langfristig muss er den Libanon verlassen und braucht Asyl in Europa, wo man seine Angstzustände behandeln kann. Ich verspreche, mich darum zu kümmern sobald ich wieder in Deutschland bin. Bis dahin darf er nachts in der Zebraschule übernachten.

Da ist ein besorgter Vater, der mir erzählt, dass sich auf dem Nachbargrundstück gestern eine Ziege losgemacht hat und hinter seinen Sohn herlief und sein Sohn panisch durchs Camp lief und schrie: „Ein Elefant, ein Elefant!“ Eine Generation wächst ohne Zoos auf, ohne Tierlexika, ohne Tiergeschichten mit Bildern, ohne Lernmaterialien über Biologie, ohne Stofftiere. Ich verspreche ihm, arabische Tierlexika zu besorgen.

Da ist eine besorgte Mutter die sich beschwert, dass der Melonenmann, der sich schon bei Bau unserer ersten Schule geweigert hat mir Melonen für das Camp zu verkaufen, jetzt den ganzen Tag auf der anderen Straßenseite sitzt und mit dem Wasserschlauch Richtung Camp zielt, einfach nur um den Grund rund um die Schule in Matsch zu verwandeln. Das Problem lässt sich lösen, indem ich den Camp-Wasserschlauch ein paar Minuten auf den Balkon des Melonenhändlers richte und danach ein paar unschöne Worte mit ihm wechsle. Waffenruhe.

Zwei Dutzend solcher Anliegen gibt es und es ist später Nachmittag als Yehya und ich mit dem Papierkram beginnen. Der ist deshalb so wichtig, weil wir uns schon seit dem Bau der ersten Schule darum bemühen vom libanesischen Kultusministerium die Erlaubnis zu bekommen Abschlusszeugnisse (Alternative Education Certificates) ausstellen zu dürfen, die es unseren Kindern erlaubt nach dem Krieg in Syrien weiterführende Schulen zu besuchen oder studieren zu können. In vier Wochen wird nun darüber entschieden und wir müssen alle Unterlagen vorlegen.

Über jede Schule, jede Schicht, jeden Tag werden Anwesenheitslisten, Lehrpläne, erreichte Noten etc. akribisch von ihm vorbereitet, Tabellen händisch eingetragen, mir dann gegeben, sodass ich sie wieder abtippe und dem Ministerium schicken kann. Bitte drückt uns die Daumen, dass sich die viele Arbeit gelohnt hat.

Während Yehya und ich bei 44 Grad in seinem Arbeitszimmer (und Wohnzimmer und Esszimmer und Schlafzimmer und Küche) schuften, ist es schön zu sehen, dass die Kinder draußen über alle Sprachbarrieren hinweg mit nichts weiter als ein paar Wäscheklammern und meinem Handy über Stunden einen riesen Spaß haben. Morgen geht es weiter mit Problemlösungen, Schadensbegrenzungen, umgeworfenen Plänen und hoffentlich viel Neuem, Libanon eben.  

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.