Libanon Tagebuch III – Tag 3 (Phoenix und Fuchs)

Wie fast immer begann unser Tag bei Yehya im Giraffencamp. Anders als sonst so oft, begann er aber mit einer guten Nachricht: die Grundbesitzer haben unsere Zeltschule-Camps endgültig als Recruitingmöglichkeit für Kinderarbeit aufgegeben, nachdem wir unsere Schulen noch nicht einmal im Ramadan geschlossen haben. Stattdessen bieten sie jetzt vermehrt den Müttern (illegale) Arbeit auf den Feldern an. Diese bezahlen sie zwar nicht mit Geld, aber mit etwas fast ebenso wertvollem: sie dürfen einen Teil der Ernte behalten. Es ist schön, statt Kindern einmal erwachsene Frauen in den Lastern zu sehen, die überall in der Beqaa-Ebene unseren Weg kreuzen. Noch dazu, wenn sie mit prall gefüllten Kartoffelsäcken aussteigen.

Heute hat natürlich oberste Priorität eine neue Location für unsere geplante Phoenix-Schule zu finden. Wir haben schon lange ein sehr großes und besonders armes Camp in der Nähe der Tiger im Auge. Yehya hat es schon des Öfteren besucht und mir erzählt, die Kinder dort wüssten wirklich gar nichts, könnten 2+2 nicht ausrechnen, kennen keinen einzigen Buchstaben des Alphabets. Das Camp sieht in der Tat trostlos aus. Als die ersten Kinder die großen Kartons auf unserer Ladefläche sehen, springen sie aufgeregt um mich herum: „Madrassa? Madrassa?“

Sie scheinen genau zu wissen, dass eine Schule das ist, was hier am dringendsten gebraucht wird und strahlen, als ich bestätige, dass wir in der Tat eine Schule bauen werden. Fünf Jahre gibt es das Camp schon, wir rechnen mit 200 schulpflichtigen Kindern und einer enormen Zahl (das drei- bis vierfache!) an Kleinkindern.

Während einige der Männer bereits mit Yehya mit dem Dach beginnen (das wir sonst immer ganz am Schluss machen) will ich erste Bewohnerlisten erstellen, doch mein Rucksack ist in Yehyas Zelt bei den Giraffen. Ich gehe in bestimmt 15 Zelte, um nach einem Blatt Papier und einem Stift zu fragen, doch alle schütteln bedauernd den Kopf. Wieder einmal hat Armut eine neue Dimension bekommen. Ein kleines Mädchen bleibt immer in meiner Nähe und mir fällt auf, dass sie trotz der brütenden Hitze einen dicken Thermopullover trägt. Luna heißt sie und als sie mich in ihr Zelt führt, frage ich ihre Mutter, ob sie kein T-Shirt hat, doch diese verneint. Luna hat nur das, was sie am Leib trägt. Ich gehe in mehrere Zelte um zu fragen, ob niemand etwas abzugeben hat, doch tatsächlich haben alle Kinder nur das, was sie anhaben. Die meisten gehen auf den glühend heißen Steinen barfuß. Wir müssen diese Kinder also dringend auch mit neuer Kleidung versorgen und Ranim und ich beschließen, Kleidung und Lebensmittel für die Erstausstattung so eines großen Camps in Damaskus zu kaufen. Die Sachen sind dort nicht nur viel billiger als in Beirut, es ist auch viel näher (Beirut ist ohne Stau ca. 90 Autominuten entfernt, Damaskus nur 25) und es besteht weniger Gefahr, dass die gekauften Lebensmittel bei der Hitze schon im Auto verderben.

Auf dem Rückweg besuchen wir noch die Pinguine und die Zebras. Die Kinder präsentieren mir stolz ihre Hefte und obwohl die Luft zum Schneiden ist und der eine Ventilator in dem Raum mit 26 Kindern keine Chance hat wirklich für Kühlung zu sorgen, sind sie unglaublich motiviert und fröhlich.

  

Das versuchen wir, für den morgigen Tag mitzunehmen!

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