Libanon Tagebuch III – Tag 4 (Phoenix und Fuchs)

Wir haben heute den Tag in Shatila begonnen, weil es auch weiterhin eine Priorität bleiben muss, diese Schule in Libanons größtem Flüchtlings-„Camp“ zu unterstützen – am besten natürlich auf eine Art, die unseren Zeltschulen auch nützt, also durch den Kauf der wunderschönen Produkte, die wir dann bei unseren Fundraising-Veranstaltungen weiterverkaufen. Meine Freundin Saba hat einige neue Produkte für uns zur Seite gelegt, z.B. Herren-Geldbeutel, Sitzhocker (!!!), handgemachte Teddybären, ganz neue Taschen……. und natürlich „War Dolls“, diese einzigartigen Puppen, deren Geschichte ihr in diesem Video ansehen könnt und die natürlich auch in Shatila von unseren Stick-Künstlerinnen hergestellt werden – von Flüchtlingen für Flüchtlinge.

Dolls with a story: made by refugees, for refugees

Danach ging es natürlich schnell weiter in unser neues Phoenix-Camp, wo wir das Zelt fertiggestellt haben. Alle waren begeistert von den vielen Fenstern, den geraden Linien, dem strukturierten Gerüst – sieht etwas anders aus, als unsere selbst gebauten! 🙂

Luna, immer noch in ihrem Thermopulli, nimmt mich zur Seite und flüstert: „Wir haben sehr lange gewartet, aber jetzt haben wir die schönste Schule!“ – Sie wird Augen machen, wenn die Schule am Samstag, vor der Eröffnung noch viel schöner wird, wenn wir die16 Wandbilder der Tumblingerkinder darin aufhängen!

Freitagnachmittag ist normalerweise nach dem Moscheebesuch die Zeit für unsere WhatsApp-„Lehrerkonferenz“, doch da ich da bin und es allen zu heiß für die Moschee ist, treffen wie uns bei Yehya. Eins meiner großen Themen ist Krankenversicherung, womit ich mich in den letzten Wochen eingehend beschäftigt habe, was aber definitiv nicht möglich sein wird, da wir keine Möglichkeit haben, unsere Lehrer legal anzustellen. Ich sage ihnen, dass ich dennoch immer wissen möchte, wenn sie krank sind und dass es andere Wege geben wird, etwaige Behandlungskosten zu übernommen, sie sollen damit immer zu mir kommen. Die 2 Antworten, die einstimmig zurück kommen, freuen mich sehr:
1. „Das wissen wir doch, Madame!“
2. „Wir werden sowieso nicht krank!“

Der Rest unserer Konferenz besteht darin, dass sie mir ihre „Härtefälle“ schildern: jeder Lehrer hat 1-2 Familien, die Probleme haben. Das können besonders traumatisierte Kinder sein oder verwaiste Kinder, die bei Verwandten wohnen oder besonders arme Familien. Es kann aber auch sein, dass ein Mann mit mehreren Frauen (in Syrien durchaus nicht unüblich, allerdings führen die einzelnen Familien dann meist ein Leben vollkommen getrennt voneinander) gezwungen ist, nun auf der Flucht mit allen drei Frauen auf engstem Raum zu leben – dabei haben wir schon explosive Situationen erlebt! 🙂 . Ich habe eine Liste von 8 Familien abzuarbeiten und bei allen Problemen können wir eine Lösung finden (bei letzterem verteilen wir die 3 Frauen auf Pinguin, Tiger und Zebra-Camp). 🙂

Satz des Tages kam von Linus und Yehya: die Kinder im Camp freuen sich immer besonders, wenn Lilith kommt, und heute haben alle jedes noch so verkümmerte Gänseblümchen unter Steinen ausgegraben und ihr einen „Strauß“ gemacht.
Linus: „Lilith ist ja hier fast so berühmt wie Iggy zuhause!“
Yehya: „Wer ist Iggy?“ 🙂

Dann geht es weiter nach Damaskus. Bis vor wenigen Wochen konnte man einfach zur Grenze fahren, umgerechnet ca. 7$ bezahlen und konnte unbehelligt einreisen (der Andrang war ohnehin nicht groß). Der syrischen Regierung ist daran gelegen, Ausländern zu zeigen, dass in Syrien alles in Ordnung ist, es gibt keinen Krieg, nur ein paar Aufstände von Systemgegnern, kommt und schaut unser schönes Land an….. Anfang Juli hat sich das plötzlich geändert, nun braucht jeder ein Visum von der Botschaft. Warum das so ist, wissen auch die Botschaftsmitarbeiter nicht, von der Gesetzesänderung über Nacht wurden auch sie überrascht. An der Grenze werden wir also nun wirklich kontrolliert, Laptop und Kamera habe ich vorsorglich im Hotel gelassen, doch bei der Einreise wird auch das Handy eingesammelt, man gibt mir einen Zettel mit einer fahrig hingeschmierten Nummer und legt es scheinbar wahllos in ein Regal mit 500 anderen Handys. Ich nehme insgeheim schon Abschied von meinem treuen Begleiter, weil ich nicht für möglich hielt, es hier je wieder zu bekommen – habe ich aber später tatsächlich. Erst bin ich enttäuscht, weil ich nun keine Fotos machen kann, doch die Militärpräsenz in der Stadt ist mittlerweile so hoch, dass es ohnehin fast unmöglich gewesen wäre, etwas zu fotografieren, ohne dabei unabsichtlich auch bewaffnete Soldaten mit auf dem Bild zu haben, was streng verboten ist. Wir kaufen also nur alles nötige ein, versprechen Ranims Mutter, nächstes Mal länger zu bleiben und kehren am Abend wieder zurück in die Camps.

Yehya hat zwischenzeitlich die Bewohnerliste für das Phoenix-Camp fertiggestellt: 600 Kinder! Wir müssen die Schule also so planen, dass sie nicht nur die jetzigen 200 Schulkinder unterbringt, sondern auch die vielen kleineren, die in den nächsten Jahren folgen werden. Es ist unser mit Abstand größtes Camp bisher und wir hätten keine Chance, all diese Familien zu versorgen, ohne unsere beiden größten Spender:

Die Firma Toolport, die uns das Zelt und Solaranlagen sowie 12.000€ für Miete und Grundausstattung gespendet haben und die Phoenix Foundation, die uns 36.000€ für die Versorgung der Kinder und Familien für das kommende Jahr gespendet hat.

Die Phoenix Schule wird aufgrund der Größe des Camps und des schlechten Zustands der Menschen dort (die Kinder sind unterernährt, haben sehr schlechte Zähne, sind nicht auf dem allgemeinen Wissensstand von Vorschulkindern in anderen Camps und viele der Erwachsenen machen einen resignierten, depressiven Eindruck) weit höhere laufende Kosten haben als unsere anderen Schulen (wir müssen die Menschen mit Kleidung versorgen, ich rechne mit medizinischen Kosten, sobald ich in allen Zelten war und mir alle Kinder und Bewohner angesehen habe, wir müssen kleinere Unterrichtsgruppen mit mehr Lehrern machen, um sicherzustellen, dass die Kinder möglichst bald auf den Stand Gleichaltriger in anderen Camps kommen usw.), deswegen wäre die Schule ohne diese beiden Spender nicht denkbar.

Vielen Dank insbesondere an Herrn Hoese von Toolport und Frau Pröll von der Phoenix Foundation!

Morgen feiern wir Eröffnung!! Also, jedenfalls PLANEN wir es….. 🙂

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