Libanon Tagebuch III – Tag 5 Eröffnung (Phoenix und Fuchs)

Heute haben wir uns schon morgens um 5 Uhr auf den Weg nach Beqaa gemacht, damit ich vor der Eröffnung genügend Zeit habe, in wirklich jedes Zelt des Phoenix-Camps zu gehen, mit den Familien zu sprechen, mir ihre Lebensumstände und ihren Gesundheitszustand anzusehen.

Ich habe bereits gestern mit einem Beiruter Internisten gesprochen und ihn bezahlt, damit er am kommenden Dienstag einen ganzen Tag im Phoenix Camp ist. Heute habe ich alle Bewohner, die (meiner Meinung nach) medizinische Hilfe brauchen in eine Liste eingetragen und ihnen erklärt, dass die Behandlung am Dienstag kostenlos ist und sie unbedingt hingehen sollen. Von vielen der Kinder wurde ich immer wieder gefragt, was ein Arzt ist; das Konzept „Hilfe“, dass etwas, was weh tut, worunter man leidet, tatsächlich gelindert werden kann, ist nichts, womit sie aufgewachsen sind. Eine furchtbare Vorstellung.

4 Stunden dauert es, ehe ich überall war, dutzende Gläser Tee und 37 Seiten Notizen später habe ich mit jedem gesprochen, eine Liste mit den Namen von 41 Kindern und 16 Erwachsenen und kurzen Stichpunkten zu ihren Beschwerden und ihrer Anamnese nehme ich heute Abend zurück nach Beirut und gebe sie dem Arzt, damit er weiß, welche Medikamente er einpacken muss.

Wieder einmal wird mir klar, was für ein Türöffner Lilith und Linus sind, wie viel es den Menschen hier bedeutet, dass ich meine Kinder mit hierher an einen trostlosen Ort wie diesen bringe, fast in jedem Zelt bedanken sich die Bewohner dafür. Was für einen großen Vertrauensvorschuss sie mir dafür entgegenbringen wird in den vielen sehr persönlichen Gesprächen deutlich und wie immer am Eröffnungstag einer neuen Schule hoffe ich, dass wir der Verantwortung für diese Menschen, für das neue Camp der Zeltschule-Familie, gerecht werden können und sie nie enttäuschen müssen.

Noch etwas anderes, was mir Bauchschmerzen bereitete, habe ich gestern Abend organisiert: im Phoenix-Camp gibt es zwei sehr junge, sehr engagierte Lehrerinnen, die aber beide Anfang zwanzig sind und nach ihrem Studium fliehen mussten. Aufgrund der besonderen Bedürfnisse der Kinder im Phoenix-Camp würde ich mich mit einem erfahrenen Lehrer, der ihnen zur Seite steht, aber besser fühlen. Einige von euch werden Baschar schon vom letzten Libanon-Tagebuch kennen, er ist seit über 5 Jahren Lehrer in Ranims Abdallah-Schule, der wir letztes Mal Spielzeug gebracht haben. Er ist unserem Projekt sehr zugetan, hat in seinen Klassen immer exzellente Testergebnisse und ist in unseren WA-Lehrerkonferenzen immer einer der engagiertesten Lehrer, der viele gute Einfälle einbringt. Als ich ihn gestern Abend anrief und ihn fragte, ob er sich (zumindest auf Zeit) einen Tausch vorstellen könnte, war er ohne zu zögern sofort an Bord. Bis auf weiteres werden seine Schüler in Abdallah von einer der Lehrerinnen aus dem Phoenix-Camp übernommen und er wird mit ihrer Kollegin die Phoenix-Kinder unterrichten. Auch er ist bereits bei Sonnenaufgang im Camp und als ich mit meinem Zeltrundgang fertig bin, hat er bereits viele Kinder in der Schule versammelt und ihnen schon erste Lieder und Reime beigebracht.

Dann kommt endlich das, worauf sich alle Kinder (einschließlich meine :)) am meisten gefreut haben: das Verteilen der Geschenke! Da zur Schuleröffnung erfahrungsgemäß nicht nur die Schulkinder, sondern das halbe Camp kommen, habe ich bereits gestern beschlossen, dass wir die Zwischenwände, die die einzelnen Klassenzimmer abtrennen werden, hochrollen und die Bänke und Tische noch nicht aufstellen, um einen großen Raum für die Feier zu haben.

Beim Gruppenfoto bin ich fassungslos, dass ich vergessen habe, Yehya ein Zeltschule-T-Shirt mitzubringen. „Beim nächsten Mal?“ fragt er und in seinen Augen blitzt ganz kurz die zögernde Unsicherheit auf, die ich täglich bei den Kindern aller Camps sehe, wenn wir abends wieder ins Auto steigen: das Immer-wieder-hören-müssen, dass es ein nächstes Mal geben wird, dass wir natürlich wiederkommen.

Nächstes Mal, bestätige ich ihm und er lächelt erleichtert. Er weiß noch nicht, dass ich bereits dabei bin, ein Schengen für ihn zu beantragen, so dass Ranim ihn für unseren nächsten Fundraiser mitbringen kann. Für all seine unverzichtbare Arbeit für uns hat er es verdient, ein paar Tage auf Reisen zu gehen und zu erleben, wie sehr wir ihn hier alle schätzen. Erst gestern habe ich mit seiner Frau darüber gesprochen und mich bei ihr entschuldigt, dass mit jeder weiteren Schule mehr Arbeit auf ihn zukommt, da er ja nicht nur der Lehrer der Giraffenschule ist, sondern der Koordinator und Leiter all unserer Schulen. Sie schüttelte den Kopf und umarmte mich fest. Es sei ihr sehr viel lieber, dass ihr Mann wieder glücklich sei und das Gefühl habe, etwas wichtiges und sinnvolles beizutragen, auch wenn sie ihn dafür nur wenige Stunden am Tag sehe, als dass es wieder so wäre wie vor einem Jahr, wo er zwar immer bei ihr im Zelt war, aber ständig traurig und in sich gekehrt, weil er das Gefühl hatte, vollkommen nutzlos zu sein.

Beim Verteilen der Rucksäcke und Bücher fällt als erstes auf, dass sich die Kinder nicht wie bei den anderen Eröffnungen auf uns und unsere Kartons stürzen, sondern ganz ruhig sitzen bleiben. Dass etwas in den Kisten für sie sein könnte, kommt ihnen gar nicht in den Sinn, das Konzept Geschenk ist ihnen unbekannt. Fast überrascht sind sie, als Lilith und Linus beginnen, die Sachen zu verteilen.

Da es ja aber bei jeder Eröffnung irgendeine Panne geben muss, ist die heutige, dass ich nicht daran gedacht habe, dass wir (anders als bei unseren selbst gebauten Holzgerüst-Zelten) die gemalten Wandbilder und das Holzschild für die Tür nicht einfach mit Hammer und Nagel befestigen können. Ich hätte daran denken müssen, dass sowohl in den Phoenix wie auch in die gemalten Bilder der Tumblingerschule kleine Löcher gemacht werden müssen, um sie dann an einer Schnur am Gestänge des Zeltes zu befestigen. Yehya wird das morgen nachholen, bis dahin halten die Kinder die Bilder selbst hoch.

Die Kinder packen begeistert ihre Rucksäcke mit den wenigen Habseligkeiten aus und sind begeistert. Es ist überwältigend zu sehen, wie wenig ihnen so viel Freude machen kann. Doch im Zelt ist es mittags so heiß, dass wir Angst haben, einige der Kinder könnten uns umkippen, deswegen verschieben wir das Verteilen der neuen Kleidung auf den ersten Schultag am Montag.

„Wenn du nächstes Mal kommst, werde ich schon ganz klug sein!“ sagt Luna überzeugt und zögert dann auf die mir schon sehr bekannte Weise. Es gibt ein nächstes Mal, versichere ich ihr. Bald.

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