Maggie und der Trudeau-Kult

Dass sie nicht wirklich ernst genommen werden ist für viele Politiker nichts Neues. Dass sie allerdings aufgrund ihrer Sexiness und ihres guten Aussehens nicht ganz für voll genommen werden, davon können Trump & Co. nur träumen. Es passiert auch nicht oft, dass Amerikaner neidisch auf die Kanadier blicken, die eigentlich den Ruf haben, dröge Gutmenschen zu sein, doch den kanadischen Premierminister Justin Trudeau würden die Amis mit Kusshand nehmen – und nicht nur die Amis.

Nach Nobodys wie Stephen Harper, Paul Martin, Jean Chrétien oder Kim Campbell hat Kanada endlich wieder einen Premierminister, dessen Namen der Rest der Welt kennt. Wer sonst auf der politischen Bühne ließ sich auch sonst schon beim Yoga auf dem Boden des Amtsbüros fotografieren, hat ein indianisches Tattoo auf dem Oberarm oder wird nicht müde, immer wieder zu betonen, er sei Feminist? Noch besser: er behauptet es nicht nur, er besetzte die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen! Seine Antwort auf die Frage, warum er das getan habe, ging um die Welt:

„Weil es das Jahr 2015 ist.“

Der letzte Premierminister, den die Kanadier so liebten, war Justins Vater Pierre. Mit Unterbrechung regierte er zwischen 1968 und 1984, eine Mischung aus Hippie und intellektuellem Genie, dessen Charme sich nur wenige Kanadier entziehen konnten und dessen Erbe sie vieles von Justins positiven Eigenschaften zuschreiben.
Alles gut und schön, aber ich finde seine Mutter viel interessanter.

Margaret Trudeau, eine Frau, die Kanadier nur beim ihrem Kosenamen nennen: „Have you read what Maggie did?“ Ja, natürlich, alle sind über ihre Eskapaden ständig auf dem Laufenden.

Die Journalistin Amy Argetsinger fasste Maggies Persönlichkeit in einem wunderbaren Artikel über sie in der Washington Post so zusammen:

„Imagine if Jackie Kennedy hung out with hippies. Imagine if Mia Farrow had married a much older Ronald Reagan instead of a much older Frank Sinatra. Imagine if Princess Diana had survived to find a quiet life and a happily ever after. Then you might come close to understanding the phenomenon of Margaret Trudeau, the former first lady of Canada and one of the most sensational personalities of the 1970s.“

Maggie war eine 18jährige College-Studentin und mit ihren Eltern im Urlaub auf Tahiti, als sie Pierre Trudeau kennenlernte. Er war ganze 29 Jahre älter sie, ein berüchtigter Junggeselle der politischen Bühne, der Celebrities wie Barbra Streisand auf der (langen) Liste seiner Ex-Freundinnen hatte.

Sie heirateten wenige Jahre später, als Maggie 22 war, in einem Kleid, das sie sich selbst genäht hatte.

Auf ihr Leben als First Lady an der Seite eines Mannes, der in einer vollkommen anderen Lebensphase war als sie, war sie durch nichts vorbereitet worden. Niemand hielt es tatsächlich für möglich, dass diese Ehe gutgehen könnte, doch für die Medien war sie unwiderstehlich, bei weitem das Interessanteste, was Kanada in Jahrzehnten hervorgebracht hatte.

Auf einem Staatsbankett in Caracas sprang Maggie plötzlich auf und sang ein Lied zu Ehren der venezolanischen First Lady. Sie schockierte die ganze Welt als sie zu einem Staatsdinner im Weißen Haus ein Minikleid trug, eine Entscheidung, die tagelang auf den Titelseiten internationaler Zeitungen diskutiert wurde. Bei einem Empfang in Mexiko stürzte sie unangemeldet auf die Bühne und hielt eine flammende Rede für Frauenrechte. Sie trug Jeans bei einem offiziellen Empfang in Havanna. Mit 26 hatte sie ihren ersten (nicht letzten) Nervenzusammenbruch und gab bereitwillig Fernsehinterviews zu dem Thema.

„It was a total catastrophy in termy of my own identity.“

Und dann rannte sie weg. So schien es jedenfalls für die Öffentlichkeit. Ihren 6. Hochzeitstag verbrachte sie mit den Rolling Stones, zu einer Zeit, als Keith Richards sich gerade seinen Heroin-Anschuldigungen stellen musste. Monatelang hielt sich das Gerücht, sie habe eine Affäre mit Mick Jagger (erst Jahre später stellte sich heraus, dass Ron Wood der Glückliche war). Sie jettete nach New York um sich mit Richard Avedon und Prinzessin Yasmin Khan zu treffen. Sie fütterte die Paparazzi mit intimen Zitaten, wie, dass der Premierminister den Körper und das Stamina eines 25jährigen habe und dass sie oft Strapse für ihn trüge und noch intimeren Bildern. Großaufnahmen ihrer Vagina gehen um die Welt mit der Unterstellung, sie übe damit politischen Einfluss aus

Im Mai 1977 setzte Pierre Trudeau dem Spektakel schließlich ein Ende und verkündete offiziell die Trennung. Er bekam das Sorgerecht für die drei Söhne und Maggie war mit 28 eine Ex-First-Lady.

Mehr Ruhe in ihr Leben kam dadurch jedoch nicht. Sie schien ihre Zeit zu gleichen Teilen high im Studio 54 und angetrunken in Talkshows zu verbringen. Sie hat Affären mit Ryan O´Neal und Jack Nicholson.

Die Scheidung folgt erst 1984, nachdem Pierre das Amt des Premierministers endgültig hinter sich gelassen hat. Noch im selben Jahr heiratet sie einen Unternehmer aus Ottawa und hat zwei weitere Kinder mit ihm.

„I miss being exposed to the leading thinkers of the world. But you have to know when to exit.“

1998 ereignet sich das größte Drama ihres Lebens: ihr jüngster Sohn Michel kommt beim Skifahren ums Leben und die Trauer beendet ihre Ehe – auch diese Schlagzeilen sind wochenlang auf allen Titelseiten. Sie schwört, sich jetzt aus dem Rampenlicht zurückzuziehen, tut es aber natürlich nicht. Schon bevor Justin die politische Bühne betritt, steht sie mit einer neuen Aufgabe im wieder in Blickpunkt der Öffentlichkeit: mit Interviews über ihre bipolare Störung, die mittlerweile diagnostiziert wurde. Die Kanadier lieben sie bis heute, kaum ein Magazin, in dem sie nicht auftaucht, jede Generation dort kennt „Maggie“ ebenso wie „Madonna“. Ihre totale Furchtlosigkeit die zu sein, die sie ist, egal wie unpassend, egal wie unerwünscht, egal wie deplatziert, egal wieviel Kritik sie dafür einstecken muss, ringt sogar ihren Gegnern Respekt ab. Die Liste der Vorwürfe an sie ist lang: miserable Ehefrau, grauenhafte Mutter, promiskuitiv, trinkt zu viel, redet zu viel, keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet, aufmerksamkeitsgeil, verwöhntes Gör, macht es sich leicht, ohne ihr Aussehen wäre aus ihr wohl nie etwas geworden, gibt das Geld ihrer Ex-Männer aus…..

Irgendeinen dieser Vorwürfe hat fast jede Frau in ihrem Leben schon gehört, Maggie vereint sie alle in sich. Und vielleicht sind sie alle wahr.

„I have worked hard to become happy. It was a real struggle. I smile at the memories, wince and wink for the bad ones, and know that I have lived.“

In ihrem Wohnzimmer hängt an der Wand gerahmt eine handbeschrieben Seite aus John Lennons Tagebuch, es ist seine To-Do-Liste für den 22. Mai 1980. Punkt 6 auf seiner To-Do-Liste an diesem Tag war „read Margaret Trudeaus book“ (ihre 1979 erschienen Memoiren.

Das kann ich Ihnen nur ebenfalls empfehlen, es ist die Geschichte einer kompromisslos unkontrollierten Frau.

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