Die Nachrichten, Steuern, Sex und andere Dinge, die uns depressiv machen

Schon in der Antike kannte der griechische Arzt Galen das Problem, dass man kurz nach dem sexuellen Höhepunkt manchmal von einem merkwürdigen Gefühl der Trauer heimgesucht werden kann: „Nach dem Koitus ist jedes Tier traurig—außer dem Hahn und der Frau.“

Ich kann nicht für Hähne sprechen, aber zumindest bei Frauen hat sich der gute Doktor geirrt, es ist nämlich längst nachgewiesen, dass auch ein Drittel aller Frauen gelegentlich an Postkoitaler Dysphorie leiden.

Auch Aristoteles, Nietzsche und Spinoza kannten das Phänomen, auch sie hielten es für rein männlich und waren davon überzeugt, es habe mit dem temporären Verlust der „Lebensenergie“ zu tun, die beim Sex auf ihr Maximum ansteigt – und nach dem Höhepunkt abfallen muss.

Auch der Londoner Psychiater Anthony Stone stößt in dieses Horn: Männer hätten das größte Machtgefühl während der Penetration, sie sei der Inbegriff der erfolgreichen Jagd, der erfolgte Orgasmus sei daher ein „perceived loss of purpose“ – mit anderen Worten: Männer fragen sich nach dem Höhepunkt: und was jetzt?

Das Problem all dieser durchaus überzeugenden Erklärungen ist eben nur, dass auch Frauen unter postkoitaler Dysphorie leiden.

Die Ursache bei Frauen beschreibt der Gynäkologe Dr. Michael Krychmann nüchtern als „buyer’s remorse“, also das „Wie konnte ich nur?“-Gefühl, das wir auch nach manchen teuren Einkäufen haben: eine Tasche, die im Laden noch absolut unverzichtbar und verführerisch aussah, nun zuhause auf unserem Esstisch aber plötzlich die falsche Farbe hat, der Riemen scheuert, das Leder riecht seltsam. Klingt logisch, tatsächlich aber hat Postkoitale Dysphorie nichts mit Reue zu tun, sie tritt bei One-Night-Stands nicht häufiger auf als in Beziehungen, sie hat nichts damit zu tun, ob die Beziehung glücklich ist oder welche Probleme das Paar außerhalb des Schlafzimmers hat. Tatsächlich hat sie sogar nur bedingt etwas damit zu tun, ob der Sex gut war oder nicht: die postkoitale Tristesse kann sowohl nach schlechtem wie nach tollem Sex auftreten, der rapide Hormonabfall wird nach gutem Sex aber als sehr viel schlimmer empfunden.

Das heißt in der Konsequenz, dass eine Behandlungsmöglichkeit darin bestünde, schlechteren Sex zu haben. 🙂

Auch die Alternativen sind nicht viel besser: Anti-Depressiva wie Prozac oder Zoloft dämpfen die Depressionen nach dem Sex zwar, allerdings dämpfen sie auch die Lust während dem Sex.

Die gute Nachricht ist: sowohl bei Männern als auch Frauen hält der After-Sex-Blues nur wenige Minuten an und vergeht so rasch wieder, wie er gekommen ist, eine Behandlung ist also in den allermeisten Fällen gar nicht notwendig.

Auch Freud hatte zu dem Thema natürlich etwas zu sagen: er hielt den Sexualtrieb für die Haupt-Antriebskraft in der menschlichen Natur und zwar nicht nur aus biologischer Sicht (weil wir uns fortpflanzen wollen) sondern auch aus emotionaler Sicht, weil wir während dem Sex das Gefühl der Isolation verlieren, für wenige Minuten wirklich mit einem anderen Menschen verbunden sind. Der Moment nach dem Höhepunkt ist also der, in der wir in unsere Isolation zurückkehren?

Das hydraulische Grundprinzip „What goes up must come down“ (das beim Sex ja auch in jeder anderen Beziehung eine große Rolle spielt), gilt eben auch für die emotionalen Aspekte beim Sex…….

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