Heilige Teresa von Ávila – Ich bin ein Weib, und obendrein kein gutes

Heiligenbiografien haben mich schon als Kind fasziniert und später, aus feministischer Sicht, hatten es mir natürlich vor allem die der weiblichen Heiligen angetan. Die meisten dieser Frauen haben einiges an Leid auf sich genommen, auch und vor allem um der Ehe zu entgehen.

Als die Mutter der Heiligen Katharina ihr sagte, ihr wunderschönes Haar werde ihr bestimmt zu einigen Verehrern verhelfen, schnitt sie es sich ab. Die Heilige Olga von Kiew ließ die Abgesandten, die ihr die Ehe mit Igor, dem Fürsten von Kiew antrugen, bei lebendigem Leibe verbrennen – heiraten musste sie Igor später trotzdem. Als ein Verehrer der Heiligen Lucia ihr sagte, sie habe wunderschöne Augen, riss sie sich aus dem Kopf und überreichte sie ihm n einer Schüssel.
Tja, es gibt eben Frauen, die sind nicht für die Ehe gemacht.

Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada, später die Heilige Teresa von Ávila, war eine dieser Frauen. Ihr Vater stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die wegen der Inquisition Toledo verlassen musste und zum Christentum konvertierte. Entgegen damaliger Sitte bestand ihr Vater darauf, dass sie Lesen und Schreiben lernte. 1531, mit 16 Jahren, kam sie zur weiteren Erziehung ins Augustinerinnen-Kloster Santa María de la Gracía, musste aber nach einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen zurück nach Hause kommen. Sie ist mehrere Monate bettlägerig und liest Tag und Nacht. Es sind die Briefe von Hieronymus und (nach ihrer eigenen Aussage) „die Angst vor der Ehe und der damit verbundenen Diskriminierung der Frau“, die sie zum Eintritt in den Karmeliternorden bewegen, nicht übermäßige Frömmigkeit. Ein Leben als Ehefrau ist undenkbar für sie, ein Leben als alleinstehende Frau ist undenkbar für den Rest der Welt – und in ihren Augen auch für Gott, denn sie fürchtet, in die Hölle zu kommen, wenn sie weder heiraten noch ins Kloster eintreten, sondern ein unabhängiges Leben führen würde. Selbständigkeit als Grund für ewige Verdammnis.

Die Wahl zwischen Ehe und Kirche ist für sie eine Wahl zwischen Körper und Verstand, und sie entscheidet sich für ihren Verstand, also für die Kirche, den einzigen Ort, an dem eine Frau zu dieser Zeit Philosophin werden konnte. Das Einssein mitt, das tiefe Empfinden einer Berufung kommt für Teresa erst viele Jahre später, zunächst ist der Weg ins Kloster für eine gebildete Frau in ihren Augen das kleinere Übel.
Ein Schritt, der ihr alles andere als leicht fiel.

„Der Abschied von der Welt war mir, als trennte sich jeder einzelne Knochen extra.“

Nach nur einem Jahr im Kloster wird Theresa erneut schwer krank. 1539 lag sie sogar für mehrere Tage im Koma und verfiel in eine Art Starre, so dass man sie für tot hielt und um ein Haar (ihre Augen waren bereits mit Wachs verschlossen) bei lebendigem Leib begraben hätte.

Heute wird vermutet, dass sie an Epilepsie litt, damals war ihr Leiden vollkommen rätselhaft und sie litt ihr ganzes Leben lang immer wieder an unterschiedlich intensiven Schüben. Sie liest, schreibt und betet. Ihr engster Vertrauter ist ihr Beichtvater Petrus von Alcántara, der zahlreiche Reformen bei den Franziskanern durchgeführt hatte. Auch Teresa will das Leben der Karmelitinnen reformieren, will nach der Tradition der „Unbeschuhten“ in ein ursprünglicheres, echteres Klosterleben zurückfinden. Unter größten Anfeindungen ihrer Ordensschwestern setzt sie die Reform 1560 durch.

1962 beendet sie ihre Autobiografie „Das Buch meines Lebens“ und beginnt „Das Buch der Gründungen“. Ihre Schriften sind philosophisch, mystisch, feministisch. Sie schreibt hunderte von Seiten über die Rolle der Frau, über die Erschaffung einer Lebensform für Frauen jenseits ihrer Verbindungen zu Männern. Dabei hat sie oft das Gefühl, dass viele der jungen Nonnen das Privileg, im Kloster unabhängig leben zu können, nicht zu schätzen wissen:

“They do not recognize the great favor God has granted them in … freeing them from being subject to a man who is often the death of them and who could also be, God forbid, the death of their souls.”

Ihr neuer Beichtvater und der zweite große Einfluss in ihrem Leben ist Johannes vom Kreuz. Mit ihm zusammen gründet sie weitere Reformklöster. Insgesamt 15 Frauenklöster gehen auf ihr Wirken zurück, dazu 16 Männerklöster und eine Missionsstation.

Ihre Schriften sind Klassiker der Weltliteratur. Teresa gilt als eine der größten Mystikerinnen aller Zeiten, ihre Bedeutung wird der von Thomas von Aquin gleichgesetzt. Für Edith Stein stellte Teresas Autobiografie einen Wendepunkt in ihrem Leben dar. Als „unangefochtene Wahrheit“ bezeichnete sie die Schriften Teresas und trat selbst dem Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen bei.

Von mehr als 16.000 Briefen, die Teresa in ihrem Leben schrieb, sind 400 noch erhalten und auch diese gehören zur Weltliteratur und begründen das ihr zugemessene Prädikat Doctrix mystica. – Dennoch befürchtete sie ihr Leben lang, eines Tages als Häretikerin aus der Kirche ausgeschlossen zu werden, weil sie so selten einig war mit ihren männlichen Ordenskollegen. Sie ist nicht annähernd so bekannt wie Descartes oder Kant, Spinoza  oder Thomas von Aquin – warum nicht? Die Antwort ist einfach: weil uns das Leben und die Gedankenwelt unverheirateter Frauen nicht interessiert.

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Film über eine Single-Frau gesehen, in dem nicht eben dieser Single-Status das Problem war, das während des Films gelöst wurde? Und obwohl es immer mehr Frauen gibt, die ganz bewusst entscheiden, für immer längere Zeiträume ihres Lebens als Singles zu leben, ändert das nichts an unserer Darstellung (und damit auch unserer Wahrnehmung) dieser Frauen.

Our body has this defect that, the more it is provided care and comforts, the more needs and desires it finds.

Als Teresa am Abend des 4. Oktober 1582 stirbt, wird in ihrem Brevier ein handschriftlicher Zettel mit dem Gedicht „Nada te turbe“ (Nichts ängstige dich) gefunden, das zu den berühmtesten 9 Zeilen ihres Leben werden wird und das heute unter anderem als Taizé-Lied weltweit gesungen wird.

Als Teresa 2 Jahre nach ihrer Beisetzung exhumiert wird, soll ihr Leib noch vollkommen makellos gewesen sein – und ist es bis heute. Jetzt ruht sie in einem kostbaren Schrein in der Klosterkirche von Alba de Tormes, die nach der Selig- und der Heiligsprechung 1622 neu und größer errichtet wurde, um die vielen Pilger aufnehmen zu können. Sie ist bis heute einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte in Spanien.

In ihren Biografien wird oft die Frage gestellt, ob Teresa einsam war – eine Frage, die übrigens in keiner Kant-Biografie, die ich je gelesen habe, gestellt wurde. Ja, ich vermute das war sie, wie jeder von uns es manchmal ist, verheiratet oder nicht, Mutter oder Ordensfrau. Aber Einsamkeit und Verletzlichkeit können Werkzeuge sein, Großes zu schaffen – wenn man ihrem Druck standhalten kann.

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