Syrien und die Nazis

Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen Tausende Nationalsozialisten aus Europa – viele von ihnen in den Nahen Osten. Ägypten und Syrien heuerten gezielt NS-Männer an, um eine Armee für den Kampf gegen Israel aufzubauen.

Einer von ihnen war Alois Brunner, die rechte Hand Eichmanns, der 2001 im Alter von 89 Jahren in Damaskus verstarb und in aller Heimlichkeit (und nach muslimischem Ritus) auf dem Friedhof Al Affif in Damaskus bestattet wurde.

Brunner war SS-Kommandeur und war im Dritten Reich für die Deportation von über 120.000 Juden aus Österreich, Griechenland, Frankreich und der Slowakei verantwortlich gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh er nach Syrien, wo Männer mit seinen „Qualifikationen“ gesucht wurden: Unter dem Schutz der Regierung soll er dem syrischen Geheimdienst als Berater gedient und ihm dabei vor allem die Verhör- und Foltermethoden der Nazis weitergegeben haben.

Ein Einzelfall ist Brunner bei weitem nicht. Die Arabische Liga hatte 1947 einen Krieg gegen den in der Gründung begriffenen Staat Israel angezettelt, den sie verlor. Sie sah ein, dass ihre Armeen nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren. – Es liegt also nahe, sich Unterstützung von „Fachleuten“ zu holen, und wer weiß Ende der 40 Jahre mehr über das Töten als die Deutschen?

Géraldine Schwarz hat einen Film über Nazis im Exil im Nahen Osten gedreht, der leider nur im französischen Original existiert, doch in der „Welt“ gibt es eine übersetzte Reportage von ihr, in der sie die Fluchtwege zahlreicher Nazis nachzeichnet.

Während man uns jahrzehntelang Glauben machen wollte, Südamerika sei das einzige Ziel gewesen, in das Nazis nach Kriegsende flohen, um ihr in zahlreichen Büchern und Filmen besungenes „Viertes Reich“ zu errichten, wurde ebenso lange verschwiegen, welchen Anteil sie am Aufbau der diktatorischen Strukturen im Nahen Osten hatten. Wer in den 40er und 50er Jahren neben Brunner zwischen Kairo und Damaskus pilgerte, liest sich wie das Who-is-Who derer, die bei den Nürnberger Prozessen mit Abwesenheit glänzten:

  • Franz Stangl, ehemaliger Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka
  • Generalmajor Otto-Ernst Remer
  • Joachim Deumling, der ehemalige Gestapochef in Düsseldorf
  • Gerhard Mertins, bekanntes Mitglied der Waffen-SS
  • Walter Rauff, beim RSHA zentral verantwortlich für den Massenmorde aller Art und leidenschaftlicher Verfechter der „Gaswagen“
  • Otto Skorzeny, der Retter Mussolinis
  • Stuka-Pilot Hans-Ulrich Rudel
  • der Führer der berüchtigten SS-Strafeinheit Oskar Dirlewanger
  • Johannes von Leers, Goebbels rechte Hand

Viele der früheren Nationalsozialisten versuchten noch nicht einmal, ihren neuen Aufenthaltsort geheim zu halten, wie dieser Zeitungsauschnitt mit Foto von Gerhard Mertins und seiner Familie in einer syrischen Zeitung beweist

Warum ausgerechnet der Nahe Osten?

Die Beziehung zwischen den Nazis und den Ägyptern und Syrern war aus vier Gründen so erfolgreich:

  1. Die ägyptischen und syrischen Regime boten den Alt-Nazis Zuflucht, über z.B. Brunner wird immer wieder berichtet, dass er in Damaskus „unantastbar“ war, weil er unter dem Schutz des Regimes stand.
  2. Der Nahe Osten war die ideale Plattform für illegalen Waffenhandel, also perfekt für Schwarzmarktgeschäfte mit Waffen aus dem Dritten Reich.
  3. Das militärische „Fachwissen“ der Nazis, ebenso wie ihre Erfahrungen mit Unterdrückungsmechanismen und Folter waren gefragt.
  4. Das verbindendste Element jedoch war natürlich der gemeinsame Feind: Israel.

Im Westen sind wir darauf getrimmt, personifizierte Bösewichte zu suchen, zu finden und zu hassen, jeder James-Bond-Film hat einen, also braucht auch jeder Krieg, jedes menschenverachtende Regime einen, von Gargamel über Hitler, von Attila dem Hunnenkönig über Saddam Hussein, vom Joker über Bin Laden, von Lord Voldemort bis hin zu Assad. Aber manchmal reicht es nicht, wenn Bond einen einzigen Verbrecher lahmlegt, um damit die Ordnung in der Welt wieder herzustellen, manchmal hat das, was menschenverachtend ist an einem Regime, den Ursprung lange vor der Geburt dessen, der das Regime gerade vertritt. Was in Syrien passiert begann nicht mit Baschar al Assad und wird nicht mit ihm enden. Wer Syrien und seine Gräueltaten verstehen will, der muss die Ideologie der Baath-Partei verstehen.

Deren Gründer, Michael Aflaq und Salah al-Din Bitar, sogen im Paris der 30er Jahre faschistisches Ideengut auf und setzten es in ihrem Parteiprogramm um: Strikter Antikommunismus, dafür “nationaler Sozialismus” mit Ablehnung der westlichen Demokratie und Wirtschaftsform, Organisation der Partei in kleinen Zellen, pan-arabischer Nationalismus – und (natürlich) Antisemitismus. Der stärkste Einfluss auf den Baathismus kam bei weitem von den Nazis.

Sami al Joundi, Baathist der ersten Stunde, schrieb einmal:

“Wir bewunderten die Nazis. Wir haben Tag und Nacht Nazi-Literatur gelesen. Jeder, der damals in Damaskus lebte, konnte sehen, wie stark wir dem Nazismus zuneigten”.

Wenn wir also heute kopfschüttelnd vor unseren Fernsehern sitzen und nicht begreifen können, wie eine Partei, ein Regime, das eigene Volk so dominieren, seiner Freiheit berauben, unterdrücken, misshandeln, foltern, aushungern und töten kann, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Baath-Partei seine Brutalität von den deutschen Nazis gelernt hat, dass ein großer Anteil an den heute bestehenden Strukturen des Assad-Regimes NS-Wurzeln hat.

     

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