Libanon Tagebuch IV – Tag 02 (Löwen)

Heute sind wir gleich morgens nach Shatila gefahren, denn die Schule von Basmeh&Zeitooneh im größten Flüchtlingsghetto des Libanon (über 40.000 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer!) weiterhin zu unterstützen muss und wird eine unserer Prioritäten bleiben.

Wir haben uns dort wie immer mit meiner Freundin Saba getroffen, die die Stick-Workshops für die mittlerweile mehreren hundert syrischen Frauen dort koordiniert und sie hat uns (auch wie immer) in ihren „Magic Room“ geführt: ein kleines 7-Quadratmeter-Kämmerchen, das vom Boden bis zur Decke gefüllt ist mit fertigen Handarbeiten. Unsere leeren Koffer müssen wir immer im Flur lassen, denn es passen gerade noch Lilith und ich in das Zimmer.

Wir haben wieder viele wunderschöne Dinge für unsere nächsten Veranstaltungen gekauft und freuen uns immer besonders, dass damit doppelt geholfen werden kann: heute haben wir mit dem Kauf die Flüchtlinge in Shatila unterstützt und wenn Sie auf unseren Veranstaltungen die Handarbeiten von uns kaufen, fließt das Geld in unsere Zeltschulen.
Als Neuheit haben wir diesmal auch bestickte T-Shirts und Lilith war besonders beeindruckt, dass die Puppe, die eines der Shirts trug, Unterwäsche drunter hatte, damit sie nicht ganz entblößt ist, wenn ihr etwas ausgezogen wird…. 🙂

Wegen der großen Nachfrage sind natürlich auch wieder 50 wunderschöne ANA Dolls in unsere Koffer gewandert. In der westlichen Presse werden sie immer als „War Dolls“ bezeichnet und der Name ist mittlerweile sehr bekannt, ich persönlich finde den Titel etwas barsch und traurig. Hier im Libanon werden sie von der Erfinderin Marianne Massoudi „ANA Dolls“ genannt, „ana“ ist arabisch und bedeutet „ich“, was betonen soll, dass jede Puppe das ganz individuelle und zutiefst persönliche Schicksal eines Flüchtlings wiedergibt.

Beim Besuch im Stickzimmer bei den Frauen durften wir auch schon spionieren: es wird bald drei ganz neue ANA Dolls geben, eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und Kind, es gibt sie noch nicht zu kaufen, aber die Frauen arbeiten bereits daran – streng geheim! 🙂

An den Wänden in den Stickzimmern hängen übrigens Skizzen der Puppen mit genauen Anweisungen, wie und in welcher Farbe gestickt werden muss.

Ganz zum Schluss werden uns noch 2 Schäfchen überreicht, die die Frauen extra für Lilith und Linus (sie wussten nicht, dass er diesmal zuhause geblieben ist) gemacht haben, Prototypen, deren Design sie sich selbst überlegt haben, was eigentlich bei B&Z nicht gern gesehen ist. Lilith ist so begeistert von den beiden, dass wir die Frauen gleich beauftragen, mehr davon für uns zu machen. Für unsere nächste Reise in den Faschingsferien sind 50 davon vorbestellt und die Frauen sind unglaublich stolz.

Gleich danach ging es nach Damaskus, um Winterkleidung für die Kinder in unseren Camps (ist dort viel günstiger als in Beirut) zu kaufen und vor allem, um Ranim abzuholen. Ranim hatte letzte Woche in ihrer damaszenischen Heimat eine große Operation und gehört eigentlich ins Bett, aber sie bestand darauf, zumindest teilweise beim Bau unserer neuen Schule dabei zu sein. An der Grenze wurden wir so lange aufgehalten, dass in Beqaa leider nur noch Zeit war, den Kofferraum voller Winterkleidung bei Yehya im Giraffencamp abzuladen, ehe wir nach Beirut zurück mussten.

Bei den Giraffen allerdings erwartete uns ein kleines Wunder: wer unsere Tagebücher schon von Anfang an liest, wird sich an den libanesischen Melonenhändler erinnern, der nur 5m von unserer Giraffenschule (nur durch eine Straße getrennt) wohnt.

Er war uns gegenüber immer mehr als kritisch eingestellt, hat sich geweigert, mir Melonen für das Camp zu verkaufen und meine Einladung, seine Kinder in unsere Schule zu schicken (die Schulmaterialien für eine libanesische Schule kann er sich nicht leisten) immer empört zurückgewiesen. Wann immer er auf dem Markt ist, hat seine Frau Ranya mich zu sich eingeladen und ihre älteste Tochter Alaya und Lilith haben sich angefreundet und immer gemeinsam gespielt (immer in deren Haus, denn Alaya durfte nicht ins Camp).

Im Lauf der Monate haben wir es dann so gemacht, dass Alaya immer in Abwesenheit des Vaters heimlich die Schule besuchte, während Ranya ihren Mann immer weiter bearbeitete. Jetzt ist es offiziell: Alaya darf mit dem Segen des Vaters täglich unsere Schule besuchen!

Die Erfahrungen mit Ranim und Ranya und deren beider eisernem Willen hat mich heute wieder an einen Satz erinnert, den Diala oft zu mir sagt:

„Frauen haben eine besondere Rolle in der Revolution, es spricht nur niemand darüber.“

Revolutionen im Kleinen, nichts weniger sind es, was Ranim mit ihrer Organisation und Ranya mit ihrer Beharrlichkeit da auf die Beine gestellt haben und es ist sehr beeindruckend, ein Teil dessen sein zu dürfen.

Ob er mir nächsten Sommer Melonen verkaufen wird, frage ich Alayas Vater und er sieht mich skeptisch an: „Nächsten Sommer könnte längst der Krieg über die Grenze in den Libanon gekommen sein, oder die Mafia hat die Macht über ganz Beqaa übernommen, oder die Saudis greifen uns an, wer weiß das schon, jetzt, wo die Hisbollah machen kann was sie will.“

Auch dann werde ich hier sein und Nahrung für die Camps brauchen, erwidere ich und er lacht über meine Sturheit: „Wenn es uns nächsten Sommer noch gibt, dann bekommst du 50 Melonen umsonst von mir!“

Und ist das nicht auch schon eine kleine Revolution? Ihr seid alle meine Zeugen…. 🙂

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