Libanon Tagebuch IV – Tag 03 + 04 (Löwen)

Wir haben 2 turbulente Tage hinter uns. Immer noch ist der Rücktritt des Präsidenten Grund für viel Chaos und vor allem eine höhere Hisbollah-Präsenz. Die eine Hälfte der Libanesen ist davon überzeugt, ihr Land sei ein Pulverfass, das jede Minute hochgehen kann, die andere Hälfte glaubt, auch nach einem so drastischen Schritt wie Hariris Rücktritt würde sich im Land absolut gar nichts ändern – beide Möglichkeiten scheinen gleichermaßen erschreckend.

An einer Mauer ganz in der Nähe des Präsidentenpalastes, an dem wir täglich mehrmals vorbei kommen, hat ein libanesischer Graffiti-Artist an eine Mauer gesprüht:

„It is dangerous to be right when your government is wrong“

Besser kann man die Situation im Libanon kaum auf den Punkt bringen.

Ich freunde mich gerade schweren Herzens mit dem Gedanken an, dass wir die Löwenschule diese Woche wohl nicht fertigbekommen werden. Und obwohl ich weiß, dass es ein reines Wunder ist, dass bisher bei allen Schulbauten alles so (relativ) reibungslos lief und diese Probleme im Grunde längst „überfällig“ sind, bin ich enttäuscht. Ich hätte den Löwenkindern am Sonntag gerne eine fertige Schule übergeben, aber die Chancen schwinden mit jedem Tag.

Mehrere Dinge sind es, die uns vor allem Zeit kosten:

  1. Das Wetter! Tagsüber haben wir immer strahlenden Sonnenschein zwischen 24 und 28 Grad, aber nachts fallen die Temperaturen auf 5-7 Grad ab und es regnet jede Nacht. Morgens ist unser „Bauplatz“ ein See und was immer wir tagsüber an Sand und Steinen aufschütten ist bis zum nächsten Morgen wieder Matsch. Bisher konnten wir den Boden nicht trocken genug für ein Fundament bekommen.
  2. Der überraschende Tod von Yehyas Onkel gestern früh, der im Camp sehr angesehen war. Neben allem anderen sind wir jetzt also auch noch dabei, alles für die übliche dreitägige Trauerphase der Muslime herzurichten, bei der dann 80% aller Männer aus den Camps teilnehmen müssen und also nicht beim Schulbau mithelfen können.
  3. Die längeren Kontrollen an den vielen Checkpoints . Diesmal geben wir als Grund dafür, nach Beqaa zu wollen, immer an, dass wir Touristen sind, die einen Besuch in Baalbeck machen wollen. Das hat bisher immer gut geklappt, d.h. aber auch, dass wir gestern wirklich dorthin düsen mussten (Baalbeck ist ca. 30 Minuten von unseren Camps entfernt) und dort in einer Viertelstunde 75 Fotos geschossen haben für den Fall, dass bei der Rückfahrt unsere Kamera kontrolliert wird. (Diese Bilder, bei denen sich der Libanon einmal wieder von seiner beeindruckenden und faszinierenden Seite zeigen konnte, wollen wir Ihnen natürlich keinesfalls vorenthalten. Traurig war nur, dass wir selbst bei der bedeutendsten Sehenswürdigkeit des Landes mitten am Tag praktisch völlig allein waren….)
  4. Zwei negative Kräfte zerren schon lange an Beqaa: einerseits die Hisbollah, andererseits die libanesische Drogenmafia. Besonders letztere wurde in den letzten Monaten immer aktiver. Es gab diverse Entführungen und Lösegelderpressungen betuchter Beqaa-Bewohner und nachdem die zahlungskräftigen Opfer aufgebraucht waren begann die Mafia nun sogar damit, Flüchtlingskinder zu entführen, weil sie weiß, dass entführte Kinder, die aus Camps stammen, die von großen NGOs geführt werden, von diesen NGOs freigekauft werden. Als Europäer fallen wir in Beqaa natürlich auf wie bunte Hunde und gelten schon allein wegen unserer Herkunft als „steinreich“. Seit wir den Fuß Sonntagnacht auf libanesischen Boden gesetzt haben, werden wir daher von allen Seiten ständig belabert, ja nirgendwohin alleine zu gehen. Bei früheren Aufenthalten hier war es ganz normal, dass ich alleine mit Hamads Auto zum nächsten Ort gefahren bin, um Schrauben zu kaufen, während er sich anderweitig nützlich gemacht hat. Dass ich jetzt für alles Begleitung brauche nervt nicht nur unglaublich, es kostet uns vor allem Zeit, die wir nicht wirklich haben.

Wir haben die Entführungsproblematik auch unsere Kinder betreffend in einer Lehrerkonferenz besprochen. Unsere kleinen und mittleren Campkinder verlassen ihre Camps ohnehin nie, sind davon also Gott sei Dank nicht betroffen. Gefährdet sind allein die 40 Kinder, die eine weiterführende Schule besuchen, hierfür haben wir jetzt täglich wechselnde Begleitung von je drei Vätern als Vorsichtsmaßnahme organisiert, weil wir nicht wollen, dass die Angst bei den Eltern so zunimmt, dass sie beschließen, die Kinder von der Schule zu nehmen.

So, genug über Probleme gesprochen, reden wir über die schönen Momente:

Wir haben die Phoenix-Schule besucht und Lehrer Baschar hatte eine tolle Überraschung für mich: am Wochenende haben er und einige Helfer die Zwischenwand im Zelt eingebaut und es gibt jetzt unterschiedliche Klassen (bisher mussten ältere und jüngere Kinder gemeinsam unterrichtet werden, da auch die älteren weder zählen noch Buchstaben lesen konnten und wir hatten damit gerechnet, dass dies auch noch bis mindestens Weihnachten so bliebe). Nun haben die größeren aber so hart mit ihm gearbeitet und sind so rasch vorwärtsgekommen, dass sie jetzt bereits getrennt von den jüngeren lernen. Ein Riesenerfolg!

Im neu abgetrennten Klassenzimmer der Kleinen haben wir dann natürlich auch gleich spioniert:

Die Großen haben in der Zwischenzeit ein Diktat geschrieben und damit sie dabei nicht gar so nah beieinander sitzen, müssen einige auf dem Boden schreiben:

Dann haben die Phoenix-Kinder ihre wunderschön bemalten T-Shirts bekommen, die von den Klassen der Tumblingerschule und der Stielerschule gestaltet wurden.

 


Morgen machen wir einen letzten Versuch, unseren Bauplatz trocken zu legen, doch wenn es wieder regnet, werden wir uns (für diese Woche) wohl von der Idee „Löwenschule 2017“ verabschieden müssen. Wir sind tatsächlich einfach eine Woche zu früh da: würden wir am kommenden Montag landen, hätten wir keinen Trauerfall, einen trockenen Wetterbericht und die Lage um Hariris Rücktritt hätte sich wieder etwas beruhigt.

Wenn du im Februar wieder kommst, wird alles anders sein“, meinte Yehya heute tröstend. – Das stimmt natürlich. Wir sprechen ja vom Libanon.

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2 Kommentare

  • Anton

    Oh my god! Die Probleme klingen echt schrecklich, pass bloß auf, dass euch nichts passiert. Bauplatz trocken kriegen könnte mit irgendeiner Art von Drainage-System funktionieren. Vielleicht könnt ihr das Wasser irgendwie abfließen lassen über eine Gefälle/Rohre oder so etwas ähnliches. Ich vertrau auf deine unerschöpfliche Energie, du läßt dich nicht unterkriegen! Viel Glück ??!

  • Maria

    Ich lese gerne die interessantan Berichte, habe ein Jahr in der Bekaa gelebt . Toll was Ihr macht…Danke und alles Gute…liebe Grüße in den Libanon

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