Libanon Tagebuch IV – Tag 05 (Löwen)

Es hat in der Nacht wieder geregnet…..

Das heißt: Wir können die Löwenschule diese Woche leider definitiv nicht bauen und ich bin gerade dabei, einen (für mich) ganz außergewöhnlichen Entwicklungsschritt zu machen: ich lasse los. 5 Tage lang haben wir Tag und Nacht (und nachts festgestellt, dass 19 Taschenlampen unserer Amazon-Wunschliste NICHT 60qm Bauplatz beleuchten können) alles versucht, um den Boden vorzubereiten und heute entscheide ich, dass es genug ist.

Wir hatten heute die längste Lehrerkonferenz der Geschichte (über viereinhalb Stunden) und am Beginn unseres Treffens, bei dem auch alle Bauhelfer dabei waren, die nicht mit Yehya um seinen Onkel trauern müssen, waren sich alle einig, dass der Bau der Löwenschule bis Februar warten muss, bis ich in den Faschingsferien wiederkomme. Das wollte ich den Löwenkindern, die sich schon so gefreut haben, aber nicht antun, und machte den Vorschlag, dass die Schule ab Montag (ab da soll der nächtliche Regen laut Wetterbericht aufhören) ohne mich gebaut wird. Erst waren alle einstimmig dagegen und ich muss zugeben, dass mir selbst bei dem Vorschlag auch etwas mulmig war. Nicht etwa weil ich so großes Zeltbau-Know-How besäße (beileibe nicht) oder ähnliches, sondern weil in meiner Anwesenheit immer alles sehr friedlich abläuft, es in meinen (bisher immer nur halbstündlichen) Abwesenheiten bei früheren Schulbauten aber öfter zu Kompetenzstreitigkeiten kommt. Die Bauhelfer (oft mit völlig verschiedenem Background, Kenntnisstand, Religion…) brauchen mich nicht für technische Anweisungen, sondern sie brauchen eine neutrale Autorität, die alle anerkennen können, die im Falle von Meinungsverschiedenheiten schnell eine Entscheidung trifft.

Schritt für Schritt haben wir alle anstehenden Aufgaben nun besprochen und in kleine und kleinste Verantwortungsbereiche aufgebrochen. Alle 18 Anwesenden sind nun für jeweils einen Teil beim Bau der Schule alleine verantwortlich, vom Transport der Zeltteile aus unserem Lager bis hin zum Aufhängen von Dialas Wandgemälde und dem Verteilen der Rucksäcke am Schluss. Alle möglichen Fragen und Schwierigkeiten haben wir versucht vorab abzuklären und mit jeder Stunde wurden die Bauhelfer zuversichtlicher, dass sie es schaffen werden und können es nun kaum erwarten, das auch unter Beweis stellen zu dürfen. – Loslassen kann offenbar manchmal etwas sehr positives sein, vielleicht hätte ich das schon früher versuchen sollen?

Apropos positives: von der Last, die Schule diese Woche noch fertig bauen zu müssen befreit, hatte ich nun endlich mehr Zeit etwas zu tun, das mir persönlich sehr wichtig ist: ich wollte Interviews mit 24 Kindern führen und sie im Advent in einem Online-Zeltschule-Adventskalender auf jill-24-7.de täglich vorstellen. „Die Flüchtlinge“ gibt es nämlich nicht, sondern tausende Gesichter, Geschichten, Ängste, Nöte, alle schrecklich, aber zutiefst individuell.

Wir haben heute in der Phoenix-Schule damit angefangen und kamen gerade zur Morgengymnastik an – zu der die meisten Schüler wieder voller Stolz ihre neuen T-Shirts von gestern trugen! 🙂

Beeindruckender fand ich jedoch das Schuhritual nach dem Sport: keines der Zelte darf mit Schuhen betreten werden, so natürlich auch nicht unsere Schulzelte. Das liegt vor allem daran, dass eine Grundsauberkeit ohne Staubsauger oder genügend Wasser, Böden nass zu wischen, ohnehin schwer genug aufrecht zu erhalten ist.

Gott sei Dank liegt keines unserer Camps in so einer „Kuhle“ wie die Löwen, Wasser läuft gewöhnlich also halbwegs gut ab, trotzdem sind die Wintermonate matschig und die Sommermonate staubig. Deswegen nützt Schuhe ausziehen nichts, wenn man dann mit den Socken in den Schmutz tritt – etwas, was unsere Kinder sehr genau lernen:

Die Kinder für die Interviews in ihren Zelten zu besuchen heißt natürlich auch, viel mit den Familien zu sprechen, mir generelle Sorgen aber auch konkrete Probleme anzuhören, Zeit, die die Familien vollkommen zu Recht einfordern und die ich mir für sie gerne nehme. Nicht so gerne trinke ich in jedem Zelt den „Schnapsglas-Kaffee“, wie Lilith ihn nennt, ein sehr starker Mokka, der mir als Kaffeehasser zuwider ist. Es ist aber keine Seltenheit, dass ich an einem Tag wie heute, wenn ich von Zelt zu Zelt unterwegs bin, 25 solcher „Espressi“ trinken muss, weil es für die Menschen hier die einzige Form der Gastfreundschaft ist, die sie noch leisten können und ich sie vor den Kopf stoßen würde, wenn ich das ablehnte. Meine Vereinsmitglieder werden Ihnen bestätigen können, dass ich schon ohne Kaffee wie dieses Duracell-Häschen bin, das nicht aufhören kann zu trommeln, Sie wollen also nicht wissen, wie ich nach 25 Mokkas bin! 🙂

Danach ging es weiter in die Fuchs-Schule, die mittlerweile aus allen Nähten platzt, weil auch einige Kinder aus dem Nachbarcamp, in dem es keine Schule gibt, hierher kommen. Auch die Füchse haben natürlich T-Shirts bekommen und sich riesig gefreut!

 

Auch hier folgen lange Gespräche mit den Familien. Normalerweise werden hier immer ganz konkrete Bitten an mich gerichtet, es fehlt ein Medikament, jemand braucht einen Arzt, Familienmitglieder müssen aus Syrien nachgeholt werden, jemand ist schwanger und hat keinerlei Babyausstattung….. Heute wird alles verdrängt von politischen Fragen. Viele der Familien haben Angst, der Libanon könnte im Streit zwischen Saudi Arabien und dem Iran ein zweites Jemen werden; selbst das winzige Quäntchen „Sicherheit“, das man sich hier erobert zu haben glaubt, scheint nun schon wieder gefährdet, die Zukunft (für viele hier ein bedrohliches Wort) noch ein wenig unberechenbarer als sie es ohnehin schon war.

Ich versuche zu beruhigen, sage ihnen, es gibt viele Unterschiede zwischen dem Jemen und dem Libanon, niemand kann wollen, dass der Krieg auch noch auf den Libanon übergreift, auch nicht die nahöstlichen Großmächte, es würde die gesamte Region schwächen, alles wird sich beruhigen…. Inschallah! – Aber die Wahrheit ist, dass niemand weiß, was passieren wird und wir nur hoffen können, dass sich die Lage wieder entspannt.
Ob ich denn nicht einmal bei ihnen übernachten könnte, haben mich einige der Fuchskinder gefragt, als ich wieder ins Auto einstieg, und als ich erwiderte, ich müsste leider wieder zurück nach Beirut, meinte eines der Mädchen enttäuscht: „Schade, dass du jeden Abend in dein Camp in Beirut zurück musst!“ – Leben außerhalb eines Camps ist für viele Kinder hier schon gar nicht mehr vorstellbar. Erschreckend.

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