Libanon-Tagebuch IV – Tag 06 (Löwen)

Heute war ein ereignisreicher Tag. Er begann mit den Nachrichten, dass es in der Nacht zwei Entführungen gegeben hatte und die Neuigkeiten darüber überschlugen sich. Das Chaos wurde noch dadurch verstärkt, dass die Beiruter Stadtverwaltung wahnsinnigerweise darauf besteht, trotz der instabilen Situation im Land morgen einen lange geplanten Marathon durchzuführen, bei dem bereits angekündigt wurde, dass er für Demonstrationen, die eine Rückkehr Hariris fordern (der Slogan ist „Run for Saad“), genutzt werden wird. In der ganzen Stadt haben sich bereits jetzt Polizeikontrollen positioniert und es wurden zahlreiche Straßensperren aufgestellt, um die Proteste zu verhindern.

Heute hat uns Ranims ältester Sohn Sammy nach Beqaa begleitet. Er ist Dozent an der AUB (American University of Beirut) und wir haben uns lange nicht gesehen, deswegen haben wir uns sehr gefreut, auf der Autofahrt mal wieder Zeit für ausführliche Gespräche zu haben. Natürlich war auch hier die politische Situation das Hauptthema. Ich frage ihn, was er und seine Studenten für eine Zukunft für den Libanon sehen und er schüttelt resigniert den Kopf und antwortet auf Englisch, so dass Hamad, unser Fahrer, es nicht versteht: „This country will burn!“

Als erstes fahren wir zur Tigerschule und natürlich werden auch dort T-Shirts verteilt.

Die kleinen Bewohner des Camps sind furchtbar traurig, es ist ja schon schlimm genug, dass sie nicht zur Schule gehen dürfen wie die größeren Geschwister, aber nun bekommen sie auch keine T-Shirts, weil die nur für die Schüler sind! Frechheit! Einige, wie der kleine Adil zum Beispiel, brauchen ausgiebigen persönlichen Trost.

Ich bringe aus Damaskus sonst immer viele Süßigkeiten mit, die ich den Schülern unserer deutschen Partnerschulen als kleinen Gruß aus der Ferne mitbringe, doch wir haben auf dem Rückflug alle Koffer voll mit Artikeln aus Shatila und Damaskus (für unsere kommenden Spendenveranstaltungen), deswegen haben wir die Süßigkeiten diesmal einfach an die Kinder in den Camps verteilt.
 
Dann geht es weiter zu den Pinguinen und dort treffen wir auf ein sehr deutsches Phänomen: Helikopter-Mütter! Die Kinder sind sehr geduldig beim T-Shirt-Verteilen, aber währenddessen muss Sammy draußen am Eingang mit Gewalt die Mütter am Betreten der Schule hindern, weil sie auch T-Shirts für Geschwisterkinder wollen, die zu klein oder zu groß für die Schule sind. Wir erklären ihnen wieder und wieder, dass wir nur bestimmte Größen an Shirts für Schulkinder (von 5-14 Jahren haben), dennoch wollen die Mütter für ihre Babys mit Größe 86 unbedingt ein T-Shirt in Größe 128! Es ist für mich wieder einmal erschreckend und beeindruckend, dass die Menschen hier so arm sind, dass sie sich fast mit Sammy vor der Schule um ein Kindershirt prügeln würden, ich aber dennoch ständig (zu Hamads Entsetzen) meine Tasche mit Geldbeutel, Handy und Kamera in irgendeinem Zelt stehenlasse und zum nächsten gehe und mir keinerlei Sorgen um meine Sachen machen muss. Die Menschen hier würden uns nie bestehlen.

Den Pinguinen geben wir außerdem auch ein ganz besonderes Wandgemälde: in der Sebastian-Wann-Realschule in Wunsiedel sind 100 Achtklässler einen Tag lang arbeiten gegangen in lokalen Unternehmen (Bäckereien, Metzgereien, Supermärkten, Reisebüros…), ganz konkret mit dem Plan, Geld zu verdienen, damit die Kinder in Beqaa NICHT arbeiten, nicht auf die Felder geschickt werden müssen.

Viele der größeren Kinder im Pinguincamp waren mehrere Jahre auf den Feldern, ehe wir die Schule gebaut und die Lebensmittelversorgung übernommen haben, und sie sind besonders gerührt, als ich ihnen von der besonderen Bedeutung dieses Wandgemäldes erzähle, auf dem sich jedes der 100 Wunsiedler Kinder mit einem farbigen Balken verewigt hat, in den es auf Englisch einen persönlichen Wunsch für die Pinguinkinder geschrieben hat.

In beiden Schulen führe ich Interviews mit den Kindern bis es längst dunkel geworden ist, jedes Kind will mir unbedingt seine Geschichte erzählen und ich muss viele schweren Herzens auf nächstes Mal vertrösten.

Wie immer wenn ich wegfahre, fragen mich die Kinder, wann ich wiederkomme. Morgen, erwidere ich, morgen besuche ich noch einmal alle Camps, dann werden Lilith und ich in der Nacht nach München zurückfliegen und im Februar wieder hierherkommen. Was ist, wenn bis dahin Krieg ist, fragen mich die Kinder. Müssen sie dann wieder fliehen? Wohin? Wie werde ich sie finden? Es ist eine furchtbare Situation, viele Kinder weinen und sind untröstlich, klammern sich an mir fest, aber alle beruhigen sich, als Sammy die Idee hat, allen meine Handynummer zu geben. Jede Familie hat ein Handy, das ist ihr wertvollster Schatz und ihre einzige Möglichkeit, Kontakt zu den Verwandten zu halten, die noch in Syrien oder mittlerweile auf der Flucht in alle Winde zerstreut sind. Durch das Gefühl, so jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen zu können, beruhigen sich die Kinder und auf dem Heimweg nach Beirut habe ich 250 WhatsApp-Nachrichten von neuen Kontakten erhalten. 🙂

Wenn heute das Handynetz zusammenbricht, ist es zur Abwechslung mal deine Schuld“, scherzt Sammy.

Kurz vor Beirut haben wir dann noch fast einen Unfall. Immer wenn mich zuhause in Deutschland jemand fragt, wie ich in ein so instabiles Land wie den Libanon reisen kann, erwidere ich immer, dass das gefährlichste im Libanon der Verkehr sei. Seit ein paar Tagen ist das (leider) nicht mehr wahr, dennoch kamen wir heute in eine skurrile Situation. Auf einer zweispurigen Straße wurde (wie immer) vierspurig gefahren und wir wurden zwischen zwei total verrosteten Kleinlastern eingeklemmt, von denen einer eine Kuh auf der(offenen!) Ladefläche hatte und der andere einen Porsche, der nur mit sehr fragil aussehenden Seilen und einer Menge Klebeband fixiert war. Hamad fluchte und machte eine Vollbremsung, Sammy und ich sahen uns an, lachten und dachten beide in dem Moment genau dasselbe: „Das ist der Libanon!“

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