Libanon-Tagebuch IV – Tag 07 (Löwen)

Hätte man mich gestern gefragt, welcher Tag der emotionalste bei all den Libanonreisen war, hätte ich ohne zu zögern geantwortet, das war der Tag der Eröffnung der Giraffenschule, unserer ersten Zeltschule.

Seit heute hat sich das geändert.

Der Tag begann (wie immer) mit einer Fahrt nach Beqaa, noch früher als sonst, um dem Marathonchaos von Beirut zu entkommen und um allen Schulen einen Abschiedsbesuch abzustatten und dabei die Winterkleidung als Abschiedsgeschenk zu verteilen. Da ich meinen Schlüssel für unseren Lagerraum in Beirut im Hotel vergessen habe, muss ich schweren Herzens Yehya bei „l’Asa“ stören, der Trauerfeier für seinen Onkel. Getrauert wird bei den Sunniten geschlechtlich streng getrennt: die Männer sind in einem Zelt, die Frauen in einem anderen. Die Familienmitglieder trauern die ganzen drei Tage, die Besucher kommen und gehen. Auf so einen kommenden Besucher warte ich, um ihn zu bitten, mir Yehya kurz herauszuschicken und mir seinen Lagerschlüssel zu geben, als etwas Unglaubliches passiert: Abu Firas, der Campälteste sieht mich draußen warten und kommt zu mir heraus. Ich entschuldige mich für die Störung des l’Asa und bitte ihn, mir kurz Yehya zu schicken. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Ich schicke nicht Yehya hinaus, ich nehme dich mit hinein.“ Erst glaube ich mich verhört zu haben, aber er nimmt mich tatsächlich bei der Hand und nimmt mich mit ins Männerzelt. Niemand der etwa 60 Männer wirft mir auch nur einen skeptischen Blick zu. Yehya lächelt stolz und ich weiß nicht, ob er auf mich stolz ist oder auf Abu Firas. Vielleicht auf uns beide. Eine Viertelstunde lang beten und trauern wir gemeinsam und für mich fühlt es sich an, als würden sich in diesen 15 Minuten Berge verschieben. Als ich später (mit Schlüssel) zu den Frauen hinüber gehe, nimmt mich Em Habu (Yehyas Frau) mit glänzenden Augen in die Arme und bedankt sich. Wofür, frage ich sie? Und da sagt sie einen (für mich) riesengroßen Satz, der mich über vieles, was in der letzten Woche passiert ist (oder wegen des schlechten Wetters nicht passieren konnte) hinwegtröstet:

„Dass du immer bei den Männern sitzt, nicht nur heute, sondern immer, dass du mit ihnen Entscheidungen triffst und sie auf dich hören, wird unseren Töchtern alles so viel leichter machen!“

Was folgt ist ein langer, emotionaler Tag mit vielen Abschieden, aber auch mit viel Freude über die neuen Wintersachen und vor allem mit vielen weiteren Interviews für unseren Adventskalender. Und dass Sie sich den schon ein wenig vorstellen können, möchte ich Ihnen die Geschichte eines Kindes heute schon erzählen:

Das ist Bahira aus der Fuchsschule. Sie ist 7 Jahre alt. Die neuen Wintersachen, die sie eben bekommen hat, hält sie auch während des Gesprächs mit mir fest umklammert und will sie nicht loslassen, so wertvoll sind die neue Jacke und die neuen Schuhe für sie. Bahira hat etwas Schreckliches erlebt: vom Küchenfenster ihrer Wohnung aus hat sie gesehen, wie bei Luftangriffen der russischen Armee der Spielplatz zerstört wurde, auf dem sie und ihre Schwestern oft gespielt haben. Niemand von ihrer Familie war dort, aber später haben sie erfahren, dass eine Freundin von Bahira dort gestorben ist, sie war erst vier Jahre alt. Wenige Tage später sind sie in den Libanon geflohen. „Damit du keine Angst mehr haben musst“, haben ihre Eltern zu ihr gesagt, aber Angst hat sie immer noch. Und „gruselige Träume“. Ob sie einmal nach Syrien zurückkehren will nach dem Krieg, frage ich sie, und Bahira schüttelt den Kopf. Will sie im Libanon bleiben? Bahira schüttelt ebenso vehement den Kopf. Wo möchte sie denn leben, frage ich sie? „Wo es sicher ist!“ sagt sie und sieht mich fragend an, als könnte ich ihr einen sicheren Ort nennen. Und was möchte sie einmal werden? Bahira zuckt die Schultern, als wäre Zukunft ein zu vages Konzept.

Die 10 Kinder der Fuchsschule, die ich interviewe, sitzen allein mit mir in einem leeren Klassenzimmer und hören einander gebannt zu. Als ein Kind aufsteht, damit ich es fotografieren kann, kippt eine Bank um und knallt auf den Boden. Das Geräusch klingt wie ein Schuss und alle zehn Kinder schreien entsetzt auf. Wie lange wird es dauern, bis die Schrecken des Krieges verblassen?

Als wir am Abend zurück nach Beirut müssen, um unseren Flug zu erwischen und ins Auto steigen, zupft Bahira mich am Ärmel. Es sei ihr jetzt eingefallen, was sie werden will, erklärt sie mir stolz: Baschar! Ich sehe sie fragend an und sie erklärt mir: sie will den Beruf, bei dem sie bestimmen kann, dass der Krieg aus ist, also will sie der neue Baschar werden! – Ich bestätige ihr, dass das eine tolle Berufswahl ist!

Auf der Rückfahrt rufe ich Diala an um ihr zu berichten, dass sie (wie immer) recht hatte mit dem, was sie über die besondere Rolle der Frauen in der Revolution sagte und ich erzähle ihr von Bahiras Plänen und Em Habus Hoffnungen für die Camptöchter und meinem Gebet mit den Männern und unseren winzig-kleinen aber stetigen Frauenrevolutionen in den Camps.

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