DIY-(Welten)MACHERIN: Tess Holliday

Es passiert nicht gerade jeden Tag, dass ich etwas Positives über Instagram sage. Genau genommen ist das noch nie vorgekommen. Und das aus gutem Grund: In einer erst vor kurzem erstellten Studie ging Instagram sogar eindeutig als das „soziale“ (von wegen) Medium hervor, das am schädlichsten für die mentale Gesundheit seiner Nutzer ist, das ihr Risiko auf Depressionen, Selbstzweifel und Angstzustände erhöhen wird. – Von der unglaublichen Zeitverschwendung mal ganz abgesehen.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Tess Holliday es geschafft hat, Instagram etwas Positives abzuringen indem sie eine Online-Bewegung gründete, die sie BoPo nennt, „body positive“, und die Millionen Follower hat.

„Instagram allows us to cultivate our own experiences. Prior to Instagram, you just saw whatever online. Now you can follow people that are into body positivity, feminism, radical body love, artists. People that inspire me.“

Tess kam 1985 in Laurel/Mississippi als Ryann Maegen Hoven zur Welt und hat weit mehr Recht als viele andere, ihre Vergangenheit als „schwere Kindheit“ zu bezeichnen. Als Tess zehn war, wurde ihre Mutter von ihrem damaligen Freund angeschossen und blieb ihr Leben lang behindert. Tess und ihr Bruder wurden von den Großeltern großgezogen und Tess wurde seit ihrem zehnten Lebensjahr nur gemobbt: wegen ihres Gewichts, wegen ihrer behinderten Mutter, wegen ihrer Großeltern und weil sie in einer Wohnwagensiedlung lebten.

Mit sich und ihrem Körper ins Reine kommt Tess erst Jahre später, ausgerechnet in Los Angeles, als sie von einem Model Scout angesprochen wird. Sie ist 1,65m groß, wiegt ca. 140 kg und trägt Kleidergröße 56. Ihren Körper zieren zahlreiche Tattoos, vor allem von berühmten Sex-Ikonen wie Mae West, Marilyn Monroe, Dolly Parton… – eine Dokumentation ihres eigenen langen Kampfes um Sexyness.

Auch als erfolgreiches Plus-Size-Model und Instagram-Star ist sie vor Diskriminierungen nicht sicher, muss das eigene Aussehen ständig rechtfertigen. Auf einem Flug nach New York rät ihr ein völlig fremder Mann, raffinierten Zucker komplett aus ihrem Ernährungsplan zu streichen. Ein Uber-Chauffeur in L.A. fragt sie nach ihrem Cholesterinspiegel. Das Video dieser Unterhaltung postet sie auf ihrem Instagram-Account, es wurde fast 400.000 mal angesehen und hat über 4000 Kommentare.

“I wanted to let my followers know what I deal with in my life, and that if this is happening to you, it’s not O.K. “This is not acceptable behavior. I just hope it opens people’s eyes a bit.” 

Instagram ist nicht ihr einziges Schlachtfeld. 2013 startete sie ihr #effyourbodystandards-Movement und verkauft T-Shirts mit dem Aufdruck, deren Erlös an Opfer häuslicher Gewalt geht. Sie will Frauen dazu bringen, sich nicht dem Diktat fremder Schönheitsideale zu unterwerfen, sich nicht einreden zu lassen, bestimmte Größen „dürften“ keine Miniröcke oder Tank Tops mehr tragen.

Plus-Size-Mode wird oft mit Begriffen wie „kaschierend“, „streckend“ oder gar „schlank machend“ verkauft, eine Terminologie des Versteckens, gegen die Tess auf die Barrikaden geht.

Sie tritt im April 2015 in der Dokumentation „Plus Size Wars“ auf und gibt zahlreiche Interviews zu dem Thema. Sie äußert sich wiederholt öffentlich kritisch über Victoria’s Secret und andere Mode-Label und deren Weigerung, Plus-Size-Mode in ihre Kollektionen zu integrieren.

Im August 2015 initiiert sie einen Facebook-, Instagram- und Tumblr-Boykott gegen „Project Harpoon“, um dagegen zu protestieren, dass Bilder von ihr ohne ihr Einverständnis bearbeitet wurden, um sie schlanker aussehen zu lassen.

Und sie ist in ihrem Kampf durchaus nicht allein. Im Februar 2017 ist Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham zusammen mit den Cos-Stars ihrer Serie „Girls“ auf dem Titelblatt des Glamour Magazins – ohne Photoshop und mit CelluliteEin Schritt, der ihr nicht leicht fiel:

“My body isn’t fair game. Throughout my teens I was told, in no uncertain terms, that I was fucking funny looking. Potbelly, rabbit teeth, knock knees — I could never seem to get it right and it haunted my every move. I posed as the sassy confident one, secretly horrified and hurt by careless comments and hostility. Let’s get something straight: I didn’t hate what I looked like — I hated the culture that was telling me to hate it.“

Auf ihrem Instagram-Account bedankt sie sich bei Vorreiterinnen wie Tess Holliday, die Frauen zu einem gesünderen Selbstbewusstsein inspirieren.

In BoPo geht es nämlich um weit mehr als Übergewicht. Vielmehr geht es darum, Menschen (längst nicht mehr nur Frauen) die Kraft zu geben, ihren Körper so zu akzeptieren wie er ist, über die Grenzen dessen hinaus, was gesellschaftlich als attraktiv angesehen wird. Von Akne, Schwangerschaftsstreifen, Cellulite, Falten, Körperbehaarung bis hin zu Frauen mit amputierten Brüsten und Behinderungen.

Jessamyn Stanley, Yogi und Autorin des Buches „Every Body Yoga“ wurde auch von Tess inspiriert und nutzt ebenfalls Instagram, um gegen Body-Shaming vorzugehen und Frauen in allen Gewichtsklassen dazu zu bewegen, an ihrer Fitness zu arbeiten.

Besonders gut gefiel mir hierbei ihre Beobachtung, dass es fast an ein „politisches Statement“ grenzt, wenn Frauen ab einer bestimmten Kleidergröße Shorts tragen. Traurig aber wahr. Und auch wenn wir den Kopf darüber schütteln, in was für einer Gesellschaft wir leben, wie können diese oberflächlichen Dinge so wichtig sein, wie kann etwas so nebensächliches wie die Wahl eines Kleidungsstücks einen Unterschied machen…. Ist es wichtig, dass einige von uns, viele von uns, immer wieder diese winzigen politischen Statements machen.

Die meisten Frauen, die ich kenne, regen sich über die gängigen Schönheitsideale auf, kritisieren immer wieder, wie unrealistisch sie sind, 90% aller Frauen sind nicht über 1,80 und wiegen nicht unter 50kg. Wir wissen, dass die Haut der Models nicht so glatt ist, wie uns Magazincover glauben machen wollen, dass die überirdischen Schönheiten auf roten Teppichen 2 Stunden in der Maske waren. Wir wissen auch, dass jährlich tausende Frauen das Streben nach Schönheit mit dem Tod bezahlen. Wir machen uns lustig über Frauen, die sich ein Dutzend Schönheitsoperationen unterziehen, immer unfassbarere Dinge auf sich nehmen um (in wessen Augen eigentlich?) „schön“ zu sein.

Was uns nicht klar ist, ist dass wir alle eben dieses Schönheitsideal jeden Tag unterstützen, verfestigen, mitprägen:

Jedes Mal, wenn Sie zu ihrer Tochter sagen, sie wollen keine kurzen Hosen tragen weil Ihnen Ihre Beine nicht gefallen, tragen Sie dazu bei. Jedes Mal wenn Sie im Schwimmbad eine dicke Frau sehen und ihrer Freundin zuraunen „Also mit der Figur würde ich keinen Bikini mehr tragen“ unterstützen Sie es. Wenn Sie sich ein T-Shirt, das Sie schön finden, nicht kaufen, weil es Ihren Bauch betonen würde, unterstützen Sie es. Wann immer Sie sagen „Ohne Wimperntusche kann ich nicht aus dem Haus“ unterstützen Sie es. Wann immer Sie ihren Mann fragen „habe ich in der Hose einen dicken Hintern?“ unterstützen Sie es. Wenn Sie sich bei 35 Grad nicht trauen, Ihre „kaschierende“ Bluse auszuziehen, unterstützen Sie es. Wann immer Sie Ballerinas tragen, von denen Sie Blasen kriegen, weil Ihnen Ihre Zehen in Sandalen nicht gefallen, unterstützen Sie es.

Unsere Töchter wachsen in einer Welt auf, in der wir definieren, was schön ist – und wir definieren es falsch, weil wir feige sind.

Also bitte ein kollektives DANKESCHÖN an (Welten-)Macherinnen wie Tess Holliday, schön, sexy, mutig, frei.

“I would have given anything to have been 12 in Mississippi and seen someone like me. My whole world would have changed.“

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Ein Kommentar

  • Charlotte

    Interessant, in dem Beitrag über „Burka“, Juli 2015, sind die Ausführungen zu westlich geprägter Kleidung, Auftreten in der Öffentlichkeit mit „nackter Haut“ intolerant, ein Bashing geradezu. Welch ein Wandel! Ich gratulieren zu dieser positiven Veränderung.
    Es gibt übrigens tatsächlich Frauen, die trotz einer Kleidergröße 38 und über 1,80 m sich niemals über das Äußere anderer Gedanken machen oder gar darüber reden würden. Falls Bedarf nach einer Horizonterweiterung besteht.

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