Boys & Girls – Teil 2: Jungs sind zu schwach…..

Die Väter in Kinderbüchern sind immer äußerst kompetent, ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Sie müssen nie ihre Frauen fragen, in welcher Schublade die Pflaster sind oder um wie viel Uhr genau der Kindergarten schließt. Die Väter in Kinderbüchern bauen ständig Baumhäuser, fangen Fische, machen Radtouren, gehen wichtigen Jobs nach, die ihnen aber trotzdem genug Zeit lassen, Abenteuer mit ihren Kindern (meistens den Söhnen) zu erleben und – natürlich – immer mit Bravour zu überstehen.

Mein Sohn ist sechs und vor ein paar Wochen haben wir gemeinsam „Das Labyrinth der Finsternis“ von Fabian Lenk gelesen, das er sich in der Bücherei selbst ausgesucht hat. In dem Buch fliegt ein Vater (ein berühmter Höhlenforscher) mit seinen beiden Söhnen nach Vietnam, um dort eine Höhle, die noch nie zuvor betreten wurde, zu erforschen. Sie geraten in allerlei lebensgefährliche Situationen, die ihr Vater aber heldenhaft meistert. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Mutter in diesem Buch auch nur erwähnt wurde.

Natürlich gibt es massenweise Kinderbücher, in denen die Mutter eine zentrale Rolle spielt: meist als Begleitung beim Kinderarzt, Trost gebend nach aufgeschlagenen Knien, oder lehrend, wenn die Kinder lernen die Uhr zu lesen. Bewaffnete Höhlenräuber überwältigt man aber wohl traditionell eher mit dem Vater……

Was in den „Väterbüchern“ ebenfalls auffallend durch Abwesenheit glänzt sind Emotionen. Väter repräsentieren in ihnen stoische Stärke und physische Überlegenheit, aber keinerlei psychische Reife. Während der erlebten Abenteuer gibt es keinen Raum für Empfindungen zwischen Vater und Sohn, Gefühle werden, wenn überhaupt, nur in symbolischen Gesten, nie in Worten vermittelt.

In einer aktuellen Studie der Emory University wurde nachgewiesen, dass Väter ihre Töchter viel öfter anlächeln, sie trösten oder ihnen vorsingen. Ihren Söhnen treten sie sehr viel zielorientierter aber distanzierter entgegen, benutzen Vokabular wie „gewinnen“, „tapfer“, „stolz“.

Eine andere Studie beschäftigte sich mit dem Verhalten von Eltern in Notaufnahmen, die ihre verletzten Kinder zu ihren Behandlungen begleiten. Die Studie belegt, dass beide Elternteile 4x häufiger Mädchen besorgt ermahnen, bei der Aktivität, die zu der Verletzung geführt hat, zukünftig vorsichtiger zu sein, die Verletzungen der Jungen werden viel gelassener – man könnte fast sagen: gleichgültiger – hingenommen.

Seit 40 Jahren sprechen wir darüber, dass Geschlechter-Stereotypen Mädchen und Frauen schaden – und das stimmt. Aber sie schaden den Jungs genauso, nur auf andere Art.
In dem kongenialen Buch „Manhood Acts“ von Michael Schwalbe, das ich übrigens nur allen empfehlen kann, die nicht in einem Frauenkloster leben, ist schon der Klappentext eine Offenbarung:

Schwalbe argues that the study of masculinity has lost touch with its feminist roots and has been seduced by the politically safe notion of ‚multiple masculinities‘. Manhood Acts delineates the practices males use to construct ‚women‘ and ‚men‘ as unequal categories. Schwalbe reclaims the radical feminist insights that gender is a field of domination, not a field of play, and that manhood is fundamentally about exerting or resisting control. Manhood Acts arrives at the conclusion that abolishing gender as a system of oppression will require more than transgressive self-presentation. It will be necessary to end the exploitive economic relationships that necessitate manhood itself.

Wir reden uns ein, unsere Söhne für den Kampf zu stärken (den wörtlichen und den figurativen) in einer aggressiven Welt, in der von ihnen mehr als von Frauen erwartet wird, dass sie sie kontrollieren. Wir glauben, je eher wir sie abhärten für diese Realität, desto besser werden sie sie meistern. Doch die Harvard-Psychologin Susan David ist da ganz anderer Ansicht:

“Research shows that people who suppress emotions have lower-level resilience and emotional health.”

Indem wir unsere Söhne also intellektuell bestärken, sie emotional aber immer wieder begrenzen (bei unseren Töchtern machen wir es genau andersrum), machen wir sie zu unglücklicheren Männern. Weil wir uns an überholte Stereotype klammern; Jungs suggerieren, sie hätten keine „weiblichen“ Eigenschaften, wären nicht fürsorglich, emotional, kommunikativ… – werden sie es auch nicht – und haben dabei gleichzeitig immer das Gefühl, in ihren „männlichen“ Eigenschaften zu kurz zu kommen: sind sie stark genug, dominant genug, aggressiv genug, erfolgreich genug…..?

Also was ist die Lösung? – Die Abschaffung des Patriarchats, natürlich! Wobei mir einfällt, dass meine Tochter gerade liebend gern ein T-Shirt trägt, auf dem steht „Smashing The Patriarchy Is My Cardio“ 🙂

Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit „Hm, aber das Patriarchat zu stürzen werde ich dieses Wochenende wohl nicht mehr schaffen, wir haben für Samstag Theaterkarten…..“
Fangen Sie klein an, schaffen Sie erst einmal das Patriarchat bei sich zuhause ab. Goodbye Macho-Sprüche oder homophobe Witze. Kein „Da müssen wir erst den Papa fragen“ oder „Große Jungs weinen doch nicht“. Bringen Sie Ihren Sohn zum Reden, fragen Sie ihn, wie er sich fühlt, sagen Sie ihm nicht ständig, wie schlau oder stark er ist, sondern wie hilfsbereit und liebevoll, reden Sie mit seinem Herzen, nicht mit seinem Ego.
Achja, und hin und wieder nach Vietnam zu fliegen, damit Ihr Sohn gefährliche Höhlenabenteuer mit seiner Mutter erleben kann, könnte auch nicht schaden…

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