Jemen – Die vergessene Katastrophe

Seit über 1000 Tagen befindet sich der Jemen im Ausnahmezustand.
Schon seit der Eskalation des Konfliktes im März 2015 leiden immer mehr Jemeniten unter der Gewalt im Land und fliehen vor Bomben und Gefechten. Die anhaltenden Kriegshandlungen haben die Versorgung mit Nahrung und Wasser nahezu vollständig zusammenbrechen lassen. In vielen Landesteilen hungern die Menschen – sie sind extrem krankheitsanfällig und vor allem die Kinder sind akut gefährdet zu verhungern.
Eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit findet in den Medien vergleichsweise wenig Beachtung. Für uns Grund genug, ein weiteres Interview mit Jemen-Expertin Prof. Dr. Barbara Wally zu führen, um die aktuelle Lage im Jemen zu besprechen:

„Jemen ist momentan einer der schlimmsten Orte auf der Welt, um ein Kind zu sein“, sagte Geert Cappelaere, UNICEF-Regionaldirektor im Jemen, kürzlich. Wir lesen von Gewalt, Hungersnöten, Cholera-Epidemien… – Zunächst einmal: wie geht es Ihrem Mann und seinen Kindern und wie ist die derzeitige Situation in Sana’a generell?

Eines von drei Millionen jemenitischen Kindern, die im Krieg geboren sind. Wird es lebenslang an den Folgen von Unterernährung, Epidemien, mangelnder Versorgung, Vertreibung und Traumatisierung leiden oder wird es in der Lage sein, am Wiederaufbau des am Boden zerstörten Landes mitzuwirken? (Foto AFP)

Jemen ist eines der kinderreichsten Länder der Welt – auch deshalb sind Kinder besonders von den nun bald drei Jahre andauernden Kriegshandlungen betroffen. Es ist ein Krieg, der die Zivilbevölkerung nicht schont, im Gegenteil: Weil der Krieg militärisch nicht gewonnen werden kann, wird die Zivilbevölkerung in Geiselhaft genommen. Die Jemeniten, einschließlich ihrer vielen Kinder, sind in den meisten Gegenden des Landes Nahrungs- und Wasserentzug, Vertreibung, Epidemien wie Cholera und Diphterie, fehlender medizinischer Betreuung, Landminen und Bombardierung ausgesetzt.
Mein Mann hat diese Zeit bei der Familie in Aden verbracht, wo es abgesehen von drei infernalischen Kriegsmonaten von März bis Juli 2015 zweieinhalb Jahre lang keine kriegerischen Handlungen gab. Erst vor einigen Tagen brachen erneut Straßenkämpfe zwischen dem Heer und der Separatistenmiliz aus. Aden leidet wie der Rest des Landes unter galoppierender Inflation, Währungsverfall und um bis zu 400 % gestiegenen Preisen für Grundnahrungsmittel. Zwar gibt es ausreichend Lebensmittel, doch sind diese für den Großteil der Bewohner unerschwinglich. Das tägliche Leben geht darin auf, das Nötigste zum Leben zu beschaffen, meist gibt es kein Benzin, kein Gas, die Wasserversorgung und die Müllentsorgung funktionieren schlecht, es gibt kaum bezahlte Jobs, man lebt von der Hand in den Mund. Dennoch haben zwei Kinder meines Mannes in dieser Zeit ihr Studium abgeschlossen, drei Kinder haben geheiratet und die jüngsten stehen vor dem Abitur. Der Jemen war ja mehr als zwei Jahre von der Außenwelt abgeschnitten, Häfen und Flughäfen waren geschlossen. Mein Mann konnte erst im September 2017 ausreisen und so haben wir uns nach zweieihalb Jahren Trennung in Salzburg wiedergesehen.

Inwieweit kommen Spendengelder, die an die großen Hilfsorganisationen gehen, überhaupt bei der Bevölkerung an? Erst am Wochenende war von den Vereinten Nationen ein neues Hilfsprogramm für den Jemen im Umfang von drei Milliarden Dollar beschlossen worden. Etwa 13 Millionen Menschen sollten endlich versorgt werden. Doch nun sickerte in UN-Kreisen die Information durch, die Houthis hätten über 30 Hilfsorganisationen (u. a. auch der UN) die Einsätze in den von ihnen kontrollierten Gebieten untersagt.  

Frauen in der Gegend von Taizz beim Sortieren von Kaffeebohnen. In der Gegend von Taizz haben sich die Fronten verhörtet. die Stadt wird von Salafi-Milizen gehalten und ist von den Houthis auf den Bergen eingekesselt. Unter diesen Bedingungen bereiten die Frauen den berühmten jemenitischen Kaffee, der auf den Weltmärkten Höchstpreise erzielt, für den Versand vor.

Ohne Spendengelder und ohne den Einsatz der vielen großen und kleinen internationalen und nationalen Hilfsorganisationen wären sicher schon Hunderttausende Jemeniten an Hunger, Durst, Krankheit, Vertreibung gestorben. Bei einer humanitären Katastrophe diesen Ausmaßes – fast 20 Millionen Menschen sind betroffen, darunter 8 Millionen akut – wird die Tätigkeit der Hilfsorganisationen zu einem Unternehmen, in dem Milliardenbeträge umgesetzt werden. Tausende Menschen sind weltweit in die Hilfsdienste eingebunden, auch viele Jemeniten vor Ort. Zahllose Firmen liefern die Hilfsgüter, für welche die Spendengelder eingesetzt werden. Bei dieser Größenordnung ist die Produktion und Beschaffung von Hilfsgütern zu einem eigenen Wirtschaftszweig geworden. Hinzukommt die Logistik des Transports, der Lagerung und der Lieferung an die Ausgabe- oder Verteilungsstellen, damit die Hilfsgüter dort ankommen wo sie dringend gebraucht werden – auch in lebensgefährlichen Kriegssituationen. Die Hilfsdienste bewältigen diese schwierigen Aufgaben in der Regel professionell und getragen von humanitärem Ethos. Dennoch lassen sich bei komplexen Dienstleistungen und Warenbereitstellungen dieser Art Missstände nicht immer vermeiden. Dazu gehört die Unterschiebung minderwertiger Hilfsgüter, vor allem im medizinischen Bereich, Mehrkosten durch schlechte Logistik und lange Lagerungszeiten, Verteilungsungerechtigkeit, Missbrauch und das Faktum, dass die künstlich hergestellte Mangelwirtschaft Schwarzmärkte und Kriegsgewinnler produziert. Im Jemen gab und gibt es die Fälle, wo dringend benötigte Güter wie Diesel (Krankenhäuser, Landwirtschaft) nur auf dem Schwarzmarkt zu haben sind. Manche Hilfsorganisationen gingen dazu über, den Bedürftigen Bargeld (das von der Besatzungsmacht ebenfalls künstlich verknappt worden war) auszugeben, damit diese entsprechend ihren Bedürfnissen einkaufen konnten. Die Geldinstitute nutzten wiederum die Marge zwischen offiziellem Wechselkurs und Schwarzmarktwechselkurs, um erheblich mitzuschneiden.
In einem Krieg wie diesem, der militärisch nicht zu gewinnen ist, werden anderen Strategien eingesetzt um Druck auszuüben und Nachgeben zu erzwingen. Not, Hunger, Schutzlosigkeit und Ohnmacht werden zur Demoralisierung eingesetzt und auch die karitativen Leistungen werden zunehmend strategisch instrumentalisiert.

Nach dem Tod von Ali Abdallah Saleh wurde erwartet, dass es Abspaltungen von den Houthis geben würde, dies scheint jedoch nicht der Fall sein. Hat Salehs Tod überhaupt Einfluss auf den Kriegsverlauf genommen?

Ja, wenn auch anders als erwartet. Eine spontane Reaktion auf Salehs Tod war die Schließung der russischen Botschaft in Sana’a, die einige der ganz wenigen Botschaften war, welche während der Dauer des Krieges offen geblieben waren. Saleh war mit der russischen Botschaft stets im Gespräch, er band Russlands Interessen in seine Nachkriegspläne ein, u.a. wollte er Russland einen Stützpunkt in Hodeidah erlauben. Russland zeigte sich verärgert über den Iran, dem es nicht gelungen sei, die Houthis unter Kontrolle und von einer Tötung Saleh abzuhalten. Zwischen den Houthis und Russland gibt es offensichtlich keine Berührungspunkte.
Ein weiterer die Zukunft des Landes bestimmender Punkt ist, dass durch den Tod Salehs das Streben nach Erhalt der Einheit des jemenitischen Staates an Rückhalt verloren hat und die sezessionistischen Kräfte gestärkt wurden. Somit wird einer Fragmentierung des jemenitischen Staates weniger Widerstand entgegenstehen.

Das Ausscheiden der Saleh-Fraktion scheint auf die Houthis keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Im Gegenteil haben sie mehrere wichtige Ämter mit eigenen Leuten aus ihrer Ansar-Allah-Partei besetzt. Welche Auswirkungen hatte das auf die Stimmung im Land gegenüber der Houthis?

Tagelang protestierten Frauen in der östlichen Provinz Mahra gegen die Präsenz von hunderten radikalen Salafis, welche die saudische Besatzung zusammen militärischem Gerät in die friedliche Provinz an der omanischen Grenze “eingeschleppt” hatte. Die Mahri-Frauen erreichten bisher nur einen Pyrrhus-Sieg. Den Salafis wurde auferlegt, sich nur an den ihnen zugewiesenen Örtlichkeiten aufzuhalten.

Kenner der Lage hatten schon erwartet, dass mit dem Tod Salehs am 4.12.2017 ein Potemkinsches Dorf versinkt. Denn die militärischen Kräfte der Saleh-Fraktion waren schon zum großen Teil in der von den Houthis geschaffenen und kontrollierten neuen Militärordnung aufgegangen. Soweit nachvollziehbar, hat sich nur ein geringer Teil der höheren Militärs nach Salehs Tod abgesetzt. Die Houthis internierten nach Salehs Tod einige tausend Saleh-Anhänger um den von Saleh vorbereiteten Coup abzuschmettern. Inzwischen wurden diese bis auf einige hundert Personen aus dem engsten Umkreis Salehs wieder auf freien Fuß gesetzt. Saleh hat wohl, als er die plötzliche Kehrtwende vollzog und sich wieder bei den Saudis anbiederte, seinen Rückhalt weit überschätzt. Ähnlich wie im Militär, war Salehs Machtposition auch in seiner Partei, dem Allgemeinen Volkskongress Moutamar, „zerbröselt“. Der Moutamar war von Anfang an keine Partei im üblichen Sinn mit Parteiprogrammatik und Machtteilung, sondern ausschließlich auf den Führer Saleh und auf die Schaffung eines pseudodemokratischen Apparates, in dem Salehs Klientel organisiert war, ausgerichtet. Schon seit den revolutionären Ereignissen im Frühjahr 2011 hat sich der Moutamar mehrmals gespalten. Der in Sanaa verbliebene Rest kam nach Salehs Tod zu Wahl eines neuen Vorsitzenden zusammen, der den Houthis eine gewisse Loyalität entgegenbringt. Allerdings gibt es auch noch Moutamar-Splittergruppen in Riadh, in Marib, Aden und der Diaspora. Die Houthis haben die mit Salehs Tod eliminierten Moutamar-Mandatare ihres Obersten Rates und ihrer provisorischen Regierung problemlos ersetzt. Doch erweisen sich die Houthis in Verwaltungsangelegenheiten als weit nicht so professionell wie in Angelegenheiten des Militärs und der Sicherheit. In den diversen Ministerien sitzen nach wie vor sehr viele Beamte aus der Ära Saleh. Die Houthis sind nach dem Tod aufgrund zunehmen in die Kritik geraten, wegen der polizeistaatlichen Methoden, die sie zur Verhinderung von Salehs Coup anwandten und vor allem, weil sie jetzt für alle Missstände verantwortlich gemacht werden.

Welchen Einfluss hat die Regierung Hadi überhaupt noch auf das politische oder militärische Geschehen im Land? Werden die Entscheidungen nicht längst von den Saudis allein getroffen?

In Bezug auf Hadi klaffen die Innensicht innerhalb des Jemen und die Außensicht, insbesondere die Berichterstattung über den Jemen, extrem auseinander. Die Legitimität Hadis ist seit seinem Rücktritt 2014 mehr als fragwürdig und beruht auf der Formel „des international anerkannten Präsidenten“. Eine Formel, die für Saudi-Arabien wichtig ist, weil die saudische Regierung den Angriff auf den Jemen mit der Wiedereinsetzung des „rechtmäßigen“ Präsidenten begründet hat. Aber auch die USA, GB und Russland halten zumindest nach außen und auf dem Papier an Hadis Präsidentschaft fest, die er von einer Residenz in Riadh mit wenig Autorität und vorwiegend durch Erlässe, Ernennungen und Absetzungen ausübt. Hadi ist auf jemenitischem Gebiet „persona non grata“, im Houthi-Gebiet gilt er als Staatsfeind und Verräter, weil er die Saudis zum Bombenkrieg eingeladen hat, und im Süden verweigert ihm die Besatzungsmacht Emirate sogar die Landeerlaubnis. An der Person Hadis öffnet sich eine weitere Kluft, denn während Hadi als treuer Vasall der Saudis gilt, versuchten ihn die Emirate von Anfang an zu demontieren, weil seine Anhängerschaft vorwiegend aus Muslimbrüdern besteht. Gerade derzeit versuchen die Emirate, die in Aden präsente Regierungsmission Hadis mithilfe des von ihnen geschaffenen politischen Übergangsrates des Südens und seiner Milizen zu stürzen. Hadi war nie sehr populär, derzeit ist der Rückhalt für den abwesenden Präsidenten, welcher zudem massiver Korruption und Unfähigkeit beschuldigt wird, landesweit sehr gering.
Doch je mehr Hadis Einfluss schwindet, desto mehr drängt sich die Frage auf, was mit den zigtausenden Soldaten des regulären Heeres geschehen wird, wenn es keinen Oberbefehlshaber mehr gibt? Werden daraus Milizen, die von den verschiedenen in- und ausländischen Interessensgruppen für ihre Ziele instrumentalisiert werden?

Saudi-Arabien und Jordanien gehören zu den besten Kunden deutscher Rüstungskonzerne. Wegen der nicht unbedeutenden Rolle, die deutsche Waffen im Jemenkrieg spielen, sollen diese Deals vorerst gestoppt werden. – Ist das eine Erkenntnis, die 3 Jahre zu spät kommt, oder könnte das den Kriegsverlauf tatsächlich beeinflussen?

Für den Jemenkrieg sind folgende Kriegsmaterialien deutscher Herkunft, die an die saudische Armee geliefert wurden, von Bedeutung für die Zivilbevölkerung: Bomben verschiedener Formate, die derzeit von einer Rheinmetall-Tochter in Sardinien produziert und nach Jeddah geliefert werden. In Saudi-Arabien werden damit die Flugzeuge bestückt, die über dem Jemen Bomben abwerfen. Von Ende März 2015 bis Ende 2017 gab es insgesamt 14.600 Bombeneinsätze, die verheerende Schäden angerichtet haben und denen einige tausend Zivilisten, darunter hunderte Kinder zum Opfer fielen. Mit einem Embargo dieser Bomben, auch jener aus den ins Ausland ausgelagerten Produktionsstätten, könnte die humanitäre Katastrophe zumindest gemildert werden. Weiter betrifft dies Küstenwachboote, sofern sie zur Blockade der Hilfslieferungen in den jemenitischen Häfen eingesetzt werden. Ein striktes Lieferverbot ist auch jetzt noch sehr hilfreich. Dauerhaft sind solche Embargos aber keine Lösung, denn Saudi-Arabien unternimmt derzeit große Anstrengungen, einen eigenen Rüstungscluster aufzubauen und wird sich in angemessener Zeit selbst mit Waffen versorgen.

8. Oktober 2016, Hodeidah, Jemen: Eine Rheinmetall-Bombe tötete Hosni Ali Jaber, seine Frau und seine Kinder im Schlaf (tweet Dietrich Klose)

Am wichtigsten ist es aber, in der Diskussion um Waffenexporte den Zusammenhang zwischen Waffenlieferungen, Kriegsgeschehen und Flüchtlingsströmen herzustellen. Gerade angesichts der hohen Gewinne in der Waffenproduktion und im Waffenhandel würde ich dafür plädieren, Waffenexporte in (potentiell) Krieg führende Länder mit sehr hohen Exportsteuern zu belegen, die nach dem Verursacherprinzip einerseits für den Wiederaufbau im betroffenen Land, andererseits für die angemessene Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen aus Kriegsländern verwendet werden.

Große Gebiete des Jemens sind (Gott sei Dank) nicht von Kriegshandlungen betroffen, weil sich die Luftangriffe weitestgehend auf Houthi-Gebiete beschränken, doch wie ist die Situation der Menschen in diesen nicht direkt betroffenen Gebieten?

Die meisten Kriegshandlungen finden in den von den Houthis verwalteten Gebieten statt, die sich hauptsächlich über das nördliche Gebirge und die angrenzenden Landschaften erstrecken. Dieses Gebiet umfasst nur 20% der Oberfläche des Jemen, dort lebt aber 80% der Bevölkerung, weil es die fruchtbarsten und klimatisch angenehmsten Zonen des Landes sind. dies bedeutet dass 20 Millionen Jemeniten seit 2015 ständig von Kriegshandlungen bedroht werden, in den Grenzzonen und am Meer mehr als im Binnenland.

Ein jemenitisches Unikum: An dieser fahrbaren Tankstelle wird Benzin zu Schwarzmarktpreisen verhökert. Seit Kriegsbeginn ist Benzin Mangelware im gesamten Jemen, einem Land mit großen Distanzen und ohne öffentliches Verkehrssystem. Der Benzinpreis am Schwarzmarkt beträgt inzwischen das Zigfache des Vorkriegspreises. Der Benzinmangel stellt auch ein großes Problem für die Transporte der internationalen Hilfsdienste dar.

Dennoch zeigen die monatlichen Statistiken, die von den Hilfsorganisationen erstellt werden, dass von extremen Notlagen, Wassermangel und Seuchengefahr auch andere, sogenannte befreite Gebiete betroffen sind. Das hat auch damit zu tun, dass die saudische Koalition nach dem Scheitern einer militärischen Überlegenheit einen Wirtschaftskrieg gegen das gesamt Land führt, der mehrere sehr effiziente Strategien einschließt. Eine davon ist ein Embargo von Dieseltreibstoff. Der Mangel an Diesel legt nicht nur die Energieversorgung der Krankenhäuser lahm, sondern vor allem die Wasserpumpen, die für die Landwirtschaft unabdingbar sind. Landwirtschaftliche Erträge werden ohne die Pumpen von Jahr zu Jahr geringer. Eine andere Strategie bestand darin, dass die öffentlichen Bediensteten einschließlich des Militärs, und damit ein Drittel der Familienerhalter, monatelang keine Gehälter ausbezahlt bekamen. Lehrer konnten nicht mehr unterrichten, weil sie ihre Familie mit anderen Jobs zu erhalten versuchten, die Schulen mussten schließen. Dann verschwand sukzessive das Bargeld und selbst wenn es in den Geschäften Waren gab, konnten die Menschen nichts kaufen. In Russland bestellte und gedruckte Geldscheine konnten nicht unter die Leute gebracht werden, weil die Flugzeuge mit dem Geldtransport 13 Mal von den Besatzern der saudischen Koalition keine Landeerlaubnis erhielten. Zuletzt wurde die jemenitische Währung galoppierend entwertet. Während man kurz vor dem Krieg für 1 USD nur 215 jemenitische Rial erhielt, muss man nun für einen Dollar mehr als 400 Rial zahlen. Bedingt durch diese Faktoren und die Blockaden der Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen, stiegen die Preise um bis u 400% während die Arbeitslosigkeit auf 60% stieg. Zuletzt hat Saudi-Arabien 2 Milliarden Dollar in der jemenitischen Nationalbank deponiert, um die Währung zu stabilisieren. Von diesen Faktoren sind fast alle Jemeniten betroffen und der Mittelstand ist tief in die Armut gerutscht. Daneben gibt es auch Kriegsgewinnler, die auf dem Schwarzmarkt mit der konstanten Mangelware Benzin gute Geschäfte machen und daher an einer Fortdauer des Krieges interessiert sind

Der Krieg dauert nun über 1000 Tage, seit Kriegsbeginn gab es fast 16.000 Luftangriffe auf das Land, 22 Millionen Jemeniten gelten als notleidend, 8 Millionen sind akut vom Hungertod bedroht, selbst wenn der Krieg morgen endete wären die Auswirkungen dieser Katastrophe noch Jahrzehnte im Land spürbar. Parallel dazu sind während des Krieges 3 Millionen Babys im Jemen zur Welt gekommen. Ist das ein Zeugnis für die große Leidensfähigkeit der Jemeniten, für Ihre Fähigkeit, dennoch an eine bessere Zukunft zu glauben?

Man kann das so sehen und Hoffnung in die Zukunft des Jemen setzen. Ich neige zurzeit eher zu einer pessimistischen Betrachtungsweise und frage mich: Wie kann die Welt zuschauen, wie hier ein Land – ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen – mutwillig zerstört wird und nichts dagegen unternehmen. Warum gibt es zum Beispiel keine UN-Friedensmission. Warum heizen die sogenannten Freunde des Jemen die Konflikte von außen mehr an, als sie sie schlichten wollen?

Verteilung von Lebensmittel-Rationen an Familien in Sanaa durch die NGO YERO – Yemen Education & Relief Organisation. eine Ration reicht für einen Monat für eine größere Familie um umfasst 5 – 10 Kilo Säcke mit Weizen, Reis Hirse, Zucker, Bohnen sowie Tee und Öl. Auf Verteilungsgerechtigkeit kann im kleineren Rahmen besser geachtet werden.

Mit jedem Kriegstag mehr, denke ich, tragen die Kinder durch Unterernährung, Krankheiten und Traumatisierung bleibende Schäden davon, jeden Tag mehr, die ihr weiteres Leben bestimmen werden, vielleicht sogar noch das Leben ihrer Kinder – so wie unser Leben (ich gehöre der Nachkriegsgeneration an) vom Horror des 2. Weltkriegs und den Gräueltaten geprägt wurden. Die jemenitischen Kinder werden weniger Chancen haben als andere Kinder, die in Frieden aufwachsen können. Ich glaube auch, dass die Menschen im Jemen nicht zu ihrer früheren Lebensform, zu ihrer Gastfreundschaft, ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude zurückfinden können – nach allem was sie jetzt durchmachen und den Gefühlen der Ohnmacht und Verlassenheit, die sie erleben.
Täglich verfolge ich die Nachrichten, fühle die Ohnmacht und versuche dagegen anzuarbeiten, indem ich mich im Kleinen engagiere. Indem ich über den Jemen schreibe, von ihm erzähle, die Familie meines Mannes unterstütze und mich für die NGO YERO engagiere, die in Sanaa ein Zentrum zur Betreuung von bedürftigen Kindern betreibt, ihnen den Schulbesuch ermöglicht und sie fördert, und ihre Familien mit kleinen Einkommensmöglichkeiten und Lebensmittelspenden unterstützt.

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Wer mehr über den Jemen erfahren möchte, wir haben sowohl mit Jemen-Expertin Barbara Wally wie auch mit Nadia al Sakaf und Hooria Mashhour bereits Interviews veröffentlicht.

Ein Interview mit Barbara Wally – österreichische Kunsthistorikerin und Feministin – 15.09.2015

Stell Dir vor es ist Krieg und keiner berichtet darüber – 15.03.2016

Jemen – Nadia al Sakaf (frühere Informationsministerin im Jemen) – 17.03.2016

Hooria Mashhour (jemenitische Menschenrechtsministerin) – 16.05.2016

Jemen – Hungersnot ohne Lobby – 27.10.2016 

Wer den Jemen in dieser humanitären Katastrophe unterstützen möchte, sollte dringend an die wunderbare Organisation YERO spenden, mit Gründerin Annelies Glander haben wir ebenfalls bereits gesprochen und in diesem Beitrag finden Sie auch den Link zu einer direkten Spende.

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