Die vergessene Heldin: Alison Hargreaves

Meine Kinder und ich haben uns vor 2 Wochen begeistert die Dokumentation „Messners Himalaya“ angesehen, in der ein fast siebzigjähriger unglaublich energiegeladener Reinhold Messner ein atemloses Kamerateam 3 Monate durch „seinen“ Himalaya führt.
Ich liebe Reinhold Messner, habe viele seiner Bücher gelesen, höre ihm unglaublich gerne zu….. – dennoch fragte ich mich während der ganzen Dokumentation: und was ist eigentlich mit Alison Hargreaves?

Und wenn Sie sich jetzt gerade fragen, wer denn das ist: genau das ist mein Punkt!

Die Welt verneigt sich (zurecht) vor Messners alpinistischen Leistungen, aber es gibt noch eine einzige andere Person, die den Gipfel des Mount Everest vollkommen alleine, ohne Seilschaft, ohne Sauerstoff erklomm, 1995, und auf dem Gipfel setzte diese Person folgenden Funkspruch an ihre Kinder ab:

„I am on the highest point of the world, and I love you dearly!“

Spätestens jetzt ist klar, dass es sich bei dieser Person um eine Frau handelte: Alison Hargreaves.

Als sie nach ihrer Besteigung des Everest in ihre britische Heimat zurückkehrte war sie überwältigt von den Menschenmassen, die sie am Flughafen Heathrow erwarteten. Die britische Times hatte ihr eine Titelseite gewidmet, sie wurde von Fernsehsendung zu Fernsehsendung gereicht, ihre Besteigung wurde als „historisches Ereignis“ bezeichnet. Für einige Wochen war Hargreaves in aller Munde, eine britische Heldin. Doch ihr Ruhm war nicht von langer Dauer. Exakt drei Monate nach ihrer Everest-Besteigung war Alison wieder im Himalaya, diesmal um den zweitgrößten, und als weit schwerer zu meistern geltenden K2 zu besteigen. Am 13. August 1995 erklimmt sie den Gipfel, doch kurze Zeit später werden sie und 5 Bergsteigerkollegen von einem Sturm erfasst und sterben. Sie war 33 Jahre alt.

Die erst wenige Wochen zurückliegenden Lobeshymnen verstummen in Windeseile und schlagen ins Gegenteil um: plötzlich ist Alison nicht mehr die überragende Alpinistin, sondern eine verantwortungslose Mutter, deren Egoismus zwei kleine Kinder zu Halbwaisen machte. Unter den 5 männlichen Kollegen, die mit ihr im Sturm am K2 ums Leben kamen, waren drei junge Väter – gegen keinen von ihnen wurden ähnliche Vorwürfe erhoben.

Alisons Ehemann gab sieben Jahre nach ihrem Tod dem „Guardian“ ein Interview, in dem er sich anscheinend immer noch rechtfertigen musste, wie er seiner Frau „erlauben“ konnte, 8000er zu besteigen:

„How could I have stopped her? I loved Alison because she wanted to climb the highest peak her skills would allow her to. That`s who she was.“

Reinhold Messner hat vier Kinder. Drei Töchter und einen Sohn, tatsächlich musste ich aber googlen, um das herauszufinden, nirgendwo werden seine alpinistischen Leistungen in Relation zu seiner Vaterschaft gesetzt. Es scheint vollkommen in Ordnung, dass ein Vater seine Träume mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt, wir bewundern ihn sogar dafür, während das bei einer Mutter ein Vergehen ist??

Alisons Tochter Kate kritisiert die Journalisten, die ihre Mutter damals als Rabenmutter betitelten, später hart, hält sie jedoch für einen Spiegel der 90er:

„Twenty years later with more equality and thinner glass ceilings, would they have written the same? No.“

Aus eigener Erfahrung muss ich Kate da leider widersprechen.

Wie ein Mensch fähig sein kann, allein den Mount Everest zu besteigen, ist für mich unvorstellbar und bewundernswert. Doch was Alison für mich zu einer Heldin macht, ist die Tatsache, dass sie dazu beigetragen hat, die gusseisernen Formen zu zerschlagen (oder zumindest sichtbare Dellen zu hinterlassen), die seit Jahrhunderten definieren, was Mütter sind und was sie dürfen.

Der Everest war nicht Alisons einziger Rekord. 1993 war sie der erste Mensch, der die 6 gefährlichen Nordwände der Alpen in einer Saison durchstieg. 2015 war ihr Sohn Tom, der bei ihrem Tod erst 6 Jahre alt war, der erste Mensch, der alle 6 Nordwände allein und im Winter durchstieg. Tom war nicht zum ersten Mal in den Alpen, denn als seine Mutter im sechsten Monat mit ihm schwanger war, bestiegen sie (gewissermaßen „gemeinsam“) die Eiger Nordwand. Auch ihre Tochter Kate ist eine begeisterte Alpinistin, was Alison wohl besonders gefreut hätte:

„I think women climb before they get married, before they have boyfriends and babies, then they lose interest. Having children is very fulfilling and a lot of people don’t feel the need for anything else. For me that was a conscious decision. I actually wanted children, and I also wanted to carry on with the climbing.“

Ich glaube nicht, dass Frauen sich bewusst dafür entscheiden, ihre Träume zu begraben, weil sie ihre Mutterschaft so erfüllend finden. Wir lieben unsere Kinder, aber was für Mütter wären wir, wenn wir ihnen unseren Lebenszweck aufbürdeten, wenn wir sie zum Mittelpunkt unseres Daseins machten? Frauen wird nur einfach eingeredet, dass etwas über das Muttersein hinaus zu begehren sie automatisch zu schlechten Müttern macht. Das war 1955 so und 1995, und es wird auch 2025 noch so sein. Mutterschaft scheint sich in großem Maße nicht über das zu definieren, was wir leisten, sondern über das, was wir bereit sind aufzugeben. Und wehe den Frauen, die nicht zur Märtyrerin geboren sind….
Alison wird in die Reihe unserer Heldinnen aufgenommen, weil ihr etwas klar war, was den meisten Müttern, die ich kenne, nicht klar ist: als Mütter haben wir nicht nur das Recht, unsere Träume zu verfolgen, sondern die Pflicht – was für ein Beispiel gäben wir sonst für unsere Töchter ab?

Alison sah das genauso:

“If you are given two options, take the harder one because you’ll regret it if you don’t. At least if you take the harder one and fail, you’ll have tried.”

Regions of the Heart: The Triumph And Tragedy of Alison Hargreaves (Taschenbuch)


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