(Welten-)MACHERIN: Paula Yacoubian

Am 4. November 2017 gab Libanons Premierminister Saad Al Hariri von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt bekannt. Beirut stand Kopf. Tagelang überschlugen sich die Theorien: Wurde Hariri entführt? Ist sein Rücktritt freiwillig? Wird er bedroht? Ist der Rücktritt nur politisches Kalkül?

Die Antworten auf diese Fragen konnten über Krieg oder Frieden entscheiden.

Die Frau, die den Libanesen die Antworten besorgte, war Paula Yacoubian.

Paula ist das Kind einer Libanesin und eines Armeniers und landete eigentlich nur zufällig beim Fernsehen. Als 17-jährige Schülerin wurde sie auf der Straße zu einem Casting für Nachrichtensprecherinnen eingeladen. Als man sie dort nach ihrem Alter fragte, erklärte sie, sie sei 21 und eine Politikwissenschaftsstudentin. Paula wurde vom Fleck weg engagiert und als sie dem Sendeleiter ihr wirkliches Alter verriet, spielte es bereits keine Rolle mehr. Politikwissenschaften studierte sie später trotzdem – nebenbei, als sie längst ihre eigene Sendung hatte.

Als Paula im November letzten Jahres von einer Geschäftsreise spätabends aus Abu Dhabi zurückkehrt und am Flughafen in Beirut ihr Handy wieder einschaltet, hat sie ein Dutzend verpasster Anrufe ihres Senders und von Hariri selbst. Saad al Hariri kennt sie gut, er ist seit zehn Jahren ihr Chef, die Mediengruppe, für die sie arbeitet, gehört dem Premierminister. Trotzdem kann sie nicht glauben, was sie da auf der Mailbox hört: Sie soll morgen früh sofort nach Riyad kommen und ein Live-Interview mit ihm führen. DAS Interview. Das alles erklärt, das alle Fragen beantwortet, das den Libanesen sagen soll, wie ihre Zukunft aussehen wird.

Dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hat, sieht man der professionellen Paula im Interview am nächsten Tag nicht an. Tatsächlich wirkt Hariri weit mitgenommener und gestresster als sie. Noch vor der Ausstrahlung überschlagen sich in Beirut die Gerüchte: ist das Interview ein Fake? Hat er deshalb nach einer Journalistin gefragt, mit der er seit Jahren zusammenarbeitet? Alles nur Propaganda der Saudis?

“Those who watched the interview completely changed their mind because I asked all kinds of questions. I asked very tough ones and I asked questions about Saudi Arabia that have never been asked before.”

Tatsächlich ist es ein durchaus kontroverses Interview und man merkt Hariri an, dass er einige Fragen sehr schwierig findet. Sogar insoweit, als dass sich Paula später von einem (natürlich männlichen) Medienexperten, dem Libanesen Claude el Khal, vorwerfen lassen muss, ihre „mütterlichen Eigenschaften“ wären durchgekommen, als sie Hariri eine Pause anbietet bei einer Frage, die ihn besonders mitnimmt:

„You could see in her eyes that she felt sorry for him. It was as if she had gotten in touch with a maternal instinct.”

Sowas müssen Frauen sich anhören. Natürlich wehrt Paula sich später vehement dagegen, dass ihre „mütterlichen Instinkte“ ihre Interviewtaktiken beeinflussen. Ihre Rechtfertigung für die angebotene Pause ist trotzdem interessant, gibt sie doch wieder, was viele Libanesen empfanden:

„I didn’t feel „sorry“ for him. (…) I just thought that this is not a normal person I am interviewing. He is a Lebanese leader that I look up to. More so now, I have a lot of, how shall I say… sympathy… I feel that he can somehow save the country. His resignation unified the Lebanese people behind his leadership. In this moment of time, Saad Hariri is not just a Lebanese secretariat [Anm: bezieht sich auf “sect”, also religiöser Führer] leader, he is a national political leader. Prior to that and due to the death of his late father, he was more of an emotional leader.“

Man merkt Paulas Interview durchaus an, dass sie in vielen politischen Fragen mit Hariri konform geht, aber das spricht meiner Meinung nach nicht gegen sie. Der Libanon ist ein Land, für das die Position „between a rock and a very hard place“ schon fast historisch ist und das meist nichts weiter als die Wahl zwischen zwei Übeln hatte. Hariri selbst mag durchaus umstritten sein, doch bessere Alternativen gibt es keine. Seine Politik ist vielen zu saudi-freundlich, zu unkritisch, was den großen Bruder angeht, aber das kann Paula durchaus nachvollziehen:

“We don’t want any tensions between Lebanon and Saudi Arabia. You have to understand, there are 250,000 Lebanese people living and working in Saudi Arabia. They make fortunes over there and our country relies on remittances. They send money to support their families living in Lebanon. My father died when I was 9 and my brother-in-law worked in Saudi Arabia. He used to send us money for schooling and university. This is not only a personal story, this is a story you can find in many families in Lebanon. Therefore, we want the best relations and we are very grateful to Saudi Arabia.”

Die beiden verbindet nicht nur die Dankbarkeit gegenüber Saudi-Arabien sondern vor allem auch die Ablehnung der Hisbollah und des damit verbundenen großen iranischen Einflusses im Land.

„Iran sends arms, missiles, and money to a sect in Lebanon, Hezbollah. They don’t see Lebanese as Lebanese, they only take care of their people, Hezbollah, who are really just proxies for the revolutionary guard in Iran.“

Paula hat mittlerweile für ihre journalistischen Leistungen und ihr soziales Engagement den “Order of the Crown” vom belgischen König verliehen bekommen. Sie ist die erste Journalistin, die diese Auszeichnung erhält und sie wurde ihr in der belgischen Botschaft in Beirut überreicht.

Paula Yacoubian received the Order of the Crown from the King of Belgium

Doch Paula ist noch lange nicht am Ende ihres Einsatzes für ihr Heimatland angekommen: im Mai sind Wahlen im Libanon, lange überfällige Wahlen. Vor wenigen Wochen gab deshalb Paula ihren Rücktritt beim Fernsehsender „Future TV“ bekannt, um selbst bei den Parlamentswahlen zu kandidieren, doch bringen die Wahlen wirklich Veränderung? Die politische Landschaft ist so verkrustet, dass nach wie vor die Religionszugehörigkeit im parlamentarischen System von zentraler Bedeutung ist. Die Verteilung der Abgeordnetensitze auf die verschiedenen Konfessionen ist in der Verfassung festgelegt. So viel Sehnsucht und doch so wenig Möglichkeiten für ein Land, das sich gerne neu erfinden möchte.

Wie bei vielen Libanesen, die ich kenne, ist auch Paula zerrissen zwischen dem unglaublichen Potential, das das Land zur Veränderung hat und der Starre, in der es seit Jahrzehnten feststeckt. Hoffnung und Resignation sind im Libanon keine polaren Gegenteile, beides begegnet einem jeden Tag.

Hariri gab in seinem Interview mit Paula an, auch aus Sicherheitsgründen nach Riyad gegangen zu sein, sein Leben sei durch die Hisbollah bedroht gewesen. Gegen den Iran zu arbeiten kann in der Tat oft ein lebensgefährliches Unterfangen sein. Paula zuckt die Schultern, Angst hat sie keine, ignoriert aber auch nicht den schmalen Grat zwischen Krieg und Frieden, auf dem der Libanon seit Jahren balanciert – und dass ein Absturz durchaus nicht ausgeschlossen ist.

„This is a country that is very unpredictable. Living in Lebanon is like living next to a volcano, you never know when it is going to erupt.“

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