„Mädelsabende“ und andere Rückschritte der (R)Evolution

Vor 100 Jahren sind die Suffragetten auf die Straße gegangen, damit wir so schöne und praktische Dinge tun dürfen wie wählen, eine Ausbildung machen, einen Kredit aufnehmen, ein Unternehmen gründen, abtreiben, unsere Ehemänner selbst wählen, uns scheiden lassen und unsere Meinung frei äußern (selbst wenn diese Meinung beinhaltet, sich negativ über eben den Feminismus und die Feministinnen zu äußern, die uns diese Freiheiten verschafft haben).

Über Jahrzehnte haben Frauen dafür gekämpft, dass wir an denselben Tischen sitzen können wie Männer, dieselben Berufe ausüben können, dieselben Rechte haben.
Und was machen wir daraus? Mädelsabende. Noch nicht einmal Frauenabende, nein „Mädelsabende“! WTF?

Männer treffen sich zum Golfen, Bowlen, Körbe werfen oder Fußballspielen (oder zumindest Fußball schauen), Frauen treffen sich zum…. ja, was eigentlich?

1. Mädels in den Zwanzigern

Diese Mädels sind eben von zuhause ausgezogen und sind zum ersten Mal in ihren eigenen Wohnungen oder leben in WGs oder zum ersten Mal mit ihrem Freund zusammen. Sie sind Studentinnen, Praktikantinnen oder Volontärinnen und wollen alle unbedingt mal nach Bali. Bei ihren Mädelsabenden gibt es nur ein einziges Thema: Männer. Ihre jeweiligen Boyfriends sind immer entweder total süß oder totale Arschlöcher, denn die Mädels haben die emotionalen Differenzierungsfähigkeiten eines 8-jährigen ADHS-Jungen. Die Abende werden in angesagten Clubs verbracht und sind eigentlich nur ein Alibi, jemanden kennenzulernen (ein echter Mädelsabend braucht dringend Männer, die man den ganzen Abend intensiv ignorieren kann). Es gibt natürlich gewisse Sekundärthemen wie glutenfreie Ernährung, Schuhe oder Jobs (die Mädels sind noch auf der Suche nach ihren Traumjobs und sie suchen sie mit der Ernsthaftigkeit, mit der man nach der perfekten Farbe Nike Air Max oder einer Luis Vuitton-Tasche sucht). Der Traumjob ist ein Accessoire, das man sich bald zulegt, irgendwann zwischen dem eben begonnen Body-Toning-Kurs und dem Hot-Yoga-Wochenende auf Ibiza im September. Sie wollen selbstverständlich alle Kinder, aber keinesfalls jetzt, wo es noch so viele Sex-on-the-Beach zu trinken gibt, so viele gemeinsame Wellness-Wochenenden mit den „Mädels“ bevorstehen.

Sie kichern viel bei diesen Mädelsabenden, die Ursache ist weitgehend ungeklärt und unerklärlich. Sie tragen gerne Leggings und nennen sich gegenseitig „Tussis“, „Zicken“ oder „Bitches“ (oder sie tragen T-Shirts, auf denen „nenn mich einfach Prinzessin“ steht!!). Sie halten nicht viel vom Feminismus, er ist für sie so überflüssig und antiquiert wie tierische Fette und Bibliotheksausweise. Sie sind aufgewachsen in einer Welt, die sich so anfühlt, als hätten sie alle Möglichkeiten, und da sie nie an Grenzen gehen, werden sie nie erfahren, wie eng diese immer noch gesteckt sind.

2. Mädels in den 30ern und 40ern

Unsere Mädels sind erwachsen geworden – oder zumindest das, was dem am nächsten kommt. Mittlerweile finden die Treffen nicht mehr in Clubs statt, sondern in Restaurants, deren Einrichtung schon auf Interior-Blogs vorgestellt wurde und deren „Ambiente“ einfach „überwältigend“ ist. Die skandinavische Geradlinigkeit der Einrichtung soll wohl das Chaos im Gefühlsleben der Mädels ausgleichen. Sie bestellen von grafitfarbenen veganen Speisekarten, sie essen nach 16 Uhr (und meistens auch davor) ohnehin nur Salat, die 15kg, die sie in wenigen Monaten mit ihren statistischen 2,3 Kindern zugenommen haben, müssen nun den Rest ihres Lebens wieder runter, die Diät wird zu einem sich ständig wiederholenden Soundtrack, der im Hintergrund alle Gespräche begleitet, mal lauter, mal leiser). Sie trinken keine Cocktails mehr, sondern ihr fast religiös verehrtes „Käffchen“ (gefolgt von gegenseitigen Beteuerungen, dass man ohne Kaffee den Tag nicht überstehen würde) oder (wenn man mal ganz verwegen sein möchte) ein „Weinchen“.

Man hat sich mittlerweile zu zwei Themen hochgearbeitet (der Horizont erweitert sich schließlich mit zunehmendem Alter): Männer und Kinder.

Singles und/oder Kinderlose wurden zu diesem Zeitpunkt längst aussortiert, nicht mehr eingeladen (die Experten streiten sich noch darüber, ob sie als Bedrohung empfunden wurden oder für die Gespräche einfach zu unqualifiziert waren). Aus den Mädels-Yoga-Wochenenden auf Ibiza sind gemeinsame Familienurlaube geworden. Man mietet sich zusammen ein Haus am Gardasee als hätte man Angst, mal 2 Wochen mit der eigenen Familie allein zu sein. Und wenn man das Kind der Freundin dann am Pool Popel essen sieht oder gar (Jackpot!!) das andere Paar am Abend aus dem Nebenzimmer streiten hört, fühlt sich das eigene Leben gleich ein bisschen richtiger an.

Über die Ehemänner wird zwar im allgemeinen milde gelächelt während man Anekdoten über ihr Schnarchen, ihre Burn-Outs, ihre Hysterie bei grippalen Infekten und ihre Unfähigkeit, den Abfluss zu reparieren, sich bei ihren Chefs durchzusetzen oder die Kinder zum Aufräumen zu bringen zum besten gibt, aber sie werden dennoch als absolut unentbehrlich angesehen.

Die Kinder sind entweder verhaltensgestört oder hochbegabt, manchmal beides; zwischen „er macht immer noch jede Nacht um Punkt Mitternacht ins Bett, obwohl er doch schon sieben ist“ und „er löst Lego-Bausätze für Kinder ab zwölf, dabei ist er doch erst sieben“ gibt es nichts. Normale Kinder waren gestern.

Über die Traumjob-Phase sind wir hinaus, jetzt haben die Mädels Projekte. Anwältinnen hätten gerne eine eigene Kindermode-Kollektion, Journalistinnen wollten schon immer mal ein Spielzeuggeschäft eröffnen und einfach jeder strickt, näht oder klöppelt Kissenbezüge, T-Shirts und Schnuller-Ketten. Facebook, Pinterest, Etsy und Dawanda sei Dank! Wer Glück hatte, hatte 3-4 Jahre in dem Job, für den man 5 Jahre studiert hat, ehe das begann, was Meg Wolitzer als „10-Year-Nap“ bezeichnete, aus dem die meisten nie mehr aufwachen. Da man die Designer-Handtaschen gegen Wickeltaschen tauschen musste, übertrifft man sich jetzt gegenseitig bei Kinderwägen, selbst gezimmerten Kinderzimmermöbeln, Privatschulen, Eigentumswohnungen und – last but absolutely not least – der eigenen Kreativität. Nur schade, dass sich die Individualität der alternden Mädels auf so frappierende Weise ähnelt. Wenn sich Männer in einem gewissen Alter einen Porsche kaufen, wissen wir sofort, was sie damit kompensieren müssen, aber hat sich schon mal jemand gefragt, was Frauen kompensieren, wenn sie in einem gewissen Alter Espresso-Maschinen für 2000€ und skandinavische Designer-Beistelltischchen brauchen?

3. Mädels in den 50ern

Ja, auch in diesem Alter treffen sich unsere Mädels noch, obwohl man meinen sollte, dass man aus gewissen Dingen doch herauswächst? – Immerhin ist die Gruppe nicht mehr so groß, bzw. sie hat sich zweigeteilt: über die Hälfte unserer Mädels ist geschieden, die Kinder sind groß, die Gründe, eine Farce aufrecht zu erhalten, die so lange jeden Tag des eigenen Lebens bestimmt hat, wollen einem einfach nicht mehr einfallen. Die geschiedenen Mädels werden oft ganz plötzlich zu Feministinnen (glauben aber, es immer schon gewesen zu sein), wettern über Ungleichheit und Unterdrückung, vor allem aber natürlich über ihre Ex-Männer und deren jüngere Zweitfrauen. Unter den Geschiedenen erleben die Yoga-Wochenenden auf Ibiza ein Revival, man kann sich jetzt im Hotel aber bessere Zimmer leisten. Den erwachsenen Töchtern erzählen sie gerne, dass sie sich „jetzt erst finden“ und die schütteln auf ihren eigenen Mädelsabenden die Köpfe über ihre plötzlich emanzipierten Mütter.

Die Hälfte, die noch verheiratet ist, die es „durchzieht“, bleibt unter sich. Aus den Familienurlauben am Gardasee wurden gemeinsame Kreuzfahrten, in denen meistens die Männer viel kommunizieren und die Frauen viel kommunizieren, aber es gibt wenig Berührungspunkte zwischen den Geschlechtern und man kann ja Gott sei Dank auch verschiedene Landausflüge buchen.

Ich habe noch keine Erhebungen über Mädelsabende in den 60ern und 70ern vorgenommen, hoffe aber inständig, dass Arthritis und Osteoporose dem dort ein natürliches Ende setzt, wo der gesunde Menschenverstand es nicht konnte.

Also bitte: hören Sie um Gottes Willen auf, ein Mädel zu sein und sich mit anderen zu treffen. Frauen braucht das Land! Und zwar welche, die kein von Männern abgegrenztes Habitat brauchen, um sich ÜBER Männer zu unterhalten, sondern Frauen, die am Erwachsenen-Tisch sitzen und sich MIT Männern unterhalten – es gibt ja da wohl so ein paar Themen….

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