(Welten-)MACHERIN: Nadia Murad

Nadia stammt aus Kocho, einem kleinen Dorf im Nordwesten des Iraks. Sie war das jüngste von 11 Kindern einer jesidischen Familie und träumte davon, einmal ein eigenes Kosmetikstudio zu haben, wenn sie erwachsen wäre.
Erwachsen werden musste Nadia viel zu schnell, ihre Träume begraben auch. Im August 2014 nahm ISIS ihr Dorf ein, tötete alle Männer und nahm alle Frauen und Mädchen als Sexsklaven mit. Das Schicksal der Jesidinnen im Irak ist bekannt, über die ISIS-Ideologie der Sklavenhaltung haben wir auch hier auf dem Blog schon mehrfach berichtet. Doch Nadias Geschichte ist anders. Nicht, weil sie nicht als Sklavin gehalten wurde, das wurde sie. Nicht, weil sie nicht missbraucht, vergewaltigt, geschlagen und gefoltert wurde – auch das wurde sie. Sondern weil sie überlebt hat, weil sie fliehen konnte, weil ISIS in ihrem Fall nicht den Sieg davon trug.
Von ISIS hat Nadia bis zu dem Tag, an dem die Soldaten in ihr Dorf kamen, dem Tag, an dem sie ihre Eltern und einige ihrer Geschwister zum letzten Mal in ihrem Leben sieht, noch nie etwas gehört. Doch sie ist sicher, dass diese Handlungen von langer Hand geplant waren, dass es keine spontanen Entscheidungen gab, zu gut organisiert ist der Sklavenhandel der Terroristen:
“Attacking Kocho and taking girls to use as sex slaves wasn’t a spontaneous decision. ISIS planned it all: how they would come into our homes, what made a girl more or less valuable, which militants deserved a sabiyya [sabiyya ist das arabische Wort für Sklavin] as incentive and which should pay.” 
Die Geschichte der Jesiden war nie eine einfache. Obwohl sie eine der ältesten Glaubensgemeinschaften Mesopotamiens sind, deren Geschichte über 6000 Jahre zurückreicht, wurden sie von anderen Religionsgemeinschaften nie wirklich respektiert. Die Jesiden besitzen keine eigene Heilige Schrift und haben zwar Elemente aus dem Islam und dem Judentum in ihre Lehre inkludiert, glauben aber im Wesentlichen an einen gefallenen Engel namens Melek. Besonders unter Moslems hat ihnen das den Ruf von Teufelsanbetern beschert und sie waren immer wieder gewalttätigen Angriffen ausgesetzt. Versuchter Genozid war für Nadia also nichts neues, nur ISIS.
Nadia wurde zur Sklavin – hochoffiziell und bis ins Letzte durchorganisiert, sogar mit Lichtbild-ID, damit sie im Fall einer Flucht sofort wieder ihrem “Besitzer” zugeführt werden könnte.
Ihr Leben als Sklavin hat begonnen. Sie ist nun das registrierte Eigentum von Hajji Salman, einem hochrangigen ISIS-Führer. Als sie in ihrem neuen Zuhause in Mossul ankommen, gibt er ihr ein unzüchtiges Minikleid, Make-Up und Enthaarungscreme und schickt sie unter die Dusche. Noch heute hat sie Albträume davon, wie er sie danach das erste Mal vergewaltigte:
“He was loud enough for all the guards to hear — he shouted as if he wanted all of Mosul to know that he was finally raping his sabiyya — and no one interfered. His touch was exaggerated, forceful, meant to hurt me .?.?. I was like a child, crying out for my mother.”
Nadia will sterben. Doch an dem Tag, als sie abgeholt wurden aus Kocho, hat sie einen Pakt mit ihren beiden älteren Schwestern Dimal und Adke geschlossen: wo immer sie auch hingebracht würden, was immer man ihnen auch antäte, sie wollten so schnell wie möglich fliehen und nach Hause zurückkehren.
Einmal versucht Nadia es, kriecht durch ein angelehntes Fenster, wird aber von einer Wache gesehen und festgehalten. Hajji Salman wird gerufen und Nadia wird bestraft mit Peitschenhieben. Der Wachposten und 5 seiner Kollegen bekommen eine Belohnung: sie alle dürfen Nadia vergewaltigen und misshandeln. Sie wird bewusstlos, doch als sie wieder zu sich kommt, geht ihr Martyrium weiter: die Wachen sind weg, doch im Lauf der folgenden Wochen kommen weitere Männer, die sie vergewaltigen, sie wird herumgereicht, ehe sie schließlich einem Mann vorgestellt wird, der ihr neuer Besitzer sein soll und sie mit nach Syrien nehmen will. Doch erst will er ihr neue Kleider kaufen. Nadia ist zum ersten Mal seit Wochen wieder allein und versucht noch einmal zu fliehen. Sie läuft und läuft, bleibt nicht stehen, dreht sich nicht um. Erst als sie den Stadtrand erreicht, die ärmeren Viertel, fühlt sie sich sicherer. Gekleidet in eine Abaya, das traditionelle lange Gewand, das muslimische Frauen tragen, könnte sie jeder sein – aber sie ist eine Sklavin. An einer der Türen zu klopfen ist ein Risiko, doch Nadia geht es ein und hat Glück. Die Familie hinter der ärmlichen Tür hasst ISIS, nimmt sie auf und schmiedet mit ihr einen Fluchtplan: Nasser, einer der Söhne, würde sie aus dem ISIS-Gebiet herausfahren und vorgeben, Nadia sei seine Ehefrau. Mit gefälschten Papieren und einer Geschichte darüber, dass sie Verwandte im Kurdischen Gebiet besuchen wollen, schaffen sie es tatsächlich durch die vielen Checkpoints. In einem Flüchtlingscamp trifft sie 2 ihrer älteren Brüder wieder und erfährt, was aus dem Rest der Familie geworden ist: ihre Mutter wurde exekutiert, ebenso 5 ihrer Brüder. Ihre Schwestern waren immer noch Sklavinnen. Ihr kleiner Neffe war entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen worden, er kämpft nun selbst für ISIS.
Nadia wird klar, dass ihr eigener Kampf gerade erst beginnt. Noch im Camp erzählt sie ein paar Reportern ihre Geschichte, weigert sich, sich zu schämen, weigert sich, zu schweigen und ISIS damit gewähren zu lassen. Ein Jahr später überquert sie den Atlantik, um in New York eine Rede vor der UN zu halten.
“You are the ones to decide whether another girl, just like me, in a different part of the world, will be able to lead a simple life or will be forced to live in suffering and bondage.”
Heute wird sie von Menschenrechtsanwältin Amal Clooney vertreten:
“When we were introduced in London, she asked if I would act as her lawyer. She explained that she would not be able to provide funds; that the case would likely be long, and unsuccessful. But before you decide, she had said, hear my story… There is no doubt ISIS tried to silence Nadia, when they kidnapped and enslaved her, raped and tortured her, and killed seven members of her family in a single day. But Nadia refused to be silenced. She has defied all the labels that life has given her: Orphan. Rape Victim. Slave. Refugee. She has instead created new ones: Survivor. Yazidi leader.
Those who thought that by their cruelty they could silence her were wrong. Nadia Murad’s spirit is not broken, and her voice will not be muted. Instead, through this book, her voice is louder than ever.” 
Nadia erzählt ihre Geschichte nicht nur, sie hat sie aufgeschrieben in einem fesselnden, ehrlichen, grausamen Buch. Aber die Geschichte ist gleichzeitig auch ein Abschiednehmen von ihrer Familie, von Sommern, die so heiß waren, dass sie mit ihren Geschwistern auf dem Dach des kleinen Hauses übernachtete und bis in die Morgenstunden kicherten, von ihrer Mutter, der sie nie auf Wiedersehen sagen konnte, von ihrer Kindheit, die im Bruchteil einer Sekunde vorbei war.
“I think there was a reason God helped me escape .?.?. and I don’t take my freedom for granted. The terrorists didn’t think that Yazidi girls would have the courage to tell the world every detail of what they did to us. We defy them by not letting their crimes go unanswered. Every time I tell my story, I feel that I am taking some power away from the terrorists.”
Mehr als 3000 jesidische Mädchen und Frauen leben bis heute immer noch als Sexsklavinnen von ISIS. Über 300.000 Jesiden sind auf der Flucht.
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