Libanon Tagebuch V – Tag 02 (Krokodile)

Freitag ist einer der drei Tage pro Woche, an denen unser Erwachsenen-Bildungs-Programm in der Löwenschule stattfindet, diese Abende stehen also ganz im Zeichen der „Umms“. Ihnen ist vielleicht schonmal aufgefallen, dass die meisten Frauen in unseren Camps ein „Umm“ oder „Em“ vor ihrem Namen tragen. Die (sehr emanzipierte) Leiterin unseres Elefantencamps heißt z.B. Em Amar. Was bedeutet das also?

Em oder Umm heißt übersetzt schlicht „Mutter“ und Amar ist der Name ihres erstgeborenen Sohnes. Sobald Frauen Söhne bekommen, geben sie also ihren Namen auf und werden „die Mutter von…“. Feministisch natürlich ein Albtraum, wenn auch einer, der im Westen ebenso geträumt wird, wo ja viele Frauen noch immer bei der Heirat bereits ihren Namen aufgeben. Arabische Männer bestehen oft darauf, dass „Umm“ ein Ehrentitel sei, dass einer Frau jetzt, wo sie Mutter eines Sohnes ist, besonderer Respekt gebühre, und dass dies bereits in der Anrede klargestellt würde, aber natürlich gibt es auch immer noch Leute (ok, Männer), die „gnädiges Fräulein“ für respektvoll halten. Es soll außerdem die enge Bindung der Familie betonen, auch das ist ein Argument, das Frauen im Westen benutzen, wenn sie erklären, es würde das „Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie“ stärken, wenn alle denselben Namen tragen.

In den Camps stellt uns das vor ganz greifbare Probleme: wenn wir nämlich in neuen Camps die Einwohnerlisten erstellen, können sich viele Frauen buchstäblich nicht mehr an ihren Geburtsnamen erinnern. Em Amar wurde mit 15 Mutter, ihr Sohn Amar hatte vor wenigen Wochen seinen 27. Geburtstag und seither hat sie ihren Namen nie mehr gehört. Sie weiß ihn nicht mehr. Und da die wenigsten Flüchtlinge noch im Besitz eines Passes sind, lässt sich das auch nur selten rekonstruieren. In unseren alphabetischen Listen sind die Buchstaben E und U also mit Abstand die umfangreichsten.

Da wir sehr stolz darauf sind, dass sich in der Löwenschule über 100 Frauen gemeldet haben, die dort unseren Unterricht besuchen wollten, weil ihre Familien in ihrer Kindheit zu arm waren, auch die Töchter zur Schule schicken zu können, wollen wir die Frauenkurse auch auf andere Camps ausweiten. 2018 ist also (unter anderem) auch unser „Jahr der Umms“!

Als nächstes ist die Phoenixschule an der Reihe und hier wird unsere Phoenixlehrerin Reem Sharkawi die Abendkurse leiten. Sie ist eine junge, engagierte Lehrerin, die bei unseren Phoenixkindern sehr beliebt ist, und die ich Ihnen hier ebenfalls kurz vorstellen möchte.

Bitte erzähl uns ein bisschen von dir, Reem.
Ich bin 29 Jahre alt und komme aus Damaskus. Ich bin 2014 gleich nach meinem Studium geflohen. Angst hatte ich schon  Monate vorher, aber ich wusste, wenn ich jetzt nicht meinen Abschluss mache, kann ich ihn vielleicht nie mehr machen, deswegen habe ich ausgeharrt. Ich weiß also sehr genau, was Frauen oft für Opfer zu bringen bereit sind, um Bildung zu erhalten. Ich hatte Glück, ich konnte zur Schule gehen und studieren. Ich bin sehr stolz, dass ich jetzt anderen Frauen dabei helfen kann, auch zur Schule gehen zu können.

Was ist dein Schwerpunkt an der Phoenixschule?
Vormittags versuche ich eine neue Methode zu entwickeln, die Kinder in dramatischen Krisen das Lernen erleichtert. Es ist eine Gratwanderung den Kindern einerseits das Gefühl zu geben, in der Schule sicher zu sein, voll und ganz ankommen zu können, ihnen aber gleichzeitig auch zu vermitteln, dass der Libanon nicht unser Zuhause sein kann, dass wir uns in einer Übergangssituation befinden. Selbst für Erwachsene ist das oft unmöglich zu erfassen, Kinder leiden noch mehr darunter. Dass einige der Mütter selbst nicht Lesen und Schreiben können, behindert natürlich die Entwicklung der Kinder, da sie bei Hausaufgaben keinerlei Hilfe haben. Ich freue mich daher sehr darüber, dass es jetzt auch an unserer Schule Frauenkurse geben wird und ich sie leiten darf.

Was vermisst du am meisten an Zuhause?
Ich würde gerne einmal in Freiheit und ohne Angst durch die Straßen von Damaskus schlendern, aber das ist ein Wunschtraum; nichts, was ich tatsächlich in meiner Zukunft für möglich halte.

Dir liegt der Englischunterricht besonders am Herzen, warum?
Es ist DIE Sprache. Ich glaube, dass Arabisch aussterben wird, auch hier im arabischen Raum gibt es immer mehr Nachrichtenmagazine und ähnliches, die bereits jetzt schon nur auf Englisch publizieren, ungeachtet dessen, dass sie damit nur einen bestimmten, gebildeten Bereich der Bevölkerung erreichen. Meiner Meinung nach wird das in der Zukunft noch drastisch zunehmen. Englisch wird die Kommunikationssprache auch im arabischen Raum werden und ich will, dass meine Phoenixkinder mitreden können, wo immer sie auch sind.

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