Libanon Tagebuch V – Tag 03 (Krokodile)

Heute waren wir in einem für den Ramadan geschmückten Shatila, um mit unseren Einkäufen die dort dringend benötigte Schule von B&Z zu unterstützen. Die Girlanden können über die große Armut der Menschen in Libanons größtem Flüchtlings-Ghetto mitten in Beirut leider auch nicht hinwegtäuschen. Die meisten „Wohnungen“ (heruntergekommene Zimmer in instabilen Häusern, in denen 10 Leute oft auf 35 Quadratmeter leben) haben weder fließendes Wasser noch Strom. Letzteres wird in abenteuerlichen Leitungssystemen provisorisch durch das Viertel geleitet und bei Regen sollte man lieber nicht barfuß durch die Straßen gehen….

Wir haben in Shatila wunderschöne neue Sachen eingekauft, die Sie unter anderem auf dem Sommerfest, mit dem wir am 16. Juni unseren 2. Zeltschule-Geburtstag feiern, kaufen können und damit doppelt helfen. Darunter sind auch die ganz neuen ANA Doll-Familien, die wir nach meiner Rückkehr auch in unserem Shop  haben.

Ich würde Ihnen auch gerne eine der (insgesamt 14) beeindruckenden Frauen vorstellen, die unsere ANA-Doll-Familien in Handarbeit hergestellt haben:  Hamida.
Wir kennen uns schon seit über einem Jahr und ich freue mich immer, wenn wir uns im Stickzimmer treffen und unterhalten können. Hamida ist 45, entstammt einem Beduinenstamm aus der Nähe Aleppos und hat ein sehr auffallendes Gesichtstattoo: ein Ornament an ihrem Kinn und kleine Tränen auf ihrer rechten Wange. Sie hat es bekommen, als sie 7 Jahre alt war. Die Beduinenstämme kennzeichnen ihre Kinder, so dass sie als Erwachsene nicht außerhalb des Stammes heiraten.

„Genützt hat das bei mir wenig“, lacht Hamida, denn die Feministin wollte gar nicht verheiratet werden, weder innerhalb noch außerhalb des Stammes,  nicht leben wie ihre Mutter.  Zur Schule konnte sie nicht gehen, weil ihre Eltern dafür nicht genug Geld hatten, nur ihre 2 Brüder konnten in den Unterricht. Hamida wurde zum Schafehüten geschickt, dabei hatte sie meist eines der Schulbücher ihrer wenig ehrgeizigen Brüder dabei und brachte sich selbst lesen und schreiben bei. Als sie mit 15 von ihren Eltern ersten Verehrern vorgestellt wurde, benahm sie sich extra kratzbürstig, damit die schnell das Interesse verloren. Hamida wollte eine richtige Arbeit, eine eigene kleine Wohnung in der Stadt, eine Tür mit einem Schlüssel, die sie hinter sich schließt…… „Verstehst du?“ fragt sie mich.  „Unabhängigkeit“ erwidere ich und sie lächelt und nickt, dankbar für das große Wort, das sie nicht auszusprechen wagte. Doch für Frauen mit kaum Bildung und noch weniger Geld gab es auch im relativ modernen Syrien keine wirkliche Unabhängigkeit; jede Arbeit, die sie ernährt hätte, erforderte Kenntnisse, die sie nicht hatte, und die ihr beizubringen sich niemand die Zeit nehmen wollte – man konnte ja stattdessen einfach einen Mann anstellen.

Mit 24 lebte sie immer noch bei ihren Eltern und konnte deren Lamentieren über die Schande, die sie über die Familien bringe, nicht mehr ertragen. Hamida gab nach. Doch  fürs heiraten war sie mit 24 eigentlich viel zu alt, alle gelichaltrigen Männer des Stammes waren bereits verheiratet.  Es fand sich nur noch ein weit älterer Witwer: 36 Jahre älter! Heute ist Hamida 45 und ihr Mann über 80, für die Versorgung der 5 Kinder (und ihres bettlägrigen Mannes) ist sie allein verantwortlich. Ihre älteste Tochter ist 17 und sie hat sie schweren Herzens heiraten lassen, um ihr das eigene Schicksal zu ersparen, die zweitälteste ist 14 und versorgt den senilen Vater während Hamida arbeitet.

„Sticken ist das einzige, was meine Mutter mir beibringen konnte. Als junges Mädchen wollte ich Englisch lernen, oder wie man einen Computer bedient oder Auto fährt, doch all das war in unerreichbarer Ferne und Sticken kam mir so sinnlos vor. Heute hilft es mir sehr.“

Dank ihrer Vorkenntnisse ist Hamida eine der schnellsten Stickerinnen bei B&Z geworden und die kleinen ANA-Dolls, also eines der Kinder der Familien, schafft sie mittlerweile an einem Nachmittag. Hamida gehört zu den beliebtesten Frauen bei B&Z, wann immer ich die Stickzimmer besuche, sind jüngere Frauen um sie herum versammelt und es wird viel gelacht. Bitterkeit ist ein Fremdwort für sie, das einzige, was ihr zu schaffen macht, ist dass ihre Töchter „Unabhängigkeit“, das große Wort, auch nie kennenlernen werden.
Hamida zuckt die Achseln, doch ihr Blick will die Gleichgültigkeit der Bewegung nicht bestätigen. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt sie leise und ich nicke betreten, während wir doch beide schweigend überlegen „Wie? Wie hätte es noch schlimmer kommen können?“

Wie viele geflüchtete Frauen hat auch Hamida Bedenken, ein Foto von sich veröffentlichen zu lassen.  Ich biete ihr an, nur ihre Hände beim Sticken zu fotografieren, doch Fallakh, ihre Stickkollegin, winkt lachend ab. „Hab dich nicht so, Hamida, mach einfach die Augen zu, dann erkennt dich keiner. Oder soll ich sie dir zuhalten? Oder besser das Kinn?“ Der ganze Raum lacht schallend während Fallakh Hamida unterschiedliche Gesichtsteile zuhält, und unsere trostlose Stimmung ist verflogen.

Danach ging unser Tag leider weniger amüsant weiter: 2000 Spielzeuge in 25 Kartons auf 5 Paletten haben wir  auf den Weg in den Libanon gebracht und die sind auch in Beirut angekommen – nur hat der Zoll sie noch nicht freigegeben.

Wer den Weg nach Cannossa für lang hält, hat die Korridore der Beiruter Zollbehörde noch nicht gesehen.  🙁
Drücken Sie mir die Daumen, dass wir die Spielzeuge noch vor unserer Abreise freigegeben bekommen und an die Kinder in unseren Camps verteilen können!

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