Libanon Tagebuch V – Tag 04 (Krokodile)

Vor 2 Tagen wurde eine obdachlose Frau, die in einem Auto wohnte und vom Betteln auf den Straßen Beiruts lebte, tot aufgefunden. Überall in der Stadt betteln die Menschen (meist Syrer), selbst mitten auf mehrspurigen Straßen (und trotz der chaotischen Fahrweise der Beiruter) klopfen sie an Fenster, bitten um ein wenig Kleingeld. Nun hat man mittlerweile herausgefunden, dass die Frau (Gott sei Dank eine Libanesin!) ein Bankkonto besaß und Millionärin war! Die libanesische Presse spielt verrückt und die Dame ist auf allen Titelseiten.

Realistisch gesehen sind mindestens 80% der Bettler auf Beiruts Straßen syrische Frauen und Kinder, und deren Leben hat sie (obwohl sie Libanesin war) sehr viel härter gemacht, denn selbst wir hören jetzt täglich mehrmals „jaja, und in Wirklichkeit bist du wahrscheinlich sehr viel reicher als ich!“ wenn gebettelt wird, was oft der Fall ist, denn auf dem zehnminütigen Fußweg von unserem Hotel zum nächsten Supermarkt z.B. werden wir bestimmt 5mal angesprochen.

Eine Frau, die selbst fast ein Jahr vom Betteln leben musste, ist Senab aus Shatila, ebenfalls eine unserer Stickerinnen der ANA Dolls.

Senab ist 19 Jahre alt und kommt aus Homs. Ihre  Eltern und kleineren Geschwister leben in unserem Tigercamp. Senab  ist seit 2 Jahren verheiratet und mit ihrem Mann nach Shatila gezogen, weil ein Freund ihm dort (illegale) Arbeit versprochen hat, die sich dann doch als zu riskant entpuppte. Da man bei B&Z erst mit 18 anfangen darf, hat Senab ein Jahr lang auf der Straße gebettelt und das Wenige, was sie dort an Münzen bekam, musste zum Leben reichen. Wie man ein Bankkonto eröffnet, weiß sie gar nicht, ganz zu schweigen davon, dass sie sich keine Illusionen darüber macht, dass sie jemals Geld hätte, das sie nicht sofort in Essen umsetzen müsste.

Bei meinem langen Gespräch mit Hamida gestern über deren Töchter wurde sie stiller und stiller. Kinder sind ein schwieriges Thema für Senab – weil sie noch keine hat. Was im Westen für eine 19jährige eine durchaus gute Nachricht ist, kann hier eine Katastrophe sein: 2 Jahre Ehe ohne Kind sorgt hier für Gesprächsstoff. Stimmt etwas nicht mit Senab? Denn es liegt (selbstverständlich) immer an der Frau. Laut Koran hat ein Mann das Recht, sich von einer unfruchtbaren Frau scheiden zu lassen – oder sich einfach eine Zweitfrau zu nehmen. Senab kann sich gar nicht entscheiden, welche Variante sie schrecklicher fände: mit einer fremden Frau in ihrem grauenhaften, ohnehin viel zu kleinen Kämmerchen in Shatila zu leben (und dann womöglich auch noch mit den Kindern, die sie zur Welt bringt) oder geschieden zu werden, allein ins Tigercamp zu ihrer Familie zurückkehren zu müssen, die Schande zu ertragen, ein Leben lang die geschiedene Frau und allein zu sein, denn niemand heiratet eine unfruchtbare Frau. Ärzte sind in Shatila Mangelware und selbst wenn Senab das Geld für einen Arztbesuch hätte (was sie nicht hat), würde eine Diagnose allein ihr nicht helfen, vor allem, da nur sie untersucht werden könnte, ihr Mann würde sie nie dorthin begleiten. Als ich sie heute nochmal besuche, ist Senab in Tränen aufgelöst. Das Fasten macht sie schwach und sie befürchtet, dass es Einfluss auf ihre Fruchtbarkeit in diesem Monat nimmt, doch wenn sie nicht fasten würde, hätte sie Angst, dass Allah sie dafür weiter mit Kinderlosigkeit bestraft.

Wenn Frauen im Westen glauben, ein Kind zu bekommen würde ihre Probleme lösen, schrillen bei mir normalerweise alle Alarmglocken – doch hier sind die Möglichkeiten für Frauen, sich ein Stück Sicherheit und Glück zu erkaufen leider oft sehr begrenzt. Deswegen mache ich mich heute auf den Weg in eine Apotheke und besorge ihr Ovulationstests und ein Hormonstimulanz, das dafür sorgen soll, dass ihre Eizellproduktion angeregt wird, für 4 Zyklen.  Ich sage ihr, dass das nur ein Versuch ist, dass ich nichts versprechen kann, dass es an ihrem Mann liegen könnte oder 100 anderen Sachen, für die wir einen Arzt bräuchten, doch Senab fällt mir glücklich um den Hals. „Wird er 4 Monate warten, ehe er dich verlässt?“ frage ich und Senab nickt. Ihr Mann ist 21, sie kennen sich, seit sie kleine Kinder sind, sie führen eine gute Ehe, sagt sie, er will sie nicht verlassen, aber er müsste, denn ein Mann ohne Kinder bringt Schande über seine ganze Familie.

Ansonsten war heute  ein Tag der administrativen Aufgaben, die leider auch wichtig sind.
Wir waren noch einmal beim Zoll und haben (hoffentlich) unsere 2000 Spielzeuge einen Schritt weiter gebracht, so dass wir sie nächste Woche in den Camps verteilen können.

Wir waren auch bei der AUB, der „American University in Beirut“, die uns dankenswerterweise in diesem Sommer sehr unterstützen wird: die Musik-Abteilung wir in unseren Camps einen Chor gründen und ihnen 3x wöchentlich Gesangsunterricht geben und Psychologiestudenten werden Trauma-Therapien bei unseren besonders traumatisierten Kindern durchführen. Außerdem dürfen 6 unserer Lehrer als wissenschaftliche Mitarbeiter an ihren freien Tagen in der AUB mitarbeiten und werden dafür ein Zertifikat bekommen, das ihnen in der Zukunft nach dem Krieg bei Bewerbungsgesprächen viele Türen öffnen wird.

Morgen beginnt dann die Kür unseres Aufenthaltes hier: wir fangen an den Inhalt unserer 15 Koffer in den Camps zu verteilen und freuen uns darauf schon mindestens so sehr wie die Kinder in unseren Zeltschulen!

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