Libanon Tagebuch V – Tag 05 (Krokodile)

Dass das ein guter Tag werden würde, stand bereits heute früh um 5.30 Uhr fest. Da kamen wir nämlich aus unserem Zimmer um uns auf den Weg nach Beqaa zu machen und vor der Tür stand eine fremde Frau mit einem komisch geformten Paket in der Hand. Sie trug das Hotel-Label an ihrem Shirt, doch obwohl wir in dem kleinen Hotel in Hamra, in dem wir immer wohnen, schon fast alle Mitarbeiter kennen, hatte ich sie noch nie gesehen. Sie sei Syrerin, erzählte sie mir hastig, ihre Eltern seien tot, aber Tante, Onkel und die Cousins und Cousinen leben in unserem Zebracamp. Ihr habe ein Freund den Job hier im Hotel besorgt, doch man beschäftige sie nur da, wo sie keinen Kontakt mit Gästen habe, weil man an ihrem Dialekt sofort hört, woher sie kommt, und Syrer ja keine Arbeitserlaubnis haben. Schon bei meinem letzten Aufenthalt hier habe sie mir ein Geschenk machen wollen, mich aber nie getroffen (weil wir meistens nur zum Schlafen im Hotel sind), deshalb habe sie heute einfach vor dem Zimmer campiert.

Sie hält mir das in Knallfolie gewickelte Paket entgegen und ich sehe, dass es 2 Flaschen sind, und muss sofort lachen.

Meine Obsession mit Em Nazihs (das Restaurant im Hotel)  Limonade (dass ich etwa morgens um halb 6 rasch einen Becher exe ehe wir losfahren oder den „Cocktailgutschein“, den jeder beim Einchecken bekommt, immer in 2 Limonaden umtausche)  ist der Running Gag unter den Hotelmitarbeitern. Es ist die beste Limonade der Welt, sehr sauer, schmeckt eigentlich so, als hätte man 20 Zitronen, ein Büschel Minze und nur 2 Tropfen Wasser miteinander gemischt, aber dieses „Rezept“ habe ich schon in 1000 Variationen zuhause probiert und es schmeckt nie so wie hier. Es muss eine geheime Zutat geben und leider verkauft Em Nazih ihre Limonade nur becherweise. In den beiden Flaschen waren aber eindeutig die gelbgrünliche trübe Flüssigkeit.  „Ich habe nichts anderes, was ich dir schenken könnte“, sagt sie leise. „Möge Gott dich beschützen.  Und wenn er es nicht tut, wird Allah es tun!“
Sie ist weg noch ehe ich sie nach ihrem Namen fragen kann.

Der 2. Höhepunkt des Tages kommt 2 Stunden später nach der Ankunft in Beqaa: Yehya nennt mich Jacqueline. Unglaublich. Es könnte das Delirium von 44 Grad und kein Wasser (Ramadan) sein, aber ich freue mich trotzdem, vor allem über sein hochrotes Gesicht. Ich bin nicht mehr „Madame“ und alles was dazu nötig war, waren 2 Jahre, 2000 Kinder und 12 Schulen.

Besser kann es nicht mehr werden? Von wegen: denn jetzt machen wir uns auf den Weg zur Krokodilschule, die wir heute eröffnen.

Die Krokodilschule wurde vor allem durch 2 große Aktionen finanziert: unser Bavaria-Event, an dem 2299 Kinder zur Bavaria pilgerten, um sich auf einem großen Wandbehang zu verewigen, und dem „Run for Help“ der Münchner Klenzeschule, bei dem alle Klenzeschüler einen Vormittag lang Marathonrunden gedreht haben und pro Runde Spenden für uns erliefen. Bei beiden Veranstaltungen zusammen kamen über 20.000 Euro zusammen, daher vielen Dank an die TOOLPORT FOUNDATION, die das Bavaria-Event gesponsert hat und vielen Dank an die Klenze-Familien, die den Run for Help sponserten. Unseren Krokodilkindern habe ich natürlich von beidem erzählt und stolz hielten sie sowohl den Bavaria-Wandbehang wie auch den der Klenze-Kinder hoch. Beide werden zukünftig die Wände der Schule schmücken.

Am Bavaria-Event haben auch Schulen und Kindergärten teilgenommen, die zu weit weg wohnen, um direkt am Bavaria-Event teilzunehmen und doch gepilgert sind, auch euch herzlichen Dank für eure kleinen Wandbehänge, die auch so viel zu unserem großen ganzen Spendenergebnis beigetragen haben, und über die sich die Krokodilkinder sehr freuten.

Auf der langen Heimfahrt denke ich darüber nach, ob ich den Zoll in Beirut wohl dazu bringen kann, mich die 2 Liter unidentifizierbare, unbeschriftete, trübe Flüssigkeit mit ins Handgepäck nehmen zu lassen….. Hmm, vermutlich eher nicht. Also doch in einen der Koffer und beten, dass sie nicht ausläuft. Wenn sie bald am Münchner Flughafen jemanden einen Nervenzusammenbruch neben einem tropfenden Koffer erleiden sehen, das bin vermutlich ich.

Drücken Sie uns die Daumen, dass wir morgen wieder so einen guten Tag haben!

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