Libanon Tagebuch V – Tag 07 (Krokodile)

Heute waren wir nochmal auf „Abschiedstournee“ in allen Camps, auch wenn wir natürlich (wie Elton John) trotzdem immer wiederkommen und wir allen versichert haben, dass der Abschied nicht für lange ist.

Neben unseren restlichen Shirts haben wir heute vor allem auch 700 Bücher an allen Schulen verteilt, da es uns von Beginn an ein ganz besonderes Anliegen ist, dass die Kinder Freude am Lesen (und damit an Wissen , Phantasie, Bildung, Abenteuer….) entdecken. Die Geschenke markieren dieses Jahr zum ersten Mal auch den „letzten Schultag“, denn wir werden dieses jahr erstmalig im Ramadan unsere Schulen für 2 Wochen schließen (ab morgen), da es heute unglaubliche 47 Grad in Beqaa hatte (für Mai selbst hier sehr ungewöhnlich)  und da die meisten Kinder und alle Lehrer fasten, ist das bei dieser Hitze nicht machbar.

Natürlich haben wir uns auch von den Kindern verabschiedet, die uns (und vielleicht mittlerweile auch Ihnen) besonders am Herzen liegen. Luna aus dem Phoenixcamp z.B., das erste Kind, das ich dort kennengelernt hatte und das bei ähnlichen Temperaturen wie wir sie heute haben, einen dicken Pullover trug, weil sie nichts anderes hatte.

Luna und ihre Geschwister besuchen täglich die Phoenixschule und ihre Mutter ist bereits für unser Erwachsenenprogramm angemeldet, das nach dem Ramadan in der Phoenixschule startet. Ihre Familie ist immer noch sehr arm, auch das ist etwas, was wir bei aller Euphorie über das erreichte in unseren Schulen nicht vergessen dürfen: wir sind (Gott sei Dank!) in der Lage, unsere Flüchtlinge mit dem nötigsten zu versorgen, niemand muss hungern, jedes Kind hat Zugang zu Bildung. Aber es ist nur das: das Nötigste. Wer glaubt, die Flüchtlinge würden in unseren Camps ein bequemes Dasein führen, weil sie von uns ein Rundum-Paket bekommen, der irrt sich leider. Aber Lunas Familie hat keine Angst mehr, den nächsten Monat nicht zu überstehen und sie haben Hoffnung für die Zukunft, weil ihre Kinder zur Schule gehen können.

Auch nach Djamilie bin ich in Deutschland oft gefragt worden. Auch bei ihr hat sich viel verändert. Sie weicht Lilith immer noch nicht von der Seite, wenn wir dort sind, aber sie ist sehr viel aufgeschlossener und fröhlicher geworden. Das hängt vor allem auch damit zusammen, dass eine Cousine der Mutter aus Syrien gekommen ist, um bei ihr, ihrem kleinen Bruder und dem blinden Vater einzuziehen.  „Sie ist jetzt nicht mehr ohne Mutter“, sagt ihr Vater zu mir, doch Djamilie unterbricht ihn sofort. „Ich bin immer noch ohne Mutter. Aber nicht mehr ohne Hilfe.“ Bald wird sie noch mehr Hilfe haben, wir haben sie nämlich auf die Liste der traumatisierten Kinder gesetzt, die nach dem Ramadan kostenlose Traumatherapien von Studenten der AUB bekommen, um ihr jede Möglichkeit zu geben, die wir können, um über den Tod ihrer Mutter und das grauenhafte erste Jahr, in dem sie sich um alles kümmern musste, hinwegzukommen.

Mit Linus‘ Freund Haleb hatte ich heute noch ein sehr interessantes Gespräch über Prinzessinnen. Haleb hat vor 3 Tagen eine kleine Schwester mit Namen Amira bekommen, was übersetzt „Prinzessin“ heißt. Er fragt mich, ob ich weiß, dass am selben Tag in Deutschland eine Prinzessin geheiratet hat. Ich erkläre ihm, das das nicht in Deutschland war, sondern in England und zeige es ihm auf der Karte im Klassenzimmer. Ob ich sie gesehen habe, fragt er mich, und ich verneine, suche aber auf dem Handy Fotos der Hochzeit und zeige sie den Kindern. „Es ist eine besondere Prinzessin“, erkläre ich ihnen, „eine, die nie eine sein wollte. Eine Frau mit Beruf, schon 36 Jahre alt und geschieden. Und sie ist keine Weiße, sie ist Afro-Amerikanerin.“ Erschreckend aber wahr: zuerst glauben die Kinder mir gar nicht. Die größeren lesen selbst laut die Wikipedia-Seite vor, um die anderen zu überzeugen. Eine geschiedene Prinzessin? So alt bei der Heirat? Und nicht weiß?

„Aber dann ist sie ja wie allen anderen Mädchen. Dann kann ja jedes Mädchen eine Prinzessin werden, sogar Amira!“, sagt Haleb schließlich nüchtern und ich beglückwünsche ihn zu dieser Erkenntnis. Er überlegt und ich sehe in seinem Gesicht, dass er dasselbe denkt wie ich: es ist so viel möglich – aber in seinem Leben so wenig wahrscheinlich. Schon Normalität wäre ein Geschenk. „Vermutlich wird Amira nie Prinzessin sein“, lenke ich ein,  „aber vielleicht eine gebildete, unabhängige, erfolgreiche junge Frau, die selbst über ihr Leben bestimmt?“ Haleb nickt nachdenklich. „Das wäre ja fast wie eine Prinzessin“, sagt er dann. Kluger Junge!

Wir kommen bald wieder, versichern wir den Kindern – und Ihnen versichern wir, dass wir noch viel vorhaben in den Camps, dass wir weiter versuchen werden, das Leben dieser Kinder auf jede erdenkliche Art und Weise, die uns möglich ist, zu verbessern – mit Ihrer Hilfe und Ihren Spenden.

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2 Kommentare

  • Patrick Hoese

    Ich danke Ihnen für Ihre Tagebucheinträge, die ich immer sehr gern lese. Berührend, informierend und sehr authentisch. Hier im sicheren Deutschland bekommt man gar nichts über die vielen Schicksale der Menschen in der Bekaa-Ebene mit. Umso mehr bewundere ich Ihren steten Einsatz für diese Menschen. Es ist so wichtig ihnen zu zeigen, dass sie in ihrer elenden Not nicht ganz allein sind. Machen Sie weiter so!!

  • Ich danke Ihnen Frau Flory für die aufopferungsvolle, aber dankbare Arbeit, die Sie und Ihr Verein im Libanon leisten. Der Verein NoaH wird auch wieder eine kleinen Betrag leisten.
    Alles Gute für Sie.
    Astrid Pautzke

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