Sich das Leid von der Seele schreiben – Literatur in Syrien

Es gibt weiß Gott nicht viel Gutes über den grauenvollen Krieg in Syrien zu berichten, außer vielleicht dieser einen Sache: der syrischen Literatur hat er zu einem unglaublichen Aufschwung verholfen.  Der Kulturraum, der vor 1000 Jahren noch die schönste Lyrik der Welt produzierte, ist zu einer Region der Nicht-Leser (oder zumindest der Ausschließlich-Koran-Leser) geworden; und das in so einem Ausmaß, dass im arabischen Raum keine auch nur im entferntesten mit dem Westen vergleichbare Literaturszene existiert. Doch in einem Land, in dem es immer lebensgefährlicher wird, zu sagen was man denkt,  kann das Erlebte oft nur verarbeitet werden, in dem man es sich von der Seele schreibt.

Tragische, schöne, schreckliche, atemlose, schmerzvolle Texte sind so entstanden, die es mehr als verdient haben, gehört zu werden. Einige möchte ich Ihnen in den nächsten Wochen hier vorstellen.

Den Anfang macht die syrische Autorin Dima Wannous.

Dima wurde 1982 in Damaskus geboren und lebt jetzt in Beirut. Wir treffen uns immer im selben Restaurant, wenn ich in Beirut bin und wir sprechen eigentlich auch immer über dieselben Dinge: die Aussichtslosigkeit eines baldigen Friedens in Syrien, das Chaos in Beirut und Bücher.  Stundenlang fragt sie mich über Bücher aus, die ich gelesen habe, denn Dima liest nicht mehr. Einer der vielen Verluste des Krieges. Ihr Verstand lässt das Erlebte nicht lange genug los, um wirklich in eine andere Welt einzutauchen, um sich auf die Worte in einem Buch ohne Krieg einzulassen, um für ein paar Stunden „abzuschalten“. Denn der Krieg zuhause hat ja auch keinen „Aus“-Knopf.

Ihr erster Roman „Dunkle Wolken über Damaskus“ erschien 2007 auf Arabisch; ein Anti-Assad-Roman lange bevor die Welt wirklich Notiz von dem Diktator nahm. Übersetzt wurde das Buch erst 2014, als Dima längst im libanesischen Exil war und die Zeit der uneingeschränkten Macht des Diktators, die sie in ihrem Debüt beschreibt, wirkt mittlerweile fast surreal in Anbetracht der unkontrollierten (und unkontrollierbaren)  Gewalt, die jetzt in Syrien herrscht. Mittlerweile würden viele die frühere Unterdrückung den heutigen Kriegsgrauen vorziehen, doch Dima ist eine leidenschaftliche Verfechterin der Revolution: das Assad-Regime müsse gestürzt werden, um jeden Preis.

Auf Arabisch heißt ihr erstes Buch „Tafasil“, was übersetzt „Detail“ heißt, und eben diese Liebe zu den Details ihrer Protagonisten machen das Buch so lesenswert: neun vollkommen verschiedenen Menschen folgt sie in den Alltag der Diktatur, der Querschnitt einer totalitären Gesellschaft.

„Das erste Porträt in meinem Buch, ist das von Dschafaar, einem Verantwortlichen des Sicherheitsministeriums und seinem Sohn Udai. Dschafaar lebt ein vollkommen „normales“ Leben: Er hat eine Familie, Kinder, er hat Bedürfnisse und Freunde, er empfindet Schmerz und Freude. Er foltert und tötet am Morgen und kommt abends nach Hause, um mit seinen Kindern zu spielen oder mit seinen Freunden etwas Trinken zu gehen, als wäre nichts Besonderes vorgefallen. Ich kenne viele solcher Fälle aus Syrien, aus Libyen, aus dem Irak. Sie nehmen anderen das Leben und kosten ihr eigenes mit allem zur Verfügung stehenden Luxus über alle Maßen aus.“ 

Mittlerweile ist ihr zweiter Roman erschienen, im August kommt er auch in der deutschen Übersetzung auf den Markt, in dessen Mittelpunkt der Psychologe Nassim steht: „Die Verängstigten“.  Der Name ist Programm: nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, das sich so konsequent mit der Angst auseinandersetzt, und zwar mit der schlimmsten Form: die Angst vor der Angst.

„Ich habe am Konzept der Angst gearbeitet weil die Menschen in Syien – oder allen anderen Ländern, die unter einem totalitären Sytem sind – sich nicht nur vor dem Regime fürchten. Sie fürchten sich davor sich zu fürchten. Das ist der Zustand, der der eigentlichen Angst vorangeht, das heißt, sie haben bereits Angst weil sie wissen, dass sie bald Angst haben werden. Das Gefühl lähmt und spielt dem Regime daher in die Hände.“

Dima ist nicht nur eine Oppositionelle, sie ist auch Alewitin, sie gehört also der religiösen Minderheit eben des Regimes an, das sie so verabscheut. Ihre Lage wird durch ihre Religion nur verschlimmert: Sunnitische Rebellen kann Assad zwar auch nicht tolerieren, aber immerhin verstehen, alawitische Rebellen sind Verräter. Dima bekommt sogar von Familienmitgliedern Morddrohungen. Nach Syrien kann sie niemals zurückkehren, egal, welches Ende der Krieg einmal nehmen wird.  Doch die verlorene Heimat lässt sie nicht los, sie hat schon mit einem weiteren Buch begonnen, nur um sie ein wenig aufzuziehen frage ich sie, worum es darin geht. Sie starrt mich entgeistert an: „Um Syrien natürlich. In meinem Kopf ist im Moment kein Platz für Fiktion, ich kann mir nichts ausdenken, mein Kopf ist voll von Krieg.“

 

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.