Sich das Leid von der Seele schreiben…… Teil 2 – Samar Yazbek

Die Syrische Schriftstellerin und Regimegegnerin Samar Yazbek lebt seit 2011 in Paris im Exil, doch die Heimat lässt sie weder künstlerisch noch persönlich los: über die Türkei reiste sie wiederholt heimlich nach Syrien ein, besuchte Freunde und Familie, führte Interviews, schrieb.

Syrien verfolgt sie, wie so viele Syrerinnen, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, zerrissen zwischen Schuldgefühl und Erleichterung:

„Ein Exil, das von neuen sozialen Kommunikationsmitteln, Berichten und Fotos der sich überschlagenden Ereignisse überschwemmt wird, ist kein Exil mehr!“

Hier auf dem Blog haben wir sie schon einmal vorgestellt, als Mitbegründerin der feministischen Organisation „Women Now For Development“. Dass wir heute noch einmal über sie berichten hat mehrere Gründe:

  1. Frauen wie Samar sind die Heldinnen unserer Zeit und jeder sollte ihre Namen kennen
  2. ihre Bücher und ihr Werk abseits dieser Bücher verdienen Aufmerksamkeit und Respekt
  3. wie Dima Wannous Bücher, über die wir letzte Woche berichteten, werden auch Samars Bücher in den Flüchtlingscamps von Zeltschule e.V. (www.zeltschule.de) an die Frauen, die am Alphabetisierungskurs teilnehmen, verteilt werden, weil es unser Ziel ist, diesen Frauen nicht nur das Lesen beizubringen, sondern ihnen die Macht des Lesens zu vermitteln, ihnen zu zeigen, dass Frauen etwas zu sagen haben, dass sie machtvolle Texte verfasst haben, die zu lesen auch ihr Leben verändern und bereichern kann.

Samar Yazbek darf bei diesen Autorinnen keinesfalls fehlen.

Samar ist Alawitin und ihre Familie gehörte zuhause zu den wohlhabendsten und bedeutendsten im Süden Syriens. Sie ist sogar mit Osama Bin Laden verwandt, er war der mann ihrer Tante mütterlicherseits. Sie spricht nicht gerne über ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Familie, will ihnen nicht noch mehr Probleme verursachen, als sie es ohnehin schon tat, kann aber über viele Differenzen nicht hinweg sehen. Als Teenager wurde sie verheiratet und bekam mit 16 eine Tochter, mit 19 verließ sie ihren Mann, rannte mit ihrer Tochter davon, brachte Schande über ihn und ihre eigene Familie. Ihre Brüder werden als „unmännlich“ angesehen, weil sie sie nicht umgebracht haben nach dieser Schmach. Viele glaubten damals, sie habe sich in einen anderen Mann verliebt, zu dem sie weggelaufen war. Dass sie einfach nur weg wollte, allein sein mit ihrem Kind, unabhängig, dass sie frei sein wollte zu schreiben…… das glauben ihr bis heute viele nicht. Zu fremd ist der Gedanke einer Frau ohne den „Schutz“ eines Mannes.

Später, als sie tatsächlich anfing, Texte zu veröffentlichen, wurde es für sie und ihre Familie noch schlimmer: sie schreibt über Feminismus, lesbische Liebe, Freiheit, Revolution. Aus der Schande für die eigene Familie wird etwas viel größeres: eine Verräterin des Landes.

2011 tut sie das, wovon sie sich geschworen hat, es nie zu tun: sie flieht vor dem Regime. Monatelang hatten sie und ihre kleine Tochter sich Nacht für Nacht bei anderen Freunden versteckt, doch es wurde immer klarer, dass sie jeden, der sie aufnimmt, in Gefahr bringt.

„Eine Frau wie ich macht das Leben schwierig.“

Sie kapituliert und flieht mit ihrer Tochter nach Frankreich. Aber dank dem Internet ist sie immer noch so sehr im Krieg als wäre sie zuhause, nur ist es nicht mehr ihr Krieg. „Die gestohlene Revolution“ heißt eines ihrer großartigen Bücher, das 2015 erschien, und wer die Revolution gestohlen hat, weiß Samar ganz genau:

„Assad hat das Land verkauft. Es wird von ihm und fremden Kämpfern beherrscht. Und auch von Iran und Russland. Das ist wie eine Besatzung. Dafür ist Assad verantwortlich, aber auch die Welt. Und die Regionalstaaten, denen es nur um ihre eigenen Interessen geht. Es handelt sich um eine Zerstörung des ganzen Landes.
Syrien ist so zum Magneten für extremistische Kämpfer aus der ganzen Welt geworden. Der IS ist nicht aus der syrischen Bevölkerung erwachsen, sondern von außen gekommen.
Die Revolution hat nichts mehr damit zu tun, wie sie angefangen hat, mit ihren Forderungen nach Demokratie und Gerechtigkeit.“

Wie viele andere ist sie der Ansicht, dass es keinen Frieden mit Assad geben kann, dass das Land nicht zur Ruhe kommen wird, so lange er an der Macht ist, dass der Westen, wenn er über „diplomatische Lösungen“ spricht, den Oppositionellen ins Gesicht schlägt, sich nicht im entferntesten bewusst ist, welch hoher Preis bereits bezahlt wurde.

Samars ganz persönlicher Preis schien manchmal unbezahlbar: seit sie ihren Mann verließ ist sie vollkommen auf sich allein gestellt. Jahrelang hielt sie sich und ihre Tochter nur durch mehrere Jobs knapp über der Armutsgrenze, wurde in Mietshäusern, in denen sie kleine Zimmer mit ihr bewohnte, immer wieder angefeindet, immer wieder zum gehen gezwungen. Dann der Bruch, das fremde Land, Isolation für Samar, die kein Englisch spricht, im fremden Europa. Eine Tochter in der Pubertät, die die Mutter zwar bewundert, ABER (das grauenhafteste Wort der Welt) sich auch sehr bewusst darüber ist, wie viel harmonischer, wie viel ruhiger und wie viel einfacher das Leben hätte sein können, wenn Samar selbst ein wenig einfacher, ein wenig angepasster wäre. Ihre Tochter fühlt sich als Französin, Revolution interessiert sie nicht.

Das sei gut, meint Samar, es bedeute, dass das Verlassen von Syrien wenigstens dazu geführt habe, dass ihre Tochter ein normaleres Leben führen könne, ABER (schon wieder das furchtbare Wort) es ist auch schwer für die kämpferische Mutter ein kriegsmüdes Kind im Nebenzimmer zu haben, das selbst wohl nie auf die Barrikaden gehen wird.

ABER (und nun benutze ich das Wort selbst): es gibt so viele andere Töchter, Mütter, Schwestern….., die sie mit ihren Texten erreicht, denen sie Mut macht, die sie wissen lässt, dass sie nicht allein sind. In ein paar Wochen auch in unseren Camps an der syrischen Grenze. Mit ihren Büchern geht die Revolution weiter und diese Revolution des geschriebenen Wortes kann man ihr nicht stehlen.

Und dann ist da natürlich noch ihre Arbeit für „Women Now for Development“:

Seit Jahren habe ich eine Organisation für Frauen an der Front, in Flüchtlingslagern. Tausende Frauen sind in diesem Netzwerk. Wir versuchen, sie zu politisieren, ihnen ökonomisch weiterzuhelfen, um so eine Grundlage für eine Zivilgesellschaft zu schaffen, für die Zeit nach dem Krieg. Aber diese Arbeit ist die Hölle, denn wir befinden uns zwischen zwei Bestien. Da sind die religiös-extremistischen Gruppierungen, die Frauen für Wesen zweiter Klasse halten. Die andere Bestie ist das ständige Bombardement.

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