Asma al Assad

84565876_FirstLady_134127c

Syriens First Lady hat Brustkrebs und der Palast gibt es in einem offiziellen Statement zu. Für die Assad-Familie ist das sehr ungewöhnlich, aus mehreren Gründen: Krankheiten bedeuten Schwäche, als beispielsweise Baschar al-Assads Vater Hafiz schwerkrank wurde, wurde das geheim gehalten und erst vom israelischen Geheimdienst herausgefunden. Außerdem ist es Brustkrebs und das Wort Brust kommt nicht in der alltäglichen Konversation in Syrien vor, es ist etwas sexuell behaftetes, über das man nicht spricht. Es gibt Frauen mit Tumoren in der Brust, die das aus Scham sogar ihrem Ehemann vorenthalten. Der Palast jedoch postet Fotos von Asma und ihrem Mann in einem Krankenhaus, während sie eine Infusion bekommt.

Das hat selbstverständlich vor allem politische Gründe: das Paar will Offenheit und Modernität demonstrieren, und natürlich auch Sympathien im Volk zurückgewinnen. Deshalb der Schritt in die Sozialen Medien und deswegen wird Asmas Erkrankung auch sofort instrumentalisiert. Asma tweetet: „ich komme aus diesem Volk, das die Welt Entschlossenheit, Stärke und den Kampf gegen Schwernisse gelehrt hat. Meine Entschlossenheiten kommt von eurer Entschlossenheit und Stärke in den vergangenen Jahren.“

Krebs als Kriegspropaganda. Asma soll wieder zu einer Frau aus dem Volk werden, die deren leiden teilt, obwohl sie das nie war.

Es wird Zeit, sich das Leben der First Lady Syriens noch einmal genauer anzusehen:

Im Londoner Stadtteil Acton, wo sie aufwuchs, nannte sie sich Emma um besser zu den Freundinnen der teuren Privatschulen zu passen, die sie besuchte. Die syrische Herkunft war zwar nicht wirklich störend, aber irrelevant in Asmas Leben. Sie war Tochter aus bestem Hause (der Vater war ein angesehener Kardiologe) und Asmas Lebens unterschied sich nur insoweit von dem ihrer Mitschülerinnen, dass sie manchmal in den Ferien nach Syrien fuhren statt an die Cote d’Azur. Mit nur 21 Jahren schloss sie ihr IT-Studium am berühmten King’s College in London mit Auszeichnung ab und begann ihre Bilderbuchkarriere, als Hedgefund-Analystin für die Deutsche Bank, später für JP Morgan.

Verliebt hat sie sich in einen Londoner Augenarzt namens Baschar, der so computerbegeistert ist wie sie und der eigentlich nie dafür vorgesehen war, die Nachfolge seines Vaters Hafiz al-Assad als syrischer Staatspräsident anzutreten, doch der überraschende Tod seines Bruders  Basil (dem Thronfolger), ließ ihm keine Wahl. Als Baschar im Jahr 1994 praktisch über Nacht nach Damaskus beordert wird, ändert sich damit auch Asmas Leben. Sie, die Syrien nur aus ein paar Ferienaufenthalten als Kind bei ihrer Großmutter kennt, pendelt plötzlich regelmäßig zwischen Damaskus und London.

Im Sommer 2000 stirbt Hafiz und mit nur 34 Jahren wird Baschar syrischer Präsident (sogar die Verfassung musste für ihn geändert werden, denn das Mindestalter für Präsidenten lag bei 40 Jahren). Im November kündigt Asma ihren lukrativen Job in London, bricht alle Brücken ab und zieht zu ihm nach Damaskus; im Dezember sind sie bereits verheiratet. Das Tempo wird beibehalten: An ihrem vierten Hochzeitstag haben sie bereits drei Kinder, die beiden Söhne Hafiz und Karim und Tochter Zein.

assadPrivateJet_2283532bAsma inszeniert sich als eine Art orientalische Lady Diana, Bindeglied zwischen Volk und Herrscher, Vertreterin eines moderneren Syriens. Als auf den kurzen Arabischen Frühling und Baschars Angst vor den eigenen Reformen der Arabische Winter folgt, hält sie mit einer Reihe öffentlicher Auftritte und zahlreichen publizierten Fotos aus dem Familienalbum dagegen.

al-Assad-FamilySie bringt ihre Kinder persönlich zur Schule (Montessori natürlich) und widmet sich tagsüber diversen karitativen Initiativen. Ihr Schwerpunkt liegt auf einem Projekt für die Kinder Syriens, das sie ins Leben rief, und das ironischerweise fit for change heißt.

assadCamera_2283522kElf Jahre lang arbeitet Asma beharrlich an ihrem Image, innerhalb und außerhalb des Regierungspalastes. Für Baschars Familie ist sie eine Britin, und eine sunnitische noch dazu. Eine Fremde, die keine Ahnung vom Land und dem Klan hat. Das Volk macht es ihr leichter. Sie ist mit Abstand das beliebteste Mitglied der Herrscherfamilie; schön, greifbar, engagiert. International dagegen ist sie immer noch nicht im Kreis der westlichen Royals und Regierenden angekommen. 2005 hatte sie einen ersten kleinen Erfolg bei der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. Weltweit wird die Trauerfeier übertragen und die zierliche, schöne Frau mit schwarzem Spitzenschleier auf dem Kopf, die da wie selbstverständlich mit Cherie Blair oder der Königin von Spanien Smalltalk macht, lässt einen fast vergessen, zu fragen, was um alles in der Welt Asma al-Assad auf der Beerdigung des Papstes verloren hat. 2010 engagiert man schließlich Profis, die amerikanische PR-Agentur Brown Lloyd James (die sind schwere Fälle gewöhnt, die sollten auch schon Gaddafis Image aufpolieren), um endlich auch auf internationalem Parkett Fuß zu fassen. Und tatsächlich: Vogue ist bereit, ein Portrait über die orientalische First Lady zu bringen. Der rührselige Hochglanz-Artikel von Joan Juliet Buck trägt schließlich den Titel „A Desert Rose“ und zeigt Fotos einer ätherisch wirkenden Asma, die einerseits tiefsinnig über die Dächer von Damaskus blickt, andererseits aber auch sehr gerne über Designer und Shopping-Tipps plaudert (also über Dinge, zu denen „ihr Volk“ seit langer Zeit keinen Zugang hat). Dem generellen Eindruck, dass Syrien viel moderner und menschenfreundlicher ist als es in der Öffentlichkeit dargestellt wird, sollte das im Vogue-Portrait keinen Abbruch tun.

Noch während Buck in Damaskus „recherchierte“, verbrannte sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid und der Arabische Frühling beginnt – nicht dass das im Vogue-Artikel Erwähnung findet, nein, nein, das ist nur eine Anmerkung von mir. Das peinliche Schundblättchen mit den 11 Millionen Leser(innen) lag noch in allen Kiosken aus, als die Revolution im März 2011 Syrien erfasst. Anna Wintour entschuldigte sich öffentlich und für eine lange Zeit war der Artikel aus dem Netz verschwunden – zusammen mit seiner Autorin, die sofort entlassen wurde. War wohl nix mit dem modernen Syrien. Das Wüstenmärchen entpuppte sich als Farce, die „Desert Rose“ hat zu viele Dornen.

Am 29. April 2011 wird der 13-jährige(!!!) Hamza Ali al-Khateeb bei einer Demonstration verhaftet, er ist damals etwa im selben Alter wie Asmas Sohn Hafiz. Als Hamzas Eltern seine Leiche überbracht wird, ist sie gezeichnet von Spuren unglaublicher Folter: Verbrennungen, Schusswunden, abgeschnittene Genitalien, ein gebrochenes Genick. Hillary Clinton, damals Außenministerin, sieht im Tod des jungen Hamza einen Wendepunkt: er versinnbildliche „das komplette Scheitern jedweden Versuchs der syrischen Regierung, mit ihrem eigenen Volk zusammenzuarbeiten und ihm zuzuhören„. Ich fragte mich sicher nicht allein, ob das auch auf Asmas Ehe zutrifft. Ist das, was Männer im Auftrag ihres Mannes (oder doch mindestens im Auftrag seiner Berater) mit einem 13-jährigen getan haben, auch ein Wendepunkt in ihrem Leben? Das komplette Scheitern jedweden Versuchs, das Schicksal Syriens zu verändern? Oder war (und dafür erhärten sich die Beweise) ihr Auftreten in der Öffentlichkeit von Anfang an eine Farce und sie stand ideell immer hinter den Zielen  des Regimes (und damit ihres Mannes).

Asma schwieg zu Hamzas Tod und heute, mehrere hunderttausend Tote und über vier Millionen Flüchtlinge später, schweigt sie noch immer. Emails, die an die Öffentlichkeit geraten sind, verdeutlichen, dass sie Baschars Weltsicht teilt: entweder er oder ISIS, entweder Leben oder Tod. Endzeitstimmung bei der schönen Prinzessin aus dem Morgenland.

Obwohl es keine genauen Informationen über den Aufenthalt von Asma und ihrer Familie gibt, weist alles darauf hin, dass sie sich noch in Damaskus aufhält, wenn auch nicht im Präsidentenpalast. Schon vor Ausbruch des Krieges diente dieser nur als Arbeitsplatz für Baschar, während die Familie ein schickes Penthouse über den Dächern der Stadt bewohnte. Diesen gläsernen Präsentierteller haben sie verlassen, Damaskus jedoch vermutlich nicht, denn wenn bekannt würde, dass Baschar seine Familie außer Landes bringen ließ, wäre das der Anfang vom Ende. Ohne seine Zustimmung könnte sie nur ohne die Kinder das Land verlassen. Seit Ausbruch des Krieges haben sie außerdem ein generelles Einreiseverbot in Europa (früher machten sie öfter Kurztrips und Luxusurlaube in Paris oder Rom), doch Asma ist immer noch britische Staatsbürgerin, in Großbritannien könnte man ihr die Einreise also nicht verweigern. Auch die Nachbarländer haben wenig Sympathien für die Assad-Familie, Asyl in einem dieser Länder ist also nahezu ausgeschlossen.

Noch lässt sie sich jedoch in Damaskus behandeln, sie hat das Privileg, tatsächlich Zugang zu einem gut ausgestatteten Krankenhaus zu haben, die meisten anderen Syrerinnen haben es nicht, nachdem Asmas Mann die Hospitäler in Syrien großräumig zerstören ließ. Es ist schwer, sich ihren Alltag vorzustellen, eingesperrt mit ihrem Mann in Damaskus, wissend, dass der Sieg kein Sieg ist, keiner sein kann, dass es keinen Weg zurück gibt, alle falschen Entscheidungen sind bereits getroffen, alle Brücken niedergebrannt. Nachhause, also nach London, werden der Augenarzt und die Finanzanalystin wohl nie wieder kommen.

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.