Libanon Tagebuch VI – Tag 03 (Allgäu)

Die Bildung von Frauen ist in den letzten Monaten immer wichtiger für uns geworden. Neben den „Literacy Courses“, über die ich Ihnen diese Woche auch noch berichten werde, bieten wir auch in mehreren Camps Näh-Workshops für Frauen an. Sie bekommen damit nicht nur eine Beschäftigung, während sie im Libanon bleiben müssen, sondern auch eine Perspektive, nach ihrer Rückkehr nach Syrien zum Familieneinkommen beitragen und ein Stück weit auf eigenen Füßen stehen zu können.

In den über 200 kg Reisegepäck, die wir bei dieser Reise mit in den Libanon genommen haben, waren drei große Koffer randvoll gefüllt mit Stoffen. Auch verschiedene arabische Bücher mit Nähanleitungen haben wir bestellt und verteilt und die Frauen haben angeregt besprochen, was alles möglich wäre. Es ist schön zu sehen, wie wenig es bedarf, dass Menschen in ausweglosen Situationen es wieder wagen zu träumen.

Könnten in den Workshops wohl alle Kinder-T-Shirts, die wir in den Camps in einem Jahr brauchen, genäht werden? Beim bloßen Gedanken daran, endlich wieder einmal eine sinnvolle Aufgabe zu haben, gebraucht zu werden, „Stress“ zu haben, blühen unsere Workshoperinnen auf.

Em Abbas, Leiterin des Näh-Workshops im Zebra-Camp meint, das könnte klappen, man bräuchte noch mehr Frauen, aber ihre Warteliste für die wenigen Nähmaschinenplätze ist ohnehin lang, es bräuchte nur ein paar weitere Maschinen und wenn es dann eine Kooperation mit dem Workshop in unserem Elefantencamp gäbe…..

Em Abbas ist 43, hat 5 Söhne und 2 Töchter, und ist so wild entschlossen, Frauen eine Chance zu verschaffen, weil sie selbst nie eine hatte. Sie kann weder Lesen noch Schreiben, hat keinen Tag ihres Lebens in einer Schule verbringen dürfen, sondern wurde mit 14 an Younes verheiratet, der heute der Leiter des Zebracamps ist. Sie ist seine erste Frau (er hat drei), betont sie immer mit Stolz, weil es das einzige ist, worauf sie glaubt stolz sein zu können.

„Hat deine Mutter dir das Nähen beigebracht?“ frage ich und sie schüttelt den Kopf. Ihre Mutter hat die Familie verlassen, als Em Abbas erst 5 Jahre alt war, ist einfach weggelaufen, niemand weiß wohin.

„Vor dem Vater?“ frage ich und wieder schüttelt sie den Kopf: „Vor dem Leben.“

Die Armut habe ihr das Nähen beigebracht sagt sie mir wörtlich, Younes und sie hätten harte Zeiten hinter sich gebracht, schon vor dem Krieg. Younes Vater hatte ihr zur Hochzeit wunderschöne Stoffe geschenkt und sie hatten nicht das Geld, sie zu einer Schneiderin zu bringen, also habe sie einfach angefangen, langsam und ungenau am Anfang, aber im Lauf der Jahrzehnte immer perfekter.

Seit 6 Jahren sind sie im Libanon, Em Abbas, Younes, ihre 7 Kinder, seine beiden anderen Frauen und deren 6 Kinder. In einem (zugegebenermaßen relativ großen) Zelt. Als erste Frau hat Em Abbas das Sagen in diesem Zelt und es ist ihr Schrein. Ich war in hunderten Flüchtlingszelten aber ein vergleichbares habe ich nie gesehen: alle Wände hat sie mit Stoffen und selbst genähten Borten verziert, ihr Sohn, der Schreiner ist, hat ihr aus weggeworfenem Holz Regale und sogar eine Kommode gebaut (sie erzählt mir, dass das Bauen nur 3 Tage gedauert hat, das Suchen der Materialien und der Lasur aber mehrere Monate), ihre wenigen Besitztümer hat sie in ebenfalls auf dem Müll gefundene Verpackungen sortiert (es gibt eine Waschmittelpackung voller Fotos ihrer Kinder, eine andere Waschmittel-Packung voller Socken…..

Sie hat sich auf der Flucht schwer verletzt und hat seither ein steifes Knie, d.h. sie kann nicht wie alle anderen Frauen in einer großen Schüssel auf dem Boden Wäsche waschen, deswegen haben die zweite und die dritte Frau ihres Mannes, mit denen sie sich sehr gut versteht, ihr angeboten, das für sie mit zu übernehmen. Doch dafür ist Em Abbas zu stolz. Die Kinder (die eigenen und die Stiefkinder) haben daher monatelang versucht, alle Teile für eine Spüle zusammen zu bekommen und ihr Zelt ist nun wohl eines der ganz wenigen in Beqaa, das eine (natürlich stoff-verkleidete) Spüle besitzt.

Ihre rechte Hand bei der Leitung des Workshops ist Amna, ihre Schwiegertochter. Amna ist 17 und hat 2 Kinder. Wie Em Abbas hat sie mit 14 geheiratet, war zuvor aber 6 Jahre in der Schule. Mit Nähen hat sie erst hier im Camp angefangen, sie hätte vorher nie gedacht, dass das etwas sein könnte, was ihr Spaß macht. Aber das Nichtstun und die viele zeit zum Nachdenken macht einen wahnsinnig, sagt sie mir. Ihr Mann, der Schreiner, ist in unserem  Zeltaufbau-Team und würde sich wünschen, dass wir 100 Schulen im Jahr bauen, damit er mehr zu tun hat.

Niemand von Amnas Familie ist im Libanon. Ihr Vater war ein Regimegegner und eines Tages einfach verschwunden. Sie versucht, die Listen der tausenden in Gefangenschaft Verstorbenen, die das Regime in den letzten Wochen veröffentlicht hat, durchzugehen, hat seinen Namen aber noch nirgendwo gefunden. Ob das gut oder schlecht ist weiß sie nicht. Einer ihrer Brüder ist seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und ihre Familie konnte nicht fliehen, weil sie sich um den Bruder kümmern müssen. Zwei ihrer Brüder sind bei Bombardements ums Leben gekommen.  Sie wurde von ihrer Mutter früh verheiratet, damit sie mit der neuen Familie das Land verlassen kann. Auch hier weiß sie nicht, ob das gut oder schlecht ist. In den Camps ist es manchmal schwer zu entscheiden, ob Tod oder Realität wünschenswerter sind.

Im Moment ist es das Nähen, der strukturierte Tagesablauf, die sinnvolle Aufgabe und der Austausch untereinander, der den 28 Frauen des Workshops durch ihre Tage hier in der Fremde hilft. Eine Nähmaschine kostet ca. 1100$ und kann von bis zu 4 Frauen im Schichtbetrieb benutzt werden. Helfen ist also ganz einfach!

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