Sich das Leid von der Seele schreiben….. Teil 3 Masih Alinejad

„To let your hair down“ ist in den USA eine Metapher für „sich entspannen“, „nicht alles so eng sehen“. In Masihs Heimat, dem Iran, kommen Frauen ins Gefängnis, wenn sie ihr Haar nicht kontrollieren können. Masih selbst verlor in Teheran ihren Presseausweis und damit ihre Existenzgrundlage als Journalistin, weil sich während einer Pressekonferenz zwei Strähnen ihrer widerspenstigen Locken gelöst hatten und unter ihrem Hijab hervorlugten.

Masih stammt aus dem winzigen Dorf Ghomikola und wuchs in großer Armut auf. Ihr Vater verkaufte Hühner und Eier auf der Straße, ihre Mutter kann weder Lesen noch Schreiben und verdiente durch Näherei etwas zum Familieneinkommen hinzu. Masih und ihre 5 Geschwister leben mit ihren Eltern in einem einzigen Zimmer, die Toilette (ein Loch im Boden) ist draußen im Hof. Tatsächlich ist diese primitive Latrine ein prägendes Element in Masihs Leben geworden:

Ein Grund dafür ist, dass ihr älterer Bruder, den sie um seine Rechte und Möglichkeiten so beneidete, Angst vor der Dunkelheit hatte und sie nachts immer bat, ihn zu begleiten. Das brachte ihr viel über die sogenannte Stärke der Männer bei.

Und wegen eines Rats, den ihre Mutter ihr gab: Angst könne einen nur lähmen, wenn man es zulässt. Sie riet Masih ihre Augen weit zu öffnen, sich der Dunkelheit zu stellen und der Angst nicht die Möglichkeit zu geben, sich auszubreiten.

Dieser Rat ihrer Mutter wurde zu Masihs Mantra:

„I realised that the whole human rights situation in Iran is like my childhood backyard: it’s dark, and women should open their eyes as wide as they can, because that’s the way to make the darkness disappear.”

Eines Tages kam ihr Vater mit einem merkwürdigen gelben Stock nach Hause, den die Mutter in 6 gleichgroße Teile schnitt und an die Kinder verteilte: die erste und letzte Banane ihrer Kindheit. Die Eltern wiesen alle Kinder an, die gelbe Schlange wegzuschmeißen, doch Masih nahm sie am nächsten Tag heimlich mit zur Schule um damit anzugeben. Ihr erster Ungehorsam gegen die Eltern, aber nicht ihr letzter. Regeln ihrer Eltern hinzunehmen fand sie schon schwierig, den strengen Regeln des Staates für die Rolle der Frauen zu folgen, war unmöglich.

“I’ve got too much hair, too much voice and I’m too much of a woman for them.”

Tatsächlich ist Masih ein Kind der Revolution: der Islamischen Revolution von 1979, die die Monarchie beendete und Chomeini zur Rückkehr verhalf. Masihs Eltern waren Befürworter der Revolution.

“They were poor, they wanted better jobs, they wanted greater opportunities for equality, and they thought the revolution would bring these changes. But before the revolution there was social freedom, women were allowed to participate as equals in much of life – they could do sport, they could go to the gym, there were female judges. The people who backed the revolution wanted political freedom, and they ended up not getting that – plus, they lost their social freedom.”

Masih revoltierte also gegen die Revolution ihrer Eltern und der Hijab, den sie ab ihrem siebten Lebensjahr tragen musste, war immer ein großer Teil ihres Aufbegehrens. Bis heute kämpft sie gegen die Bagatellisierung des Hijab-Zwangs an.

“The first thing that happened was the introduction of the compulsory hijab and everything else came after that, because it was the most visible and essential way of controlling the women. The revolution took our bodies hostage, and it is taking them hostage still.” 

In der Schule schließt sie sich einer Widerstandsbewegung an, mit 18 verlobt sie sich mit einem anderen Aktivisten aus ihrer Gruppe. Noch ehe sie heiraten können, werden beide verhaftet. Als wäre die Erfahrung der Einzelhaft nicht schon traumatisch genug, findet sie im Gefängnis heraus, dass sie schwanger ist. Nach ihrer Entlassung heiraten die beiden und bekommen Sohn Pouyan, doch für Masih ist alles zu klein, zu eng. Sie verlässt ihren Mann, arbeitet erst in der Marktforschung dann als Journalistin für mehrere Zeitungen. Vor Gericht verzichtet sie auf die ihr zustehenden Unterhaltszahlungen und bittet nur um das Sorgerecht für ihren Sohn. Den Gerichtssaal verlässt sie mit keinem von beidem. Pouyan darf sie in den folgenden Jahren nur selten sehen. Für ihre Eltern ist sie eine Schmach: die erste Frau in ihrem Dorf, die je geschieden wurde. Ihr Vater traut sich nicht mehr in die Moschee vor lauter Scham; sie wollen, dass Masih sich schnellstmöglich neu verheiratet, doch sie weigert sich.

Ein paar Jahre später, als sie fürchtet, wieder verhaftet zu werden, verlässt sie den Iran und zieht nach London. Ein Frühlingstag 2014 verändert ihr Leben für immer: an einem sonnigen Morgen läuft sie eine Straße entlang und genießt es, den Wind in ihren Haaren zu spüren. Niemand sonst auf dieser Londoner Straße kann das vermutlich nachvollziehen, aber für Masih, die aus einer anderen Welt kommt, ist die Tatsache, sich nicht verhüllen zu müssen, ein unschätzbares Privileg.

Ihr Lebensgefährte, Kambiz, postet es auf ihrer Facebook-Seite und macht eine entsprechende Referenz auf den Hijab-Zwang im Iran und bringt damit eine Lawine ins Rollen. Sofort gibt es zahlreiche Reaktionen auf das Foto und wenig später gründet Masih auf Facebook die Initiative My Stealthy Freedom, über die wir im Juni 2016 im Rahmen unserer Reihe „DIY-(Welten)macherinnen“ schon berichtet haben. Sie ruft dazu auf, dass Frauen den Hijab ablegen und diesen bewussten Schritt fotografisch festhalten und posten. Tausende Iranerinnen folgen ihrem Beispiel, Masihs Initiative ist mittlerweile die größte Frauenbewegung im Land. Es geht darum, eine Wahl zu haben, betont Masih immer wieder, sie lehne den Hijab nicht kategorisch ab. Ihre Mutter und einige ihrer Freundinnen würden ihn niemals ablegen, und das sei vollkommen in Ordnung. Aber ebenso müsse es in Ordnung sein, dass sie ihn nie wieder trage.

Tatsächlich hat sie ihre Mutter seit fast 10 Jahren nicht mehr gesehen. Ihre größte Angst ist, dass sie sterben könnten, ehe sie in den Iran zurückkehren kann.

“They have no internet, they’re not on social media. Their daughter is the only Iranian journalist with more than two million followers on Facebook and Twitter, but they’re unable to follow me. My mum always said I was a troublemaker, a nightmare. I was expelled from school, I brought them all kinds of difficulty, but I know she is proud of me now. And my father, I think what’s difficult for him is that he realizes that in all that I do, I’m his daughter. He never gives up – and nor do I.”

Momentan ist Masih in den USA gefangen. Sie lebt in Brooklyn und hat dort ihr erstes Buch geschrieben, eine Reise in ihre Kindheit, eine Reise in ein Land, das sie liebt und hasst, das sie zurückhaben will, aber nur um es von Grund auf zu erneuern. In den Iran darf sie als Staatsfeindin nicht einreisen und aus Trumps Amerika darf sie mittlerweile auch nicht mehr ausreisen, weswegen sie nun zum zweiten Mal in ihrem Leben von einer Regierung davon abgehalten wird, ihren Sohn Pouyan, mittlerweile 21, zu sehen, der ihr vor einigen Jahren nach London gefolgt ist. Sie bezahlt wieder einmal einen hohen Preis und hat das Gefühl, dass der Rest der Welt den Iran durch den falschen Fokus betrachtet:

“Everyone is thinking of Iran as a threat, but they’re not thinking about the threat Iran is to its own women. Iran’s leaders say the biggest enemy and the greatest Satan is America. But they sit down to negotiate with the biggest Satan, and they don’t sit down to negotiate with women. I think for Iran the biggest enemy is us, the women. This is about a government that’s controlling a whole society through women. It makes me so sad when people say it’s a small thing, because everything starts from that infringement of our rights.”

Ihr großes Ziel ist es, in den Iran zurückzukehren, auch wenn die momentanen politischen Entwicklungen es jeden Tag unwahrscheinlicher erscheinen lassen. Doch Masih hat Geduld. Masih kann warten. Der Weg ist das Ziel.

“When I was a girl we would go walking in the mountains. Some people would start to say, ‘When will we arrive?’, but I always thought, ‘The journey is what matters.’ We’re learning things along the way, we’re getting healthy. And that’s how it is with this: it’s a process, it’s about education. We’re building up democracy and we’re building up support for a cause that says simply that in the 21st century, women and men are equal, and you cannot suppress half the population.”

Das Buch ist bestellbar unter ISBN 0349008949

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