Die emanzipierte Frau, ihre Vergewaltigungsphantasien und andere Paradoxa

The Journal of Sex Research veröffentlichte Auswertungen von zwanzig Studien zum Thema Vergewaltigungsphantasien. Demnach haben zwischen 31 und 57% (!!) der Frauen Phantasien davon, dominiert zu werden, wobei das Journal davon ausgeht, dass die Dunkelziffer vermutlich sogar noch weit höher liegt. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz dieser Frauen hat den Mut, diese Phantasien zu äußern oder gar auszuleben, aber das sind die Bilder, zu denen Frauen masturbieren. Wieder und wieder.

many cases

Vergewaltigungsphantasien gehören zu den fünf häufigsten Phantasien von Frauen und es sind meist die, für die Frauen sich am meisten schämen. Dabei bedeuten Vergewaltigungsphantasien nicht, dass man wirklich vergewaltigt werden will, sie beinhalten nicht einmal zwangsläufig Gewalt. Unterwerfungsphantasie ist ein Wort, mit dem Frauen oft weniger Probleme haben und das es möglicherweise auch besser trifft. Die wenigsten Frauen träumen davon, dass Männer ihnen beim Sex wirklich wehtun, wünschen sich aber, dominiert zu werden.
Und dafür gibt es im Grunde auch eine sehr einleuchtende, biologische Erklärung: Cindy Meston(Psychologin an der University of Texas in Austin) schrieb eine Veröffentlichung darüber, dass es bei Unterwerfungsphantasien einen sog. „Erregungstransfer“ gibt. Im Gehirn sind die Schaltkreise von Panik und Erregung miteinander verbunden, was also Furcht auslöst, steigert wiederum die Lust.
Was die meisten Frauen an Vergewaltigungsphantasien so erregend finden, ist jedoch nicht der Gedanke der Überwältigung allein, sondern der Grad an Begehren, den der Akt ausdrückt: dass der Mann sie so sehr begehrt, sie so sehr will, dass er sich nicht zurückhalten will und kann, dass er für sie eine Grenze überschreitet, eine gesetzliche, eine moralische, eine gesellschaftliche. Es ist die Vorstellung der eigenen Unwiderstehlichkeit (wenn auch nur für einen Moment), die so unwiderstehlich ist.

BondageSind Frauen mit Unterwerfungsphantasien also Narzisstinnen? Nur bis zu dem Grad, zu dem wir alle Narzisstinnen sind, denn das männliche Begehren spielt eine fundamentale Rolle in unserer Sexualität. Während Männer (leider) keinerlei Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Begierden über unsere zu stellen, haben wir (noch „leiderer“) ebenfalls keinerlei Schwierigkeiten, die männlichen Begierden über unsere zu stellen.

Wenn Frauen sich über zu wenig Sex beschweren, folgt immer sofort der Satz „Ich glaube, mein Mann findet mich nicht mehr begehrenswert.“ – Hauptproblem ist also im Grunde nicht der fehlende Sex, sondern das fehlende begehrt werden; das Gefühl, nicht gut genug, schön genug, sexy genug zu sein. Problematisch ist, dass gängige Medien diese Frauenwahrnehmung stützen, vom Teen Magazine bis zur Cosmopolitan ist die Antwort der sog. Experten auf solche Leserfragen immer dieselbe: kochen Sie ein aufwendiges Essen, ziehen Sie sich Dessous an, massieren Sie ihren Mann, machen Sie Rollenspiele, gehen Sie auf seine Wünsche ein…. Anstatt Frauen also darin zu bestärken, dass sie begehrenswert sind – auch in Walmart-Unterwäsche und wenn sie nicht in der Küche gerade eine Ente a l’Orange in High Heels (die Frau, nicht die Ente) zubereiten – dass echtes Begehren und echte Intimität nicht am BH hängen, werden sie darin bestätigt, dass es ihr Aussehen und ihr Verhalten ist, das entscheidet, ob sie von Männern als begehrenswert angesehen werden.

Warum schreibt die Cosmopolitan denn nicht, dass dein Mann dich nicht mehr begehrt, weil er in einer hormonellen Phase ist, in der Sex nicht mehr oberste Priorität hat, weil ihm schon seit zwei Monaten eine Geschwulst unter seinem Arm aufgefallen ist vor der er Angst hat, weil seine Eltern dement werden, weil in seinem Unternehmen gerade Kürzungen gemacht werden und er eine Kündigung befürchtet oder Komplexe hat, weil das einzige, was schneller rückläufig ist als seine Auftragslage, sein Haaransatz ist? Nein, es liegt immer an unseren fucking Dessous!

BondageIIJe unabhängiger, emanzipierter, mächtiger Frauen im wahren Leben (vor allem beruflich) sind, desto größer scheint auch das Verlangen zu werden, im privaten (und vor allem im sexuellen) Bereich manchmal dominiert zu werden – bei Männern gibt es übrigens eine ganz ähnliche Entwicklung.
Frauen haben zwar generell gesellschaftlich weniger Kontrolle als Männer, müssen aber kontrollierter auftreten (oder fühlen sich zumindest so). Sie sehnen sich danach, Kontrolle abzugeben oder (besser noch) die Kontrolle entrissen zu bekommen, weil ersteres ja schon wieder eine kontrollierte Entscheidung wäre. Aber gerade zu dieser Entreißung sind ihre Partner oft nicht in der Lage, weil wir zu gefangen sind in unseren festgelegten Beziehungsrollen.
Sicher gibt es durchaus Frauen, die mit Recht von sich behaupten, solche Phantasien nie gehabt zu haben, und ohne ihnen dies streitig machen zu wollen, möchte ich meinerseits behaupten, dass wir alle zumindest Variationen davon hatten.

Die häufigsten Sexphantasien von Frauen sind:

1. Vergewaltigung/Unterwerfung
2. Dreier (sowohl mit einer anderen Frau wie auch mit zwei Männern)
3. Rollenspiele mit dominantem Mann (junges Mädchen trifft älteren Mann, Schülerin wird zum Direktor gerufen, Angestellte schläft mit ihrem Chef etc.)
4. Sex in der Öffentlichkeit
5. Sex mit einem Fremden (Sex auf der Toilette einer Bar mit einem Fremden; der Mann, der die Pizza bringt, fällt spontan über einen her etc.)

Nummer 3 und 5 der Liste sind meiner Ansicht nach (abgeschwächte) Variationen der Vergewaltigungsphantasie, denn sie basieren auf einem dominant auftretenden Mann.

Wenn Single-Freundinnen mir erzählen, wie der Mann aussieht, den sie suchen, sind bei den allerersten Antworten immer Sätze wie

• „Er soll größer sein als ich“
• „Er soll gebildeter sein als ich“
• „Er soll älter sein als ich“
• „Er soll erfolgreicher sein als ich“
• „Er soll mehr verdienen als ich“
• „Ich will zu ihm aufblicken können“….

Übersetzt heißt das, wir wollen einen dominanten Mann (ob wir mit ihm leben, ihm die Klobrillen-Regel erklären und den Abwasch diskutieren wollen, sei dahingestellt, aber mit ihm ins Bett wollen wir auf jeden Fall). Ich höre nie Frauen ihren perfekten Partner so beschreiben, dass sie sich wünschen, er wäre schlechter ausgebildet, kleiner, ärmer oder unselbständiger als sie. Fangen hier im Grunde unsere Unterwerfungsphantasien nicht bereits an? Und sicher, viele von uns führen sie nicht fort bis zur Phantasie von einem dunklen Parkplatz, in der ein Fremder uns von hinten überwältigt und zu Boden wirft, aber in den vielen Graustufen dazwischen wünschen wir uns Männer, die in der Lage sind, uns hin und wieder für eine Stunde oder zwei zum Objekt zu machen. Und das ist vollkommen in Ordnung. Unterwerfen Sie sich lieber im Bett als im Leben. Wir müssen einfach nur lernen, auf verschiedenen Ebenen zu leben und zu lieben.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.