Was Frauen wollen und andere unlösbare Fragen

Die meisten von uns werden angeturnt von Dingen, die wir tagsüber nicht laut aussprechen können, die sexistisch, unemanzipiert, politisch unkorrekt oder schlicht peinlich sind.
Alle bisherigen Sexualstudien über Frauen (und viele waren es ohnehin nicht) bezogen sich auf das sexuelle Verhalten der Frau (z.B. Kinsey), nicht das sexuelle Begehren. Anders als bei Männern gibt es da bei uns einen großen Unterschied, denn unsere sexuellen Freiheiten waren über Jahrhunderte stark eingeschränkt und unser sexuelles Verhalten daher nicht immer selbstbestimmt.

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Daniel Bergner dokumentiert in seinem wunderbaren Buch „What do women want?“, das meiner Meinung nach Pflichtlektüre im Sexualkundeunterricht aller Schulen werden sollte, eine neue Studie von Meredith Chivers (Psychologie-Professorin aus Toronto, eine angesehene Wissenschaftlerin und Mitherausgeberin der weltweit führenden Fachzeitschrift auf dem Gebiet der Sexualforschung „Archives of Sexual Behavior“), über das Begehren, in dem alle Probanden einen von Chivers zusammengestellten „Film“ verschiedener sexueller Stimuli gezeigt bekommen. Die Genitalien der Probanden sind an einen Plethysmographen angeschlossen (klingt schlimmer als es ist, trotzdem hoffe ich, dass sie gut bezahlt wurden): Women Dishes NapBei Männern eine Vorrichtung, die sich über den Penis stülpen lässt, bei Frauen eine kleine Plastiksonde, die sie sich vaginal einführen. Das besondere an Chivers‘ Studie ist, dass zusätzlich zum Plethysmathographen, der den genitalen Blutfluss misst, die Teilnehmer zusätzlich auch noch eine Art Klicker in der Hand haben, um kognitiv zu bewerten, was sie erregend finden. Das Begehren der Probanden wird also nicht nur objektiv (durch den Plethysmographen) sondern zusätzlich auch subjektiv (Klicker) gemessen und gibt uns somit die Möglichkeit, zu vergleichen, ob das, was wir subjektiv als erregend bewerten, uns auch tatsächlich erregt. Der Film beinhaltet typisches Internet-Pornomaterial, das sich jeder von uns praktisch täglich ansieht: Clips von kopulierenden Zwergschimpansen, einer attraktiven nackten Frau, die Freiübungen macht, einem gut gebauten Mann, der nackt den Strand entlang läuft, heterosexuellem Sex, schwulem und lesbischem Sex, einem masturbierenden Mann, einer masturbierenden Frau.

Einstein

Die männlichen Probanden reagierten (natürlich) erwartungsgemäß. Heterosexuelle Männer zeigten Erregung beim heterosexuellen und lesbischen Sex und während der Bilder der masturbierenden und nackt turnenden Frau. Schwule Männer zeigten Erregung bei den jeweils gegensätzlichen Kategorien. Keiner der Männer reagierte auf die Zwergschimpansen. Was die Männer durch ihre Klicker subjektiv als erregend angaben, stimmte mit den objektiven Messungen des Plethysmographen überein, bei den Männern waren sich also Geist und Genitalien einig.

Bei uns ist das (auch natürlich) nicht so einfach. Sowohl die heterosexuellen wie die homosexuellen Frauen zeigten starke und rasche genitale Reaktionen auf den Sex der beiden Frauen und (leicht abgeschwächte) auf den Sex der beiden Männer sowie den heterosexuellen Sex. Sie zeigten deutlich stärkere Erregung bei der turnenden Frau als beim nackten Mann am Strand. Und anders als die Männer zeigten sie auch allesamt eine deutliche Erregung bei den Zwergschimpansen.

Das wirklich Interessante ist jedoch, dass bei allen Frauen die objektiven genitalen Messungen keinerlei Übereinstimmungen mit den subjektiven Klickerangaben ergaben.

Bei den Szenen mit zwei Frauen oder zwei Männern gaben Frauen subjektiv keine Erregung zu, hatten aber objektiv durch die genitale Messung hohe Ausschläge. Umgekehrt war es bei der heterosexuellen Sexszene: die Frauen gaben durch ihren Klicker hohe Erregung an, was sich jedoch genital in keiner Weise bestätigte. Und natürlich gab keine der Damen zu, von kopulierenden Schimpansen erregt zu werden.

Freud

Das heißt wohl, wir Frauen stehen unserem eigenen Begehren immer noch so ratlos gegenüber wie Einstein oder Freud. Oder wissen wir, was wir wollen, und trauen uns nur nicht, es zuzugeben? Noch nicht einmal vor uns selbst?

Schon vor zwanzig Jahren gab es die ersten Studien darüber, dass die große Mehrheit der Frauen das männliche Glied nicht nur nicht anziehend, sondern oft sogar „abstoßend“ empfindet und es sozusagen nur als notwendiges Übel in Kauf nimmt. In einem weiteren Test zeigte Meredith Chivers in Toronto jedoch ihren weiblichen Probanden vier Bilder von Genitalien: ein erigierter Penis, ein erschlaffter Penis, eine halb verborgene Vulva und ein Vulva-Close-Up mit weit gespreizten Schenkeln. Alle vier Bilder waren reine Ausschnitte, außer den Genitalien war nichts zu sehen. Die Ergebnisse des Plethysmographen waren eindeutig: es gab sehr hohe Ausschläge beim erigierten Penis und praktisch keine bei den anderen drei Bildern. So sehr der nackte Spaziergänger am Strand (trotz seines adonisgleichen Körperbaus) die Frauen also im vorherigen Test kalt gelassen hatte, so stark reagierten sie nun auf das Geschlechtsteil eines Mannes, von dem sie sonst nicht das Geringste sehen konnten. Der nicht-erigierte Penis hingegen war vollkommen uninteressant. Und warum?

 KONTEXT!  

Hmm? Wieso denn Kontext? Ganz einfach: weil Frauen ihn brauchen, immer und überall, aber ganz besonders beim Sex. Den Penis an sich finden wir nicht erregend, aber der erigierte Penis hat Kontext: er steht (im wahrsten Sinne des Wortes) für das männliche Begehren für uns, wir haben das ausgelöst. Nur unseretwegen ist er hart, ein Sinnbild für unsere eigene Sexyness, es legitimiert uns als Frauen in unserem „Begehrenswert“-Kontext.

Auch eine andere Studie ist in diesem Zusammenhang interessant: wie reagieren Frauen und Männer auf das Angebot von spontanem, unverbindlichem Sex? Im Lauf der Jahre gab es zahlreiche, nahezu identische Studien zu diesem Thema, mit im Grunde demselben Ergebnis: 70% aller Männer reagieren mit Zustimmung, wenn ihnen eine fremde Frau spontan Sex anbietet, aber 0% der Frauen stimmen dem identischen Angebot eines Mannes zu. Das hat uns Frauen den Ruf eingebracht, das Geschlecht zu sein, das weniger sexuelle Bedürfnisse hat, weniger triebhaft ist, treuer, vorsichtiger. Viele von uns können aber bestätigen (vielleicht nicht vor unseren Männern oder Schwiegermüttern), dass das keinesfalls der Fall ist.

Who we areHaben wir vielleicht immer nur die falschen Angebote gemacht? Wäre unsere genitale Reaktion auf das Angebot von spontanem Sex mit einem Fremden vielleicht bei uns genauso stark wie bei den Männern, wird aber überstimmt von der Zensur unseres allgegenwärtigen Geistes, der uns nicht erlaubt, das so erregend zu finden wie wir es tun? Trauen wir also nur einfach nicht zu klickern?
Terri Conley, Psychologin an der University of Michigan und ihr Stigmatized Sexualities Lab, ist genau dieser Frage nachgegangen – und hat sie einfach umformuliert. Anstatt Frauen anonymen Sex anzubieten, hat sie sie gebeten, sich folgendes Szenario vorzustellen: sie verbringen ihren Winterurlaub in Los Angeles. Nach etwa einer Woche treffen sie in einem trendigen Café in Hollywood zufällig Johnny Depp an einem der Nebentische. Und unglaublicherweise sieht er zu ihnen herüber und spricht sie an. Und wenn in diesem Szenario Johnny Depp (oder Brad Pitt, die männlichen Probanden wurden von Angelina Jolie und Christie Brinkley angesprochen) spontanen unverbindlichen Sex vorschlagen, haben Frauen plötzlich keinerlei Probleme mehr damit. – Wir brauchen Kontext, wir brauchen Rechtfertigung, wir brauchen ein moralisches Sicherheitsnetz.

fifty-shades-of-gray-handcuffs Dass erwachsene, gebildete Frauen so bei Fifty Shades of Grey ausflippen, ist ein unverkennbares und unleugbares Zeichen dafür, was in unserem Sexleben schief läuft.
Was uns feucht macht, müssen wir hinterher auch noch vor unseren selbstkritischen Gedanken rechtfertigen können und es muss bestehen können, sonst werden wir der Begierde nicht nachgeben. Deswegen können wir über (ohnehin mehr als zahme) BDSM-Praktiken nur lesen und uns davon anturnen lassen, wenn die Geschichte einen moralisch einwandfreien Kontext hat, eingebettet ist in die gesellschaftliche Rechtfertigung der schlimmen Kindheit und die wahre Liebe schließlich alles überflügelt. Ich habe es schon öfter gesagt und ich sage es wieder: in unserem tiefsten Innern sind und bleiben wir Weicheier.

Fakt ist, es gibt eine massive Differenz zwischen dem, was Frauen glauben zu begehren (oder glauben begehren zu müssen) und dem, was sie tatsächlich begehren; bei uns sind Geist und Genitalien keineswegs im Einklang. Wir haben eine sehr genaue, streng zensierte Vorstellung dessen, was wir erregend finden sollten, beeinflusst von unserer Erziehung, von unserer Peer Group, von ein paar tausend Jahren Evolution, von den Medien und nicht zuletzt von unserem Selbstbild – eine gefährliche Kombination.

 

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