Libanon Tagebuch VII – Tag 02 (Sonnenblumenschule)

Heute früh war als allererstes Stromausfall während wir im Hotel gerade im Aufzug auf dem Weg nach unten waren. Wir sind also definitiv wieder im Libanon!  😊

Auch klimatisch war der Tag eine Berg- und Talfahrt. Er begann in Beirut bei strömendem Regen, beim Überqueren der Berge nach Beqaa schneite es, in Beqaa selbst standen dann alle Straßen unter Wasser, doch unsere Camps sind noch relativ trocken und heute Nachmittag gab es sogar ein paar Stunden Sonne, die wir sofort genutzt haben.

schneebedeckte Berge in Beqaa

 

Viele Felder und Straßen sind überflutet. Die Camps sind zum Glück noch trocken.

 

Unsere Sonnenblumenschule hat heute praktisch schon Richtfest und wir sind damit mehr als im Plan.

Unsere Eröffnung war eigentlich für Donnerstag geplant, aber wir werden sie auf Mittwoch vorziehen, weil die Campkinder sich wünschen, dass wir auch an den ersten Unterrichtstagen noch mit dabei sind, und diesen Wunsch erfülle ich sehr gerne, dann bleibt auch mehr Zeit, um euch die beiden Lehrer vorzustellen und euch Videos vom Schulalltag der Sonnenblumen zu zeigen. Am Mittwoch wird es zwar voraussichtlich noch ein wenig regnen, aber eine Eröffnung, bei der es nicht 45 Grad im Zelt hat, ist sicher auch mal ganz schön.  😊

Trotzdem habe ich persönlich bei diesem Schulbau ambivalente Gefühle. Eine Zeltschule nach fast genau 8 Jahren Krieg ist für mich nicht nur ein Grund zur Freude, sondern auch ein Grund zur Trauer. Wie kann es nur sein, dass dieser Wahnsinn noch immer nicht beendet ist, dass der Rest der Welt immer noch keinen Regimewechsel in Syrien erzwungen hat, dass die syrischen Flüchtlinge immer noch nirgendwo ankommen können, sondern in dieser Zwischenwelt gefangen bleiben? Dass wir immer noch gebraucht werden?

Ein Schulbau heißt deswegen für mich nicht nur, dass jetzt 250 weitere Kinder die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen, es ist auch das Eingeständnis, dass wir immer noch keine Möglichkeit sehen, dass die Geflüchteten in unseren Camps in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren können.

Gott sei Dank sind diese Gedanken für die Sonnenblumenkinder kein Thema, sie sind schon sehr aufgeregt, hätten am liebsten heute schon Unterricht und beobachten gespannt jeden Nagel, der zum Befestigen der Planen eingeschlagen wird.

Heute wurden außerdem nur lösbare Probleme an mich herangetragen (meine Lieblingsart):

  • Mehtap hat keine Schuhe und da der (zwar nur ca. 60m lange) Schulweg durch den Matsch führt, braucht sie natürlich welche. Ich verspreche ihr, dass ich bis Mittwoch Schuhe für sie habe.  Die 250 Paar Gummistiefel, die ich am Eröffnungstag an alle Kinder verteilen möchte, habe ich bereits gekauft.

 

 

 

  • Esra hat Angst vor dem ersten Schultag, sie ist bereits 13 und war noch keinen Tag in ihrem Leben in der Schule, da sie schon mit 5 Jahren aus Syrien fliehen musste. Sie hat Angst, mit Gleichaltrigen nicht mithalten zu können und schämt sich, mit den ganz Kleinen in die Gruppe zu kommen. Ich sage ihr, dass viele Kinder in ihrem Alter noch nie in der Schule waren und dass sie sich nicht für etwas schämen muss, was nicht ihre Schuld ist. Wir sollten uns schämen, dass es Kinder gibt, die hier seit 8 Jahren auf eine Schule warten, denke ich, aber ich sage es nicht, will sie nicht noch weiter verwirren. Ich erkläre ihr, dass wir in den ersten Monaten in altersgemischten Gruppen allen Kindern zusammen das Alphabet beibringen und erst im Sommer Klassen bilden werden, das beruhigt sie sehr.

 

  • Dayyan ist 10 und macht sich Sorgen, was aus seiner Familie wird, wenn er zur Schule geht und nicht mehr auf den Feldern arbeitet. Er kann nicht glauben, dass wir seine Familie einfach so, ohne Gegenleistung, versorgen, dass wir ihnen das Essen einfach schenken. „Dass du zur Schule gehst, ist die Gegenleistung, das ist deine neue Arbeit“, erkläre ich ihm und er ist sehr zufrieden und stolz, dass er weiterhin seine Familie selbst versorgt und sie keine Almosen bekommen.

 

Natürlich haben wir heute auch die anderen Schulen besucht. Schon Wochen vorher wissen hier alle, wann wir wieder im Libanon sind und wären sehr beleidigt, wenn wir während unseres Aufenthaltes nicht jeden Tag jede Schule besuchten. Der Zebraschule haben wir heute etwas ganz Besonderes mitgebracht: ein wunderbares Konzert!  Im Dezember haben die Young Musicians Live, eine Gruppe musikalisch hochbegabter Kinder und Jugendlicher, ein Benefizkonzert zugunsten der Zeltschule gehalten. Das Geld fließt in Schulausstattungen für die nachrückenden Schüler in allen Zeltschulen. Aber wir wollten, dass die Kinder nicht „nur“ vom Geld, das die jungen MusikerInnen gesammelt haben, profitieren, sondern auch von der Musik selbst. Das war nur leider gar nicht so einfach, da unsere Zeltschulen technisch so gut ausgestattet sind wie Heidis Hütte in den Schweizer Bergen beim Almöhi. Die 40 Minuten, die es gedauert hat, bis wir Yehyas Laptop mit einer extra dafür angeschafften Box verbunden haben,  unterhält Linus die Kinder mit seinem „abziehbarer Finger“-Trick, den er lustigerweise selbst bei unser letzten Reise im Beiruter Zollamt gelernt hat, als wir 10 Stunden auf unsere beschlagnahmten 27 Koffer gewartet haben und ein Zollbeamter Mitleid mit uns hatte.

Mit großen Augen und Ohren sahen sich unsere Zeltschule-Kinder dann das Konzert heute an und waren begeistert. Man möchte glauben, es gäbe eine große Distanz zwischen Kindern, die einen Großteil ihrer Zeit ihrer Kunst widmen und Kindern, die einfach nur mit Überleben beschäftigt sind, aber heute war von Distanz nichts zu spüren. Unsere Zeltschule-Kinder waren beeindruckt, dankbar und geehrt, dass eine so „vornehme Veranstaltung“ (O-Ton) für sie stattgefunden hat, „sogar in einer Kirche!“ (O-Ton), und fühlten sich den jungen Künstlern sehr verbunden. Noch einmal vielen Dank an die Young Musicians Live und Familie Haberstock im Besonderen für diese großartige Aktion!

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