Libanon Tagebuch VII – Tag 03 (Sonnenblumenschule)

Heute haben wir die letzten Arbeiten an der Sonnenblumenschule verrichtet: die Tische und Bänke abgeholt, zur Schule gefahren und aufgestellt, die Tafeln in den beiden Klassenzimmern aufgehängt, ein bisschen Sonnenblumen-Deko angebracht, lustige Eröffnungsparty-Artikel eingekauft… und in einer Regenpause war sogar Zeit für ein bisschen Graffiti mit unseren zukünftigen Schülern.  😊

  

Wir sind bereit und freuen uns auf morgen.

 

Ein besonderer Tag war heute auch in unserer Igel-Zeltschule, deren Partner die Allgäuer Gemeinde Gestratz ist: Heute startete der Alphabetisierungskurs für Frauen dort und war auf Anhieb sehr gut besucht. Die ersten Tage im Alphabetisierungskurs sind für die Frauen immer schwer, diese Erfahrung haben wir auch schon in den anderen Zeltschulen, in denen wir das anbieten, gemacht.
Es dauert ein wenig, bis die Scham einem großen Wissensdurst weicht, bis man plötzlich die Schmach darüber, dass man nie lernen durfte, ablegt und sich freuen kann, dass man JETZT lernen kann. Hilal, unser Igel-Lehrer, hat den Frauen den Start sehr erleichtert und es war ein toller erster Tag.

 

Außerdem waren wir heute natürlich in unserer Bäckerei im Zebracamp und haben für morgen eine Extra-Ration Manakheesh bestellt für die Eröffnung morgen. Die Sonnenblumenkinder werden mit leckerem Zatar-Fladenbrot überrascht werden. Modern wie wir sind, ist unserer Bäckerei übrigens mittlerweile eine KiTa angeschlossen und 2 der Mamas, die in der Bäckerei arbeiten, bringen ihre Babys mit, die sehr gerne ihre Zeit am wärmsten Ort im Camp verbringen.

 

Auch bei den Löwen- und Krokodil-Kindern waren wir heute, haben Lebensmittel verteilt und uns angehört, wie sehr der Regen das Leben im Camp erschwert. Die Teppiche in den Schulen sind schmutzig und feucht und wir haben sie gestern in die Autowaschanlage zum Reinigen und Trocknen gebracht, von dort sind sie noch nicht zurück. Ohne Teppiche sind die Betonböden in der Schule eiskalt. In den Wohnzelten haben die Menschen dasselbe Problem, erschwert dadurch, dass auf dem Boden auch noch geschlafen werden muss. Sogar Linus greift in den Schulen immer wieder freiwillig zum Wischer, um den Matsch in den Klassenzimmern ein wenig einzudämmen.

Nie haben wir den viel zu heißen, viel zu trockenen, viel zu staubigen Sommer so herbeigesehnt wie dieses Jahr.

 

Vor ein paar Wochen, noch während Sturm Norma in der Beqaa-Ebene gewütet hat, habe ich ein Telefonat mit Yehya, unserem Giraffen-Lehrer geführt und ihn gefragt, wie die Situation in den Camps ist. Er hat mir geantwortet: „Sag du es mir, du hältst das Staubkorn!“  Erst 2 Tage später hat er mir erklärt, dass er sich damit auf das Buch „Horton hört ein Huh“ bezieht (das ich leider nicht kannte), das er (auf Arabisch) öfter den Giraffenkindern vorliest. Es geht dabei um einen Elefanten namens Horton, der glücklich mit seinen Freunden in seinem Teil des Dschungels lebt, bis eines Tages der Wind ein Staubkorn in seine Richtung trägt, von dem er Stimmen hört. Er fängt es und tatsächlich: das Staubkorn ist ein ganzes Universum, auf ihm leben die „Huhs“, mit deren Bürgermeister er sich unterhalten kann. Plötzlich sieht er seinen geliebten Dschungel mit anderen Augen: seine Heimat nimmt er plötzlich als lebensfeindliches Gebiet wahr, nirgendwo kann er das Staubkorn ablegen, überall lauern Gefahren. Also trägt er es, Tag und Nacht. Seine Freunde lachen ihn erst aus, dann machen sie sich Sorgen, dann halten sie ihn für verrückt, schließlich wenden sie sich einfach von ihm ab, weil er nicht mehr der Horton ist, den sie kannten, alles dreht sich plötzlich um dieses Staubkorn. Yehya hat mir erzählt, dass die Kinder in den Camps immer sagen, ich sei Horton, wenn er ihnen diese Geschichte vorliest und erschreckenderweise habe ich durchaus Parallelen erkannt, als ich mir später das Buch besorgt habe.  😊

Leider macht es einem ein Staubkorn im Libanon besonders schwer, es zu beschützen, das Wetter, die immer weiter in die Ferne rückende Möglichkeit der Heimkehr, die Hoffnungslosigkeit der Situation für eine Generation Kinder, die in Zelten aufwachsen muss und nicht einmal dort willkommen ist…

Deswegen sind wir sehr dankbar, für jede Hilfe. Ihre Spenden machen unsere Arbeit möglich. Bitte geben Sie uns nicht auf, damit wir das Staubkorn weiterhin beschützen können! – Und morgen erweitern wir es sogar – um eine wunderbare neue Schule! Freuen Sie sich mit uns auf eine tolle Eröffnungsparty!

 

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