Libanon Tagebuch VII – Tag 04 (Sonnenblumenschule)

Heute war ein toller Tag! Und er gehörte natürlich ganz den Sonnenblumenkindern. Zum ersten Mal seit langem schien bereits morgens die Sonne (vielen Dank, Fritzi!) und unsere Eröffnungsparty fand bei wolkenlosem Himmel statt.

Leider kam mir in der Nacht die Idee, ein Netz an die Decke der Schule zu hängen, in dem man dann immer wieder neu dekorieren könnte und an dem wir heute Luftballons etc befestigen könnten. Und wie das so ist mit nächtlichen Ideen: man bildet sich ein, sie seien grandios und hält an ihnen fest. Also führte unser erster Weg heute in eines von Libanons vielen „Jagdgeschäften“, die unter dem Vorwand des Jagdsports schwere Waffen an jedermann verkaufen. Der Verkäufer erklärt mir, es sei verboten, Netze zu verkaufen, bietet mir aber stattdessen an, mir auf einem 4m langen Regal mit Maschinengewehren etwas auszusuchen. Auf meine Nachfrage erklärt er mir, Netze zu verkaufen sei aus Vogelschutzgründen im Libanon verboten. Gegen ein M60 scheint dagegen nichts zu sprechen, denn er bietet mir noch einmal an, es auszuprobieren, auch als ich ihm sage, dass ich gar keine libanesische Staatsbürgerschaft habe, sondern nur mit Touristenvisum im Land bin.

Unsere Rettung ist wie so oft der „1000 LBP Shop“ (das Pendant zu unseren 1€ Shops), dort finde ich Netze als Meterware und nehme 20m mit.

Gemeinsam mit den Kindern haben wir dann in der Sonnenblumenschule noch ein paar letzte Verschönerungen vorgenommen und über deren Bedeutung gesprochen: den Wandbehang, den Fritzis Freunde in München gemalt haben; das Schulschild, auf dem ihr Foto ist, auf dem sie einen großen Strauß Sonnenblumen hält, ein Plakat mit einer Botschaft an Fritzi (eine Idee, auf die mich Eltern aus dem Camp gebracht haben, denen das ein Anliegen war).

Die Netzidee, die uns schon beim Einkauf eine Stunde gekostet hat, entpuppt sich als suboptimal, wir verheddern uns alle total darin und es dauert ewig, bis das Netz da hängt, wo ich es haben wollte, und wir verlieren eine weitere Stunde, aber wenn die Kinder denken, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, dann verstecken sie es gut und spielen geduldig mit. 😊

 

Die Kinder der Grundschule in Türkheim und die Kinder des Stielerstraßen Förderzentrums haben T-Shirts für die Sonnenblumenkinder bemalt und die werden dringender gebraucht als je zuvor, denn bei dem vielen Matsch überall sind selbst unsere Sachen nie länger als zwei Stunden sauber. Die Kinder ziehen sie stolz sofort an.

 

Die Lebensmittellieferungen erfolgen in unseren Camps normalerweise nicht über die Schule, sondern werden einmal wöchentlich (in Familienrationen verpackt) beim Camp vorbeigefahren. Am ersten Schultag ist es uns aber wichtig, den Kindern selbst ein paar Kleinigkeiten zu geben, um ihnen noch einmal zu verdeutlichen, dass die Familie nicht die Existenzgrundlage verliert, wenn sie zur Schule (statt aufs Feld) gehen, dass wir wirklich für sie sorgen. Heute gab es Käse, Multivitaminsaft und (große Freude!) die libanesische Version von Nutella!

 

Die Kinder sind ungeduldig, drängeln, schreien, selbst als ich die restlichen Luftballons verteile, wird geschubst, aber auch das kennen wir bereits: bei der Eröffnung neuer Schulen fehlt den Kindern noch der Mut zu vertrauen: ist wirklich genug für alle da? Wird es das, was es heute gibt, nächste Woche wieder geben? In wenigen Monaten wird das Verteilen schon ganz anders aussehen.

Weil alles schon so aufregend war, beschließen wir, die Rucksäcke erst morgen, am ersten Schultag zu verteilen, doch auch als wir die Musik ausmachen und ihnen sagen, dass die Party vorbei ist und wir sie morgen für den ersten Unterrichtstag wiedersehen, fällt es den meisten sehr schwer, sich zu lösen. Sie bleiben, sehen sich um, stellen Fragen, möchten eigentlich schon gleich mit dem Unterricht anfangen.

Vor ein paar Wochen durfte ich einen Vortrag am Pestalozzi-Gymnasium in München halten und wurde im Nachgang von 2 sehr netten Schülerinnen für die Schülerzeitung interviewt. Über die Zeltschule spreche ich oft und gern, aber bei persönlichen Fragen fühle ich mich oft nicht so wohl, deswegen hat es mich selbst sehr überrascht, dass ich auf die Frage, was ich persönlich jungen Menschen wie den beiden Jungjournalistinnen mit auf den Weg geben würde, ganz spontan eine Antwort hatte: Ich würde ihnen gerne mitgeben, sich niemals die Chance entgehen zu lassen, das Leben anderer positiv zu beeinflussen. Die Fähigkeit, die Möglichkeit dazu zu haben, ist ein großes Privileg, das (auch wenn große Verantwortung damit einhergeht) nie als Belastung, sondern immer als Geschenk angesehen werden sollte.

Heute wurde das Leben von 240 Kindern für immer zum Positiven verändert, weil Fritzis Eltern,  Familie und Freunde und viele Spender sich genau diese Möglichkeit nicht nehmen ließen. Was für ein Geschenk!

Vielen Dank, Fritzi, für deine Inspiration, deine Energie über den Tod hinaus, die tiefen Spuren, die du in unserem Sonnenblumen-Camp hinterlässt. Ich hoffe sehr, wir konnten dich heute stolz machen und ich bin sicher, du warst heute bei uns.

 

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